»…dem zeitlosen Jazz ins Netz gehen…«

Musik | Jazz: Ebene Null und Wayne Shorter

Unschwer und lässig mal dem zeitlosen Jazz ins Netz gehen… ungewöhnliche deutsche Jazzband und alter Herr des amerikanischen Jazz: Ebene Null und Wayne Shorter – vorgestellt von TINA KAROLINA STAUNER

Ebene Null: … wie »Traumfänger« …

Ebene Null - WandertriebEbene Null nennen sich die Kölner Jazzer Lucas Leidinger, Christoph Möckel, Stefan Berger und Max Andrzejewski. Pianist Leidinger sagt über die erste CD ›Wandertrieb‹ der Band: »Sicher ist es Jazz. Aber es könnte auch etwas ganz anderes sein…« Ist es aber nicht. Aber dass es Jazz ist, genügt in diesem Fall tatsächlich eigentlich. »Nullebene«, ein Bautechnikfachbegriff, ist die Oberkante von Erdgeschossfußboden. Oder im Speziellen, was die Band betrifft, inspiriert durch Ebene Null einer Tiefgarage.

Im Jazz von Ebene Null ist das dann musikalisch eine gradlinige Klarheit mit einer ständig wachsenden Summe von Möglichkeiten – kann man so definieren. Aber die Stücke entspannen beim Anhören einfach und können fast gute Laune machen. Man kann bei ›Schwarzes Wollknäuel‹ vielleicht an eine verspielte Katze denken. Oder sich bei »Traumfänger« an einem Nachmittag in Gedanken verfangen. Und man kann die Musik auch einfach ins Ohr stöpseln, wenn man ziellos Straßen entlangspaziert auf Nullebene … einfach nur Jazz, ganz hübsch und leichte Ladung Musik und bequemer Pegel im Jazz.

Jazz kann so vieles sein. Und manchmal ist Jazz eben einfach nur Jazz. Nicht mehr, nicht weniger, und fertig!

Eine der Inspirationsquellen der Jazzer soll Wayne Shorter sein. Lukas Leidinger kommentiert: »Ebene Null ist die Summe seiner Einzelteile. Sie ist oberhalb und unterhalb, überall und nirgendwo zugleich. Sie verteilt sich wie blauer Dunst. Sie ist einfach sie selbst, ohne zu fragen. Wenn ich ein Stein wäre, würde ich mich zu ihr legen.« Weiteres von dem Pianisten und Komponisten Lucas Leidinger gibt es in den Formationen Lucas Leidinger Quintett oder Mount Meander.

WayneShorter: »Alles, was gesagt worden ist, ist offen für Veränderung«

Wayne Shorter Quartet - Without a netEine eher schwere Ladung Musik und ein starker Pegel im Jazz ist Wayne Shorter mit seinem ›Quartet‹. Seine CD ›Without A Net‹ stellt nach über 40 Jahren Musikerleben eine Rückkehr zum Label Blue Note dar, bei dem seine ersten Aufnahmen schon 1959 für Art Blakey auftauchten.

Wayne Shorter ist mittlerweile über 80 Jahre alt. Und man sollte sich die älteren Herren des Jazz anhören jetzt, solange sie leben. Deshalb picke ich Shorter aus dem CD-Stapel. Ich, die von Shorter immer nur nebenbei Kenntnis genommen hatte. Denn: Ich habe mir seit jeher viel Free Jazz gegönnt, aber habe noch nie Fusion gemocht. So habe ich bis jetzt Shorter jedenfalls am Rande als Sideman von Miles Davis wahrnehmen können und habe halt zufällig hie und da von seiner Arbeit mit Weather Report etwas mitbekommen.

Bei Wayne Shorter und seinem seit Jahren bestehenden Quartett wird Jazz schon mal Drahtseilakt genannt. Musik, bei der es um eine »Shpäre völliger Offenheit gehen kann mit Raum zwischen den Tönen«, um Höhen und Abgründe, Neugierde, Geheimnisse, Bewegung, Suche, »Wenn wir rausgehen, um zu spielen, kennen wir die Antwort nicht«, so Shorter. Es bereichert die Sensibilität die Perfektion des Quartets, bei dem Danilo Pérez, John Patitucci und Brian Blade mitspielen, zuhörend zu erforschen und deren musikalische Wege und so manche Hochseilakrobatik mitzuverfolgen. Einmal ergänzt auch durch das klassische Bläserquintett Imani Wind. ›Whitout A Net‹ sind Live-Mitschnitte aus dem Jahr 2011.

Neben gerade entstandenen Stücken taucht auch Material früherer Jahre auf wie ›Orbits‹ vom Album ›Miles Smiles‹ und ›Plaza Real‹ von Weather Report. Und zwar in absolut spannend-heutiger Improvisation.

»Ich meine ja, dass nichts wirklich zum Ende kommt (…) Wir versuchen das Beste der Klassiker als eine Art Licht zu nutzen, das den Weg ins Ungewisse erhellt.«

Harmonischen Jazz mag ich selten hören, aber ein Tenor- und Sopransaxofonspieler wie Shorter ist zugegeben jedenfalls genug abenteuerlich und fesselnd. Kennt im Ton mit einfühlsamer Wärme und extremerer Schärfe, Details und Leerstellen und gut auch die einen oder anderen Sprödheiten faszinierend gekonnt umzugehen und sich Freiheiten zu nehmen und anzubieten. Und eine Nachmittagsstunde profan gesagt zu verschönen. Sollte man wohl zu schätzen wissen. Sich genießend in so einen edlen Klangraum zu begeben. Anspieltipp das kurze und neue ›Myrrh‹.

| TINA KAROLINA STAUNER

Titelangaben
Ebene Null: ›Wandertrieb‹
(Traumton/Indigo)

Wayne Shorter: ›Without A Net‹
(Blue Note /Universal Music)

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