/

Das Leben war ein Gespräch

Menschen | Zum Tode des Georg-Büchner-Preisträgers Tankred Dorst

»Unser Leben ist ein Gespräch.« So hatte Tankred Dorst 2005 die Beziehung zu seiner langjährigen Lebensgefährtin und Co-Autorin Ursula Ehler beschrieben, die er Anfang der 1970er Jahre bei der Arbeit am Fernsehfilm ›Sand‹ kennengelernt hatte. Von PETER MOHR

Tankred-DORST - STÜCKE-1Als ihm vor vier Jahren der Theaterpreis ›Die Faust‹ als Anerkennung für sein Lebenswerk verliehen wurde, rühmte man ihn als »wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker der letzten Jahrzehnte.« Im gleichen Jahr hatte das kongeniale Künstlerpaar seinen Wohnsitz von Schwabing nach Berlin verlegt.

Die Konversation als inspirierendes Moment schien bis ins hohe Alter äußerst fruchtbar gewesen zu sein, denn Dorst gehörte auch in jüngerer Vergangenheit immer noch zu den produktivsten deutschsprachigen Theaterautoren.

2005 war ›Die Wüste‹ in Dortmund uraufgeführt worden, 2008 ›Künstler‹ in Bremen. Dazwischen hatte der Vollblut-Theatermann bei den Richard-Wagner-Festspielen 2006 in Bayreuth beim ›Ring des Nibelungen‹ künstlerisch die Fäden gezogen. 2009 war in Luxemburg sein Stück ›Ich soll den eingebildeten Kranken spielen‹ uraufgeführt worden.

Eine achtbändige Werkausgabe (mit nicht weniger als 50 Theaterstücken) liegt inzwischen im Suhrkamp Verlag vor. Zuletzt war 2009 die Erzählung ›Glück ist ein vorübergehender Schwächezustand‹ erschienen, in der keineswegs zufällig Richard-Wagner-Motive eine zentrale Rolle spielen.

»Das Verruchte weckt und beschäftigt die Phantasie. Der Anstand glättet sie«, hatte Tankred Dorst 1990 in seiner Büchner-Preis-Rede erklärt. »Saustücke«, pflegte seine hochgebildete Mutter die Stücke ihres Filius‘ zu nennen. »Das mag irgendwie ein Stachel in mir sein, der mich immer antrieb, es Mama zu zeigen«, so der Dramatiker.

Tankred Dorst, der am 19. Dezember 1925 im thüringischen Oberlind bei Sonneberg als Spross einer gutsituierten Fabrikantenfamilie das Licht der Welt erblickte, schaffte 1961 mit seiner ›Großen Schmährede an der Stadtmauer‹ den Durchbruch – ein stark an Brecht orientiertes Stück. Die Auseinandersetzung mit der Historie, mal stark an der Realität angelehnt, mal mit Anleihen aus der Märchenwelt leicht verfremdet, zieht sich wie ein roter Faden durch das opulente Oeuvre.
Auf dem Höhepunkt der Studentenunruhen setzte Dorst dem Revolutionsdramatiker Ernst Toller (1893-1939) mit dem nach ihm benannten Stück ein literarisches Denkmal. Er zeichnet in diesem viel gespielten Drama den von politischen Wirren geprägten Lebensweg des Schriftstellers und Verfechters der Räterepublik nach.

Zu Unrecht sah sich Dorst wiederholt dem Vorwurf ausgesetzt, reines Dokumentartheater zu inszenieren – auch im Kontext des 1973 uraufgeführten Stückes ›Eiszeit‹, das sich mit dem Leben des dem Faschismus zugeneigten norwegischen Nobelpreisträgers Knut Hamsun befasst.

Immer noch von großer Aktualität ist der in Zusammenarbeit mit seiner Lebensgefährtin Ursula Ehler entstandene Zyklus um eine durch die Teilung Deutschlands getrennte Großbürgerfamilie (›Dorothea Merz‹, ›Auf dem Chimborazo‹ und ›Die Villa‹). Diese Stücke dienten auch als Vorlagen für äußerst erfolgreiche Fernsehspiele.

Tankred Dorst war mehr als nur ein Dramatiker, er war ein Theaterliebhaber, ein Pedant, der die Messlatte stets sehr hoch legte: »Wenn sich Regisseur, Schauspieler, Autor und Bühnenbildner in einer Gruppe zusammenfinden, ist das ein Glücksfall. Ich bin gerne im Theater. Seit ich 14 bin, habe ich immer Stücke schreiben wollen und dies auch getan«, beschrieb er einst seine lebenslange Leidenschaft.

Theater um des Theaters willen war ihm stets ein Gräuel. Tankred Dorsts Stücke tragen eine unverwechselbare Handschrift, bestimmt von einer Synthese aus ausgeprägtem Geschichtsbewusstsein, klassischen Märchen und immer stärker verblassenden Utopien. »Die gescheiterte Utopie, das Misslingen, das ist unser Thema«, so hatte der Dramatiker seine eigene Arbeit resümiert.

Der Frankfurter Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier charakterisierte den Büchner-Preisträger, der von den Intendanten und Regisseuren Peter Zadek, Dieter Dorn, Hans Neuenfels und Peter Palitzsch stark gefördert wurde und einst vom Marionettentheater den Weg auf die großen Bühnen fand, mit den prägnanten Sätzen: »Dorst ist als Dramatiker immer Historiker. Er hat die Seite der Geschichte im Blick, die im Dunkel liegt. Dorst führt Prozesse vor, aber keine Urteile.«

Am Donnerstag ist Tankred Dorst, eine der prägenden Figuren des deutschsprachigen Nachkriegstheaters, in Berlin im Alter von 91 Jahren gestorben.

| PETER MOHR

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die elektronische Stadt

Nächster Artikel

Umgestaltung der Arbeitswelt

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Gefährlich leben

Menschen | Hans Neuenfels: Das Bastardbuch Künstler sind immer besonders, aber Hans Neuenfels ist – ohne Zweifel – besonders besonders. Als Schauspiel- und Opernregisseur polarisierte der heute Siebzigjährige Publikum und Fachwelt. Indem er seinen Lebenserinnerungen den Titel Bastardbuch gab, verlieh er sich das Prädikat eines Nichtangepassten, eines Unzugehörigen, gar eines Ungehörigen, gleich selbst. Sicher ist auch ein wenig Theaterpose dabei. Doch hinter der Selbststilisierung steckt der unerbittliche Ernst einer beispiellosen Kunstbesessenheit. Eine (existentialistische) Haltung, die das Leben prägt. Ein »gefährliches« Leben jedenfalls, nach der Formel Nietzsches. Da kann der Anschein bürgerlicher Geordnetheit täuschen. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

»Was machen wir aus unserem Leben? «

Menschen I Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll

Sie sind zwei der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts: Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll. Sie waren auch persönlich miteinander befreundet. Über diese Freundschaft ist jedoch nur wenig bekannt. Nun liegt der gemeinsame Briefwechsel vor, der lange unter Verschluss gehalten wurde: ›Was machen wir aus unserem Leben?‹ 122 Briefe sind es, 58 von Bachmann und 64 von Böll. Den ersten davon schrieb Bachmann im Dezember 1952 an den »lieben Heinrich«; er war die Antwort auf einen (verlorenen) Brief Bölls, mit dem dieser den Briefwechsel eröffnete. Vielleicht bedankte er sich darin bei Bachmann für eine Rezension seiner Erzählung ›Der Zug war pünktlich‹ in der österreichischen Kulturzeitschrift ›Wort und Wahrheit‹. Von DIETER KALTWASSER

Papst des nouveau roman

Menschen | Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers Alain Robbe-Grillet

Als Alain Robbe-Grillet 1955 den Roman ›Der Augenzeuge‹ veröffentlichte, schien die praktische Umsetzung des »nouveau roman« erstmals meisterhaft geglückt. »Ich habe das Schreiben begonnen, um die Gespenster zu vertreiben«, versuchte Robbe-Grillet seine künstlerischen Motive zu erklären. Von PETER MOHR

China zeigt sein wahres Gesicht

Menschen | Liao Yiwu: Die Kugel und das Opium Der Dissident und Lyriker Liao Yiwu klagt die chinesische Regierung an: Selbst der Tod sei verlockender als ein Leben unter der repressiven Folter der KPC. Die erbrachten Opfer der Studentenbewegung im Jahr 1989, insbesondere des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens dürften nicht in Vergessenheit geraten. Als Beweislage bringt Yiwu Die Kugel und das Opium hervor, in denen Augenzeugen und Beteiligte der Demonstrationen über ihre anschließenden Qualen berichten. Ein erschreckendes Gesellschaftsbild der Volksrepublik gerät ans Tageslicht. Von MARC STROTMANN

Der Entdecker der Langsamkeit

Menschen | Zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Sten Nadolny »Nun sind wir im Bett, ich so mehr theoretisch, der Junge aber richtig, mit Flanellnachthemd und unter dem Plumeau. Er ist so müde, dass er sofort einschläft. Das ist jetzt ein spannender Moment: Schlafe ich auch ein, schlafe ich seinen Schlaf, träume ich seine Träume oder eigene?« Diese Gedanken gehen dem pensionierten Richter Wilhelm Weitling durch den Kopf – Hauptfigur in Sten Nadolnys letztem Roman ›Weitlings Sommerfrische‹ (2012). Ein Porträt von PETER MOHR