Eine Brache am Stadtrand

Kurzprosa | Judith Hermann: Lettipark

Vor 18 Jahren hat sie mit ihren Debüterzählungen Sommerhaus, später gleich einen grandiosen Erfolg gefeiert. Der Band avancierte zum Bestseller – und der Name Judith Hermann galt fortan beinahe als Synonym für das Phänomen »Fräuleinwunder«. Als »Stimme ihrer Generation« wurde die Berlinerin gefeiert und ihren Texten ein »unwiderstehlicher Sog« attestiert. Vor zwei Jahren legte sie ihren mit großer Spannung erwarteten ersten Roman ›Aller Liebe Anfang‹ vor – ein unspektakuläres, etwas langatmiges Buch über eine Frau mittleren Alters, die eine Zwischenbilanz zieht. Nun präsentiert die inzwischen 46-jährige Autorin wieder einen Band mit 17 neuen Erzählungen – ›Lettipark‹ – getragen von lakonischem, bisweilen leicht künstlich anmutendem Ernst. Von PETER MOHR

lettiparkDie Figuren könnten ältere Geschwister von den »Sommerhaus-Protagonisten« sein, etwas gealtert, leicht desillusioniert, und die neugierige Erwartungshaltung der einstigen Twens ist einer Portion Skepsis gewichen. In einem Interview hatte Judith Hermann eingeräumt: »Offenbar ist es so, dass ich über die Jahre an ein und derselben Geschichte schreibe oder über dieselben Menschen in den verschiedenen Phasen ihres Lebens.«

Von Sehnsüchten und Lebensträumen, vom Scheitern und von neuen Anfängen ist hier wie damals die Rede. Und doch wirken die aktuellen Texte, wie von einer Patina aus Nebel und Düsternis überzogen. »Ein gewöhnlicher, trostloser Park am Stadtrand, eine Brache, und es gab gar nichts zu sehen, verschneite Wege, ein verlassenes Rondell, Bänke und eine leere Wiese«, heißt es über den im Titel verewigten »Lettipark«. Es ist die völlig nüchterne Beschreibung eines Ortes, der keinerlei Empfindungen auslöst und der völlig austauschbar wirkt. Vielleicht ist darin sogar auch ein dezenter Hinweis auf die Figuren verborgen – alles eben grau, trostlos, austauschbar, vielleicht sogar emotionslos.

Die meisten Figuren des Bandes sind schon in Zweitbeziehungen eingebettet, haben manche private wie berufliche Hürden bereits nehmen müssen. So auch die alleinerziehende Mutter Tess, die sich zu einem Vorstellungsgespräch begibt und einen Freund um die Beaufsichtigung ihrer Kinder bittet. In dieser Geschichte mit offenem Ende werden existenzielle Probleme (bekommt Tess den Job oder nicht?) spielerisch verballhornt. Tess lässt mit ihrem Freund und den Kindern selbstgebastelte Papierflieger »über die Straße hinaus auf die Gleise, auf die hohen Pappeln zu« schweben. Ein offenes Textende sollte nicht für grenzenlose Beliebigkeit stehen.

Aber Judith Hermann kann auch ganz anders. Anrührend, empathievoll und psychologisch fein gesponnen wie in der Auftakterzählung ›Kohlen‹, in deren Mittelpunkt die schon verstorbene Mutter des kleinen Vincent steht. Sie ist krank geworden, weil sich ihr Mann von ihr getrennt hat. Nach mehreren Schlaganfällen ist sie schon erblindet, als sie am Krankenbett Besuch von den Nachbarn erhält. »Wir hatten nicht gewusst, dass unsere Gesichter für Vincents Mutter schön gewesen waren.«

Solche in die Tiefe gehenden Einblicke (wie sie auch in ihrem 2009 erschienenen Band ›Alice‹ gewährt wurden) hätte man sich mehr gewünscht von Judith Hermann. So aber überwiegt in diesem Band der von ihr selbst abgegebene Eindruck über das Areal des »Lettiparks« – alles ziemlich trostlos und wenig einladend.

| PETER MOHR

Titelangaben
Judith Hermann: Lettipark
Frankfurt/M: S. Fischer Verlag 2016
187 Seiten. 18,99 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| mehr von Judith Hermann in TITEL kulturmagazin

1 Comment

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Junge Pionierinnen und Pioniere

Nächster Artikel

Die Rückkehr der Zinnfiguren

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Auflösung

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Auflösung

Er sehe sich Irrwegen ausgesetzt, sagte Farb, Sackgassen, täuschenden Abzweigungen, wohin das führe, es würden falsche Fragen gestellt.

Zufall, nein, sagte er, das sei kein Zufall und ebenso wenig ein Anzeichen von Demenz, es würden falsche Fährten gelegt.

Annika legte ihr Reisemagazin beiseite.

Tilman schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Absicht, sagte er, das geschehe mit voller Absicht, die Öffentlichkeit werde auf Glatteis geführt.

Wenn dem Esel zu wohl werde, sagte Tilman, gehe er aufs Eis tanzen.

Annika lächelte. Man wisse sich nicht anders zu helfen, sagte sie.

Integration

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Integration

Er hat sich sehr aufgeregt, sagte Farb, du hättest ihn erleben sollen.

Tilman nickte.

Annika schlug ihre Reisezeitschrift zu und legte sie beiseite.

Cheyne Beach liegt an der südwestlichen Ecke Australiens, nicht weit von Albany, sagte Tilman, fünfundsechzig Kilometer westlich, und wurde zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Stützpunkt der Walfänger, dort vor der Küste wurde immer schon dem Wal nachgesetzt, anderthalb Jahrhunderte lang war es eine einträgliche Industrie, und Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde dort eine Station zur Verwertung der Walkadaver eingerichtet, die Cheyne Beach Whaling Company, die allerdings nicht besonders ertragreich war.

Annika lächelte. Das, sagte sie, war schon die Folge der ersten Jahre der weltweiten Proteste gegen den Walfang.

Die Proteste waren höchst wirksam, sagte Tilman, der Einsatz war allerdings lebensgefährlich, den Walfangbooten wurde mit wendigen Schlauchbooten in die Parade gefahren, so daß eine geordnete Jagd kaum möglich war, die Fangquoten gingen zurück, und im November 1978, alles gut, wurde die Walstation aufgelöst.

Moderne

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Moderne

Hungerstreik?

Sie verweigern das Essen.

Wo verweigern sie das Essen?

Drüben im alten Europa.

Auf unserer ›Boston‹ möchte ich mich auch manchmal weigern zu essen.

Du redest Unsinn, Bildoon, tadelte der Ausguck.

Worte

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Worte

Karttinger, wieso Karttinger, was ist mit Karttinger?

Was fragst du mich, Farb?

Du vermißt ihn nicht?

Er ist kein unterhaltsamer Gesprächspartner, das war er nie, er ist ein Griesgram, ein Misanthrop.

Für jeden Charakter eine Schublade, das klingt aber wenig ergötzlich, Tilman.

Landschaft

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Landschaft

Landschaft, jedermann hat seine inneren Landschaften, so einfach, die Dinge sind leicht zu verstehen: er ist abgründig, ein Fels in der Brandung, stürmisch, wolkenverhangen, ist eine Sandwüste, eine stille Lagune, eine aufblühende Wiese, ein reißender Gebirgsbach, du verstehst, jedermann hat seine inneren Landschaften, er könne sie pflegen, doch sie können sich ändern, indem unversehens ein Gewitter heraufzieht, oder sie wechseln zu einer anderen Szenerie.