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Umgestaltung der Arbeitswelt

Gesellschaft | Steven Hill: Die Start-up Illusion

Man mag das nicht länger hören. Vor drei, vier Jahrzehnten hieß es, der rheinische Kapitalismus müsse von den menschenverachtenden Strukturen des anglo-amerikanischen Kapitalismus verschont bleiben. Dann kam die sozialdemokratische Agenda 2010 über uns, die Hartz-IV-Gesetzgebung, Streichung der Vermögenssteuer etc., und es war keine Rede mehr vom Schutz der Arbeitnehmer. Von WOLF SENFF

978-3-426-44329-3 - Steven Hill - Die Startup-IllusionOffenbar ist es die Politik, die den deutschen Sozialstaat ruiniert, denn die nun seit Jahren CDU-geführte Politik weigert sich strikt, den Opfern ihrer Laissez-faire-Ökonomie zuzuhören, und man möchte denjenigen, die sich christlich nennen, von ›Barmherzigkeit‹ bis ›Nächstenliebe‹ reihenweise Bibeltexte rezitieren, doch ihre Ohren sind taub. Die Situation ist unerfreulich und explosiv. Nach uns die Sintflut, so lautet die vorherrschende Stimmungslage. Und vorher noch maximal Party.

Hip sind sie, cool sind sie

Deshalb geht das Lob, das wir bei Steven Hill auf Europas sozialen Kapitalismus lesen, deutlich an der Realität vorbei. Steven Hill ist ein international renommierter Autor aus den USA, wo er die schroffen anti-sozialen Impulse des Kapitalismus hautnah wahrnimmt – Zustände, die sich unter Donald Trump verschärfen und vor denen zurecht nur gewarnt werden kann. Steven Hill ist vorzüglich informiert, und die Details machen die Lektüre lesenswert.

Besonders hip und cool treten sie auf, On-Demand-Unternehmen wie Uber, Upwork, Taskrabbit, Postmate, die ihre Arbeitsabläufe mithilfe moderner Technologien verwalten, gefällig gekleidet in das New-Age-Vokabular des Teilens, völlig anders als die herkömmlichen Arbeitgeber, und in der Theorie, ja gewiss, hört sich das großartig an.

Prekäre Arbeit – eine Parallelwelt

Jenseits aller coolen Präsentation agieren sie laut Stephen Hill wie skrupellose Vermittlungsagenturen für Wanderarbeiter. Die Menschen würden global um deren Aufträge buhlen und seien jeweils Gig-Nehmer oder Minijobber, seien Scheinselbstständige, Subunternehmer, Freelancer, wechseln von Kurzzeit- zu Vollzeit- zu Zeitarbeit – und das während all der Jahre ihres Arbeitslebens.

Wer seit der Weltwirtschaftskrise 2008 in diese Welt prekärer Arbeit abstürzte, der hetzt von Job zu Job, schließt Verträge mit den unterschiedlichsten Auftraggebern, oft mehrere zugleich, verdient weniger als vorher und hat geringe Beschäftigungssicherheit – eine grundlegend umgestaltete Arbeitswelt, eine Freelance-Gesellschaft, die für Millionen amerikanischer Arbeitnehmer Realität ist.

Miesmacherei?

Stephen Hill weist auch darauf hin, dass Start-up-Unternehmen und Sharing Economy mit vollmundigen Ankündigungen antreten und real auch in Deutschland die negativen Tendenzen am Arbeitsmarkt verschärfen: Minijobs, Leiharbeit, Werksverträge, Ich-AGs. 72, 92

Und nein, es handelt sich nicht – ein Vorwurf, der kürzlich seitens der CDU zu hören war – um ein Miesmachen an unserem vermeintlich so erfolgreichen Deutschland, sondern es handelt sich leider um Fakten, um Bereiche, in denen politisches Handeln erforderlich ist und kein beleidigtes Sprücheklopfen.

Silicon Valley war gestern

Die Details sind haarsträubend, und wieder einmal staunt man, wie selten die hiesige Presse dieses Elend angreift. Denn trotz der leuchtenden Augen angehender Start-up-Unternehmer könne so gut wie keiner irgendwelche Gewinne einfahren, und siebzig Prozent von ihnen würden sowieso wieder aus dem Spiel ausscheiden.

Für Hill ist das Modell der Silicon-Valley-Ökonomie gescheitert, »eine Art techno-potemkinsches Dorf«, das Potenzial der großen, gesellschaftsverändernden Erfindungen gehöre der Vergangenheit an, es sei erschöpft, auch dieses ein Grund dafür, dass Wirtschaftswachstum und Produktivität der Industrienationen auf historische Tiefststände abgestürzt seien.

Eine andere Unternehmenskultur

Er hat großen Respekt vor der Leistung der deutschen mittelständischen Unternehmen, einer der Silicon-Valley-Ökonomie diametral entgegengesetzten Unternehmenskultur. In der de facto vorhandenen globalen Arbeitsteilung nähmen sie die Aufgabe wahr, gleichsam mit Nischenprodukten – Werkzeugen, Bauteilen, Komponenten oder Dienstleistungen – Produktionsabläufe zu effektivieren; so würden beispielsweise Indien und China mit hochtechnisierten Präzisionswerkzeugen für die dort vorhandenen Massenproduktionsstätten versorgt.

Diese deutschen Unternehmen seien zumeist sehr traditionelle Betriebe, oft im eher ländlichen Raum ansässig, familiär strukturiert und auf Kontinuität auch in der Belegschaft angelegt. Es gebe erste Kooperationen dieser Unternehmenskultur mit der Hipster-Kultur der Start-ups. Es gehe dabei einerseits darum, digitale Elemente in die Produktionsprozesse zu integrieren und andererseits eine breite Verteilung von Wohlstand zu erhalten – Start-ups und Mittelstand bräuchten einander wie die beiden Seiten einer Medaille.

Stoff für Politik

Dennoch liege das vorrangige gesellschaftspolitische Problem in der rapiden Veränderung der Arbeitsverhältnisse, zumal Steuerbehörden die Beschäftigten im IT-Bereich gar nicht vollständig erfassen würden. Schätzungen differieren von 900.000 bis 2,3 Millionen. Hill plädiert für eine staatlich regulierte allgemeine Sozialversicherung nach dem Vorbild der bereits bestehenden Künstlersozialkasse, in die Renten- und Krankenversicherung einbezogen sind.

Stephen Hill gibt reichlich Material für zukunftsweisende Politik an die Hand, die Details für eine Initiative für gerechte Lebensgrundlagen sind zahlreich.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Steven Hill: Die Start-up Illusion. Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert
(aus dem amerikanischen Englisch von Kirsten Reimers)
München: Droemer Knaur 2017
271 Seiten, 14,99 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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