»I went looking for trouble …

Jugendbuch | Michael Rubens: Playlist meiner miesen Entscheidungen

… and trouble went looking für me!« Es ist nichts Ungewöhnliches, mit 16 Probleme zu haben. Mit Mädchen, mit anderen Jungs, mit den Eltern. Austins Problemliste ist allerdings ungewöhnlich lang. Und wird von Tag zu Tag länger. Von ANDREA WANNER

Michael Rubens - PlaylistWas Austin gern machen würde: Musik. Er spielt Mandoline – die gehört dem Freund seiner Mutter – und textet und komponiert Songs. Allerdings immer nur Bruchstücke. Und auf die Bühne ist er nicht zu kriegen, jeder geplante Auftritt scheitert an einem anderen, unvorhergesehenen Zwischenfall. Was Austin macht: Mädchen an. Allerdings die falschen, die schon einen Freund haben. Dafür kriegt er Ärger und Prügel – und die Mandoline geht auch gleich mit drauf.

Das ist dann schon das nächste Problem: Wie soll er dem Freund seiner Mutter das zerstörte teure Instrument erklären? Und wie soll er jemals die Versetzung in die nächste Klasse schaffen, wenn ihn die Nachhilfelehrerin rausschmeißt? Und wie soll er das Geld für die Mandoline verdienen, wenn bei dem Rasenmähjob, den er dafür machen muss, auch noch ausgerechnet der Typ zugange ist, der sie auf dem Gewissen hat. Und wie kann es sein, dass mit in dem ganzen Chaos plötzlich der von Austin verehrte Singer-Songwriter Shane Tyler auftaucht und behauptet, Austins Vater zu sein. Dabei ist sein Vater angeblich längst tot.

Michael Rubens, der Produktionen für die ›Daily Show with Jon Stewart‹ geleitet hat, entzündet ein wahres Feuerwerk an absurden Slapstickszenen, Pleiten, Pech und Pannen und lässt seinen Helden Austin von einem Fettnäpfchen zum nächsten stolpern. Fast ist das schon ein bisschen viel des Guten. Und auch die Wendung zum Guten, das Auftauchen einer Person, die der Schlüssel zu allem zu sein scheint, die vermeintlich klug und mit Empathie den Schlamassel, in dem Austin steckt, einzuschätzen weiß und Lösungen bereithält, ist nur ein weiteres Puzzlestück in dem Chaos, das sich Austins Leben nennt.

Rubens überzeichnet, spitzt zu, treibt es auf die Spitze. Und erst in den letzten Wendungen wird deutlich, wie souverän er die Story im Griff hat, wie er das Erwachsenwerden Austins gerade in diesem grandiosen Durcheinander auf den Punkt bringt. Freunde gehen verloren, ein neuer Freund wartet, mit dem keiner gerechnet hätte. Erwachsene erweisen sich einmal mehr als unzuverlässig – bis auf einen, den auch keiner auf dem Plan hatte.

Träume, Wünsche und Ideen werden ausprobiert, verworfen, neu getestet. So tastet man sich ins Leben vor – ein Leben, das man vielleicht mal eher meistern wird als die eigenen, ziemlich verbogenen Eltern. Rubens lässt vieles in der Schwebe – und schafft mit Austin einen liebenswerten, unverbesserlichen Chaoten, der seine miesen Entscheidungen zumindest besser reflektiert als die Erwachsenen um ihn herum.

Uwe-Michael Gutzschhahn übersetzt das die Story mit viel Gefühl für Subtilitäten und den Jargon des jugendlichen Ich-Erzählers, ohne Übertreibungen und Anbiederungen an Jugendsprache. Die Kapitelüberschriften sind Zeilen aus Songtexten: ein bisschen kitschig, gefühlvoll und sehr treffend. Da steckt Musik drin, wie in der ganzen Geschichte. Und am Ende hat man sich dann doch irgendwie anstecken lassen, von diesem verrückten Lebensgefühl, das zum Erwachsenwerden gehört.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Michael Rubens: Playlist meiner miesen Entscheidungen
(The Bad Decisions Playlist, 2017). Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
München: dtv 2017
350 Seiten. 14,95 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Alten und die ganz Jungen

Nächster Artikel

Die gefälschte Biografie

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Klub der Widerspenstigen

Jugendbuch | Heike Abidi: Spicy Rebels

Internate sind in der Kinder- und Jugendliteratur besondere Orte, wo Erwachsene nur eine Nebenrolle spielen und die Schülerinnen und Schüler aufgrund der Tatsache, dass sie so viel Zeit miteinander verbringen, oft ein ganz besonderes Verhältnis zueinander entwickeln. Drei Mädchen in Haus Wildenburg geht es da nicht anders. Von ANDREA WANNER

Album für die Jugend

Jugendbuch | Hemley Boum: Gesang für die Verlorenen Die Vergangenheit kennen, sei wichtig, heißt es, um die Gegenwart beurteilen zu können. Die Behauptung enthält offenbar Wahres, sonst würden sich nicht so viele eifrig bemühen, Geschehenes gründlichst vergessen zu machen. Ereignisse aus dem Unabhängigkeitskampf Kameruns, etwa. Hemley Boum hat einen Roman darüber geschrieben. Nicht zuletzt für die Jungen. Von MAGALI HEIẞLER

Abenteuerliches

Jugendbuch | Jennifer Benkau: Marmorkuss Bearbeitungen von Märchen für Kinder und Jugendliche erfreuen sich beträchtlicher Beliebtheit. Was dabei herauskommt, ist viel zu oft Klamauk, Schmonzette, Banalität und Beliebigkeit. Das Ende des traditionellen Märchens also, mit seinen Ecken und Kanten, dem Nicht-Verstehbaren und seinen Untiefen. Hier kommt eine weitere Variante. Jennifer Benkau hat Motive aus Dornröschen aufgenommen und in ihrem jüngsten Roman ›Marmorkuss‹ Abenteuerliches vorgelegt. Von MAGALI HEISSLER

Liebe ausgeschlossen

Jugendbuch | Lena Hach: Popcorn süß-salzig

Ruby ist nicht an der Liebe und am sich Verlieben interessiert. Sie kennt all die wiederkehrenden Muster, Motive und Themen, die zu Lovestorys gehören – schließlich schreibt ihre Mutter so Zeugs (mit noch intimeren Details). Also: Finger weg! »Leichter gesagt als getan«, denkt sich ANDREA WANNER.

Familie vorbei

Jugendbuch | Armin Kaster: Du denkst, die Welt zerfällt, und brichst nur selbst in Stücke Vater, Mutter, Kind, Gemeinschaft, Geborgenheit, Vertrauen, das war einmal. Inzwischen ist Selbstfindung wichtig, das sogenannte Glück des Individuums. Und wehe denen, die der persönlichen Entfaltung im Weg stehen. Leo steht im Weg. Seine Strafe ist hart. Von MAGALI HEIẞLER