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A Place For Us To Dream

Musik | Porträt: Placebo zum 20. Geburtstag

Ein Song-Medley der ganz besonderen Art: Zum 20-jährigen Bandjubiläum lassen Brian Molko und Stefan Olsdal nicht nur ordentlich die Bässe klingen und internationale Bühnen mit einer Geburtstagstournee beben, sondern haben noch ganz andere Alternative-Rock-Überraschungen in petto. Von MONA KAMPE

»As an artist, you want your venue to be filled with people having a good time. That’s what you live for. It’s the kind of energy that feeds your soul. / Als Künstler möchtest du deine Bühne mit Leuten umgeben, die Spaß haben. Dafür lebst du. Das ist die Energie, die deine Seele nährt.«

Es könnte wahrlich kein besseres Statement geben, welches den Spirit der Londoner Indie-Rockband ›Placebo‹ besser verkörpert, als jenes, welches Sänger und Songwriter Brian Molko dem britischen Magazin ›M‹ im Sommer dieses Jahres offenbarte.

Placebo_2016  Universal Music
Placebo (2016)
Abb: Universal Music

Seit ihrer Geburtsstunde 1994 (unter dem Namen ›Ashtray Heart‹) und ihrem Debütalbum ›Placebo‹ im Juni 1996 hat die aktuell zweiköpfige Band um Molko und Bassist Stefan Olsdal weltweit über 12 Million Tonträger verkauft und erhielt 2009 den ›MTV Europe Music Award‹ als ›Best Alternative Act‹.

Und das, obwohl das einstige Trio – mit dem ehemaligen Gründungsmitglied Drummer Robert Shultzberg, der die Band bereits 1996 verließ – die Szene Mitte der Neunziger Jahre mit dem androgynen Auftreten des Leadsängers Molko und düsterem Erscheinungsbild – tiefschwarzer Mascara, Eyeliner sowie Nägeln – irritierte. Für allgemeines Staunen sorgte auch die Wahl des Bandnamens ›Placebo‹ (lateinisch: Ich werde gefallen), der eine Scheindroge bezeichnet. Eine ›Gothic‹-Gruppierung aus dem Nirgendwo?

Der Schein trügt

Nein – eine Band von überall, die sich vom Mainstream des ›Britpop‹ abhob. Denn die drei jungen Männer sind keine gebürtigen Briten, sie begegneten sich zu Schulzeiten in Schweden und Luxemburg und erst kurz vor der Bandgründung wieder in London. Ihr Stil orientiert sich am ›Post-Punk‹ sowie ›New-Wave‹-Bässen und der Musikkunst von ›Depeche Mode‹ sowie ›Joy Divison‹. Großen Einfluss auf Molko haben auch Solo-Künstlerinnen mit kratziger Soulstimme wie ›Janis Joplin‹ und Talentwunder ›Billie Holiday› mit seinen ungewöhnlichen, leidenschaftlichen Klangnuancen.

»So many people have picked up on the darkness in our music. As if nailpolish and eyeliner can be translated into goth! They’re mistaking the broodiness and intensity of desolate emotional music. What interests me is the vulnerability. The passion and emotion, exploring them in as naked a way as possible because you can feel more if you’re not hiding behind things, / Viele Menschen sehen nur das Düstere in unserer Musik. Als ob Nagellack und Eyeliner die universelle Übersetzung für ›Gothic‹ sind! Sie verkennen die Schwermut und Intensität von verwüstend emotionaler Musik. Es geht um Leidenschaft und Emotionen, die man so pur wie nur möglich erleben muss, denn man fühlt viel mehr, wenn man sich nicht hinter Masken und Dingen versteckt«, äußerte Brian Molko 1996 in einem Interview mit dem britischen Magazin ›New Musical Express (NME)‹ zu den musikalischen Intentionen der Band.

Placebos Musik vereint selbstverständlich Einflüsse musikalischer Vorbilder, möchte aber keine anderen Künstler imitieren. Ihr Motto: Sie sind ganz sie selbst. So macht der Songwriter Molko, der Schauspiel in London studierte, sich seinen ganz eigenen Spaß daraus, Menschen mit seiner femininen Seite zu faszinieren und seine Kunst als ein Vehikel für Emotionen zu verwenden, die man im Alltag eher nicht offenbaren würde. Diese Lebenseinstellung spiegelt sich auch in Placebos Performances wider.

Im Zwielicht zwischen Rock-Punk und düsterer Melancholie

Die Single-Auskopplung von ›Every You Every Me‹ aus dem zweiten Studioalbum ›Without You I’m Nothing‹ wurde 1998 zu ›Placebos‹ bekanntestem Song, als diese in den Soundtrack zu dem Kinofilm ›Eiskalte Engel‹ aufgenommen und im Vorspann gespielt wird. Die Band gewann über Nacht zahlreiche Fans.

Bereits beim zweiten Album wurde der Kontrast zu dem punkig-rockigen Debüt deutlich: Das Trio – seit 1996 mit Schlagzeuger Steve Hewitt – präsentierte sich mit düsteren, schwermütigen Balladen. Obwohl rockigere Riffs und elektronische Einflüsse (wieder) Einzug in die folgenden Tonträger erhielten, blieb eine gewisse Melancholie in ›Placebos‹ Musik bestehen. Die änderte sich erst 2006 mit dem fünften Album ›Meds‹, in dem die Band zu ihren instrumentellen Wurzeln zurückkehrte und wieder verstärkt Gitarre, Bass, Schlagzeug und Klavier einsetzte.

Abermals erfolgte ein Drummerwechsel aufgrund interner und persönlicher Differenzen – Steve Forrest begleitete die Gruppe ab 2008, bis er sich Anfang 2015 seiner Solokarriere widmete und Molko und Olsdal als Duo zurückließ.

›A Place For Us To Dream‹ – Alternative-Rock-Medley aus 20 Jahren

Das zweite Retrospective-Album ›A Place For Us To Dream‹, das am 7. Oktober 2016 – auch auf Vinyl – erschien, ist ein Geschenk an alle treuen Placebo-Fans aus 20 Jahren Bandbestehen. Es vereint Rock-Punk-Klassiker aus den frühen Jahren wie ›Nancy Boy‹, ›Come Home‹ und ›Teenage Angst‹ sowie melancholische Balladen wie das ›Kate Bush‹-Cover ›Running Up That Hill‹, ›Pure Morning‹ und ›The Bitter End‹. Ein würdiges Alternative-Rock-Medley aller sieben Studioalben, das das Zwielicht und die Entwicklungsgeschichte Placebos adäquat abbildet. Neben 35 alten Bekannten und Song-Neuauflagen präsentiert die Band auch seine brandneue Single ›Jesus‘ Son‹ und Bilder aus privaten Sammlungen.

Placebo - A Place for us to dreamZeitgleich erschien das Album ›Life’s What You Make It‹ mit sechs unveröffentlichten Live- und Studioaufnahmen, unter anderem dem Cover der gleichnamigen ›Talk Talk‹-Single.

›Placebo‹ befinden sich noch bis Ende des Jahres auf Welttournee, um ihr Jubiläum würdig mit ihren Fans zu feiern und haben für die Live-Shows einige Überraschungen in petto: So bescherten sie Hamburger Konzertbesuchern der ›Barclaycard Arena‹ an Halloween ein ausgiebiges, würdiges Grusel-Gänsehaut-Spektakel mit blutigen Cocktails und totenköpfigen Gitarrengrüßen. Die Band ist auf der Bühne ganz in ihrem Element: bunte Lichtspiele, beeindruckende Bass-Performances und instrumentale Klang-Highlights. Selbst bei den Balladen ist Mitklatschen, -machen und -rocken angesagt, denn schließlich »is this our fucking birthday party – so let’s party, / ist das unsere Geburtstagsparty – also lasst uns feiern«, um Molko zu zitieren.

Placebo tun das, was sie können und lieben: Sich und ihrem Publikum mit ihrer Musik einen Platz zum Träumen schaffen, an dem sie pure Emotionen ausleben sowie erwecken können und gemeinsam Spaß haben.

| MONA KAMPE

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