Folkdays…The Magnetic Fields

Musik | The Magnetic Fields/Stephin Merritt: 69 Love Songs

Song um Song über Liebe und nochmal Liebe, Surrealismus, Realismus, Liebäugelei mit automatistischem Schreiben. ›69 Love Songs‹ und 46 Liebeslieder hat TINA KAROLINA STAUNER gehört.

The Magnetic Fields - 69 Love SongsStephin Merritt gründete 1990 die Bostoner Band The Magnetc Fields. Entstanden aus dem Projekt Buffalo Rome. Merritt dachte dabei an André Breton und Philippe Soupault und deren Buch ›Les Champs Magnétiques‹, 1919 als erster Text des Surrealismus veröffentlicht. Es gibt eine deutsche Übersetzung von Ré Soupault ergänzend: ›Die magnetischen Felder‹ – Surrealismus, automatistisches Schreiben. Stephin Merritts Magnetic Fields waren oder sind mal mehr keyboardlastiger Indie-Rock und mal mehr Indie-Folk-Pop, spielend auch mit Noiseelementen und verortet im Lo-Fi. Sie verirrten sich im Sound manchmal auch im schaurig-hübschen 60’s Pop.

Mitglieder der Band sind neben dem 52-jährigen Stephin Merritt: Claudia Gonson, Sam Davol, John Woo, Shirley Simms und früher einmal Susan Anway – mit der Instrumentierung: Ukulele, Banjo, Mandoline, Accordion, Cello, Flute, Piano, Guitars, Percussion, Synthesizer und mal einigen und mal vielen weiteren Instrumenten. Gerade wurde das Album ›50 Song Memoir‹ der Band veröffentlicht.

Die Magnetc Fields fielen mir erstmals 1999 mit ihrem siebten Album ›69 Love Songs‹ besonders auf. Es inspirierte mich zu einer essayistischen Rezension über die Arbeit und Welt der Magnetc Fields und über den Denkversuch Stephin Merritts genannt ›69 Love Songs‹:

Stephin Merritts Magnetic Fields ausuferndes CD-Projekt ›69 Love Songs‹ – Kurz reingehört und erster Eindruck: 46 Liebeslieder hätten gereicht.

The Magnetic Fields, das ist: Stephin Merritts klaustrophobische Art, Stephin Merritts variable Stimmen, Stephin Merritts reizende Beziehungsphobien, Stephin Merritts gestylter Furor, Stephin Merritts zahllose Ideosynkrasien, Stephin Merritts unstillbare Liebessucht…Stephin Merritt, ein Erzähler, Singer-Songwriter, Möchtegern-Chansonnier, Folky, Beinahe-Rock’n’Roller – klagend, nölend, bösartig, zahm, witzig, clever, souverän, cool, scheu, nett, verspielt…im ganzen Spektrum Lust, Freude, Schmerz, Liebe, Glück, Leid. Und inmitten allem diese Frauenstimme in ›Acoustic Guitar‹: Klarheit in konfusen Zeiten. Mut zu kalter Schönheit. Konnte aus der umfangreichen Zusammenarbeit für ›69 Love Songs‹ von Claudia Gonson mit Stephin Merritt entstehen.

Natürlich möchte man 69 Liebeslieder. Aber dann nicht. Man nimmt 46 davon. Man will nur 46 dieser Lieder. Denn: Mit 69 Liebesliedern gerät man in einen hermetischen Raum, eine Welt für sich und unüberschaubarer Raumperspektive: Treppen führen zu Treppen, wie in einer Grafik von M.C. Escher… »Täuschungen, Illusionen, unmögliche Figuren, Verzerrungen, Metamorphosen, Möbiusbänder«… Und Liebeslieder, wo man herkommt; Liebeslieder, wo man hinkommt… wenn man in dieser Raumkonstruktion ist, findet man nicht wieder heraus, irrt darin herum, mit und in und zwischen Liebesliedern. Deshalb: 46 Liebeslieder…aus Stephin Merritts Blendwerk! Stephin Merritts Verzweiflung! Stephin Merritts Glück! Stephin Merritts Wahn! Stephin Merritts Trug! Stephin Merritts Geschick…Mit 46 Liebesliedern kommt man überall durch, aber 69 dieser Lieder führen an den Rand des Ruins. Wenn Stephin Merritt singt und singt und singt … ist zu spät zum Umkehren … Aus diesen Liebesliedern gibt es kein zurück. Gut, wer eine Auswahl getroffen hat und den Überblick bewahrt. 46 Liebeslieder. Nur 46 Liebeslieder.

Neben dem Konzeptalbum ein Seitenblick auf die M. C. Escher-Kunstwelt

Befasst man sich eingehend mit der 3-CD-Box, zeigt sich das Konzeptuelle. Permanentes Fokussieren des Phänomens »Liebe«: Situationen, Momente, Facetten. Man beginnt, von außen zuzusehen. Ein Thema und viele Spielarten, Erlebnisse, Möglichkeiten, Variationen. Liebe in totaler Überdosis wird zur nüchternen Abhandlung über Liebe. Durchaus auch nervend – zu viel Idealismus, Dilettantismus, Naivität. Schwindender Charme des Multiinstrumentalisten Merritt. Gonson als rettende Mitstreiterin. Nehmen wir: ›I’d rather just go dancing‹ aus ›Time Enough for Rocking When We’re Old‹.

Und sehen wir uns noch mal M. C. Escher an: »Mehrere Fluchtpunkte, die sich außerhalb des Bildes befinden, schaffen Welten, die architektonisch miteinander verbunden scheinen, jedoch rational innerhalb unseres physikalischen Erfahrungshorizontes unvereinbar bleiben. Mit Figuren ohne gemeinsame Anschauung. Wo für eine Figur die Wandfläche die Decke ist, ist dieselbe Wand für die andere Figur der Fußboden…«, ist in Fachliteratur über den Niederländer zu lesen. Und hören Liedzeilen zu wie »…no ground no sky…« aus ›I Shatter‹ oder … »Where you go when you’re feeling free…« aus ›Very Funny‹.

Stephin Merritt? Das ist der Sohn des Folkmusikers Scott Fagan und lebt ein ziemlich queeres Leben, zeigt seine Macken, leistet es sich immer wieder auch ein Spinner zu sein und war außer Musiker schon Kulturmagazinherausgeber.

| TINA KAROLINA STAUNER

Titelangaben
The Magnetic Fields/Stephin Merritt: 69 Lovesongs (1999)
(Merge Records)

Veröffentlicht wurden bis 1999:
Distant Plastic Trees (1991, Red Flame)
The Wayward Bus (1992 , PoPuP)
The House of Tomorrow (1992, Feel Good All Over)
Holiday (1994, Feel Good All Over)
The Charm of the Highway Strip (1994, Merge Records)
Get Lost (1995, Merge Records)
69 Love Songs (1999, Merge Records)

Es gibt weitere Alben und in einem zweiten Teil über Stephin Merritt and the Magnetc Fields in den nächsten Wochen mehr dazu. Insbesondere über das neue Album ›50 Song Memoir‹ (Nonesuch Records).

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