111 fremde Betten

Prosa | David Wagner: Ein Zimmer im Hotel

Dies ist kein Roman, keine Erzählung, keine Kurzgeschichtensammlung – und doch ein höchst vergnügliches Stück Prosa. Wer glaubt, dass die Beschreibung von Bettbreiten, Zimmergrößen und Frühstücksbüffets in die Welt von Hotelbewertungsportalen gehört, erfährt hier neue Dimensionen. David Wagner zeigt sich mit Ein Zimmer im Hotel erneut als verborgener Meister der Alltagsbeobachtung und des Gedankenspaziergangs. Von INGEBORG JAISER

U1_978-3-498-07373-2.inddZahlreiche Künstler und Literaten haben lange Zeit in Hotels gelebt oder sich von ihnen inspirieren lassen, denken wir nur an Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir, an Thomas Mann, Vicki Baum, Joseph Roth. Die einen finden im Hotel Heimat(ersatz) und Behausung, den anderen dient der Ort als spannende Projektionsfläche für Sehnsüchte und Fantasien.

Wer viel reist und unterwegs ist – ob aus beruflichen Gründen oder zum reinen Vergnügen – muss auch auswärts übernachten. Doch was macht ein fremdes Hotelzimmer mit uns? Welcher atmosphärische Geist liegt über dem Raum? Auf welche Weise berühren uns Lage und Beleuchtung, Ausstattung und Ausblicke?

Knechtkammer in Kirchzarten

Auch David Wagner ist ein bekennender Vielreisender, saugt fremde Orte als Inspirationsquelle geradezu in sich auf. Oder, wie er es in einem Interview formuliert: »Ich kann schon sagen, dass das Woanders-Sein mich zum Autor gemacht hat.« Seine pure Lust am Sehen, seine ungebremste Beobachtungsgabe bringt ein ungewöhnliches Projekt hervor.

Von März 2013 bis Juli 2016 katalogisiert und porträtiert er die Hotelzimmer, in denen er übernachtet: über hundert Zimmer zwischen Kopenhagen und Kairo, zwischen Tallinn und Teheran, zwischen Schleswig und Shanghai. In Hotelketten, Gästehäusern, Pensionen. Mal in einer holzlastig ausstaffierten »ehemaligen Knechtkammer unter dem Dach« (Hotel Rainhof Scheune, Kirchzarten), mal in einer großzügigen Suite mit verwirrenden Zimmerfluchten und mehreren Eingängen, was zu Verwechslungen mit der Hotellobby führen kann (Hotel Media, Teheran).

Herzlich willkommen, Frau Staatssekretärin

Wagners trockener Humor macht vor keinem Fauxpas halt. In der römischen Villa Massimo wird er von einer unerfahrenen Praktikantin versehentlich in ein falsches Gästezimmer geführt. Ein dort auf einem Silbertablett präsentiertes Pralinchen befindet sich bereits in Wagners Mund, als er auf der ausliegenden Karte aus Büttenpapier liest: »Herzlich willkommen, Frau Staatssekretärin Mömpelgard-Täubner«.

Ein anderes Mal schmökert er in der gediegenen Bibliothek eines Frühstücksraumes und ist kurz davor, einen Bildband zu klauen, von dem er sich bereits den Titel notiert hat: Kulturgeschichte der Unterwäsche. Auch die Abwesenheit eines Nachtportiers in einem Frankfurter Hotel nahe des Messegeländes wird ausgenutzt: »Am Morgen, es gibt einen Wasserkocher und Teebeutel, koche ich Tee, wir trinken ihn im Bett. Von dem Übernachtungsgast, den ich mitgebracht habe, hat im Hotel niemand etwas bemerkt.«

Kugelschreiber und Bleistifte

Mit derselben vermeintlichen Beiläufigkeit, mit der Wagner in seinem viel beachteten, mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman Leben das schnöde rauchgrau-blau-melierte Linoleum seines Krankenhauszimmers beschreibt (»wurde die abstrakte Kunst im Krankenhaus erfunden?«), staunt er nun über wild gemusterte Teppichböden, die weitverbreitete »Zierkissenpest« und Fluten von erikafarbenen Ölgemälden in einem Hotel der Lüneburger Heide (»Sie müssen aus einer Malfabrik stammen. Vielleicht aus China?«). Versucht auch mal, aufgrund seiner umfangreichen Feldstudien gewagte Theorien aufzustellen: in Zimmern mit Teppichboden liegen Kugelschreiber aus, in solchen mit Holzböden eher Bleistifte. Tendenziell erweisen sich die Bleistift-Hotels als höherwertig.

Wagners Miniaturen changieren zwischen kurioser Skurrilität und lakonischer Tristesse. Trotz der zu vermutenden Einförmigkeit des Sujets wird es dem Leser niemals langweilig: So wie der Übernachtungsgast beim Betreten eines Hotelzimmers immer wieder aufs Neue überrascht wird, so bergen Wagners Beschreibungen der örtlichen Topographie, der Architektur, der Inneneinrichtung stets neue bizarre Aspekte. Man kann diesen schmalen, leichtgewichtigen Band an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und sofort zu lesen beginnen. Keine Chronologie, keine Dramaturgie stört. Vielleicht fühlt man sich auch ein bisschen an Xavier de Maistres Reise um mein Zimmer (1794) erinnert – und spürt die Ahnung, dass eine Reise immer zunächst im eigenen Innern stattfindet.

INGEBORG JAISER

Titelangaben
David Wagner: Ein Zimmer im Hotel
Reinbek: Rowohlt 2016
126 Seiten. 18,95 Euro
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