Die Alten und die ganz Jungen

Kinderbuch | Sam Usher: Regen

Die einen sind rundum unternehmungslustig, die anderen ruhiger. Sie wollen zuerst das eine erledigen, ehe sie das andere anfangen. Kann man sich da überhaupt verständigen? Und ob, erklärt Sam Usher, und macht vor, wie das klappt. Von MAGALI HEISSLER

Sam Usher - RegenEs regnet! Keine Frage, dass der kleine Held der Geschichte umgehend aus dem Haus stürmen will. Was gibt es Schöneres, als in Pfützen zu springen oder den Kopf zurückzulegen und mit der Zunge Regentropfen aufzufangen? Großvater jedoch will nicht hinaus, solange es regnet. Mehr noch, er hat zu tun. Er muss einen schrecklich wichtigen Brief schreiben und schreibt und schreibt.

Natürlich kann man im Haus spielen, es gibt genug Spielzeug und schöne Bücher. Aber es hilft nicht dagegen, wenn man sich nach draußen sehnt. Abwarten, sagt Großvater. Abwarten ist sehr schwer.

Verzauberte Regenwelt

Ushers verregnete Welt ist magisch vom ersten Blick an, den die Betrachterin darauf werfen darf. Es ist wirklich ein Privileg. Wasserfarben und Tinte, wässrig aufgetragen und zart gepinselt machen die Welt nicht dunkel, sondern verleihen ihr eine seltsam-schöne Atmosphäre. Wie unter dem Wasserspiegel liegt das Draußen da, erkennbar, aber ein wenig undeutlich, eingedunkelt, aber sichtbar. Die rote Haustür ist nur noch ein langgezogener roter Fleck, die wenigen Menschen sind unter ihrem Schirmen verschwunden, man sieht nur noch Rücken und Beine.

Das Innere des Hauses wirkt weich dagegen, es ist her sanftes Kunstlicht, das die Interieurs erhellt.
Der Blick auf die Gegenstände ist der des Kinds. Tischecken, Teppichkante, Spielzeug, nur die kleineren Dinge werden gleich in Gänze wahrgenommen. Weniger der äußerst sparsame Text und die schlichte Handlung bestimmen das Geschehen als vielmehr Bewegungsabläufe und Mienenspiel.

Die Begeisterung des Kleinen ist von der ersten Seite an deutlich, ebenso die Enttäuschung und die sich ausbreitende Langeweile. Er ist ein Kind mit viel Selbstbeherrschung und lässt sich viel einfallen, um Großvater zu überzeugen, aber auch, um selbst so viel wie möglich von diesem wunderbaren Regen zu haben, auch wenn er ihn erst einmal durchs Fenster betrachten muss. Den Kontrast bildet der Großvater, ruhig, konzentriert, freundlich, aber bestimmend. Dass sich die beiden trotz der Konfliktsituation bestens verstehen, erkennt man sofort, dazu bedarf es nicht eines einzigen Worts.

Vertrauen

Das Warten lohnt sich dann doch, es hört tatsächlich auf zu regnen und der hochwichtige Brief ist auch fertiggeschrieben. Was dann geschieht, verlangt vom Publikum ein gewisses Umschwenken von einer rundum realistischen Situation in die fantastische. So jedoch, wie sich der kleine Junge auf den Großvater verlassen kann, kann man sich auf Sam Usher verlassen. Es geht hier in jeder Hinsicht um Vertrauen.
Die Welt draußen öffnet sich zu einem Wasser-Märchenreich. Es lohnt sich, gleich auf die Details zu achten, die Kleidung des Großvaters etwa, die plötzlich der eines Kapitäns auf einem Segelschiff ähnelt, die kleine Ente oder den Bug der Gondel, der sich unversehens ins Bild schiebt.

Das Grau wird heller, es ähnelt eher einem Spiegel jetzt. Allein die veränderten Lichtverhältnisse und ihren Auswirkungen zu beobachten, lässt eine schon staunen. Alles, was der Junge sich in den langen Wartestunden gewünscht hat, taucht auf. Großvater hat ihm genau zugehört, während er den Brief geschrieben hat. Die innige Verbindung zwischen beiden wird perfekt illustriert, ohne dass es im Text erwähnt werden muss.
Das Schönste passiert gegen Ende, es beginnt wieder zu regnen. Und natürlich machen die beiden Mund auf und fangen die Tropfen mit der Zunge. Das bereitet sie perfekt vor für den warmen Kakao anschließend wieder im weichen Licht des Hausinneren.

Es gibt nichts Schöneres als Regentage zusammen mit geliebten Menschen. Wer je daran gezweifelt hat, muss sich unbedingt dieses Buch anschauen.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Sam Usher: Regen
(2016, Rain. a. d. Englischen von Meike Blatnik)
Berlin: Annette Betz 2017
32 Seiten, 14, 95 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Knut Schaflinger: Texte

Nächster Artikel

»I went looking for trouble …

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Überlebensstrategien

Kinderbuch | Judith Allert: Knäckebrothelden

Der Tod ist für Kinder eine einschneidende Erfahrung. Es ist schon schlimm, wenn ein Haustier stirbt, aber wenn ein geliebter Mensch plötzlich nicht mehr da ist, kann das zu Krisen führen. Vor allem auch die Erfahrung, dass man nicht der Einzige ist, der trauert, sondern dass sich auch sonst alles verändert, weil auch die anderen in der Familie mit dem Verlust klarkommen müssen. Eine schwierige Aufgabe, findet ANDREA WANNER, die Samy vor sich hat.

Taschentücher für Elefanten und Nilpferde, Laufschuhe für Geparden

Kinderbuch | Paul Smith / Sam Usher: Die Abenteuer von Moose und Mr Brown

Modedesign ist ein spannender, sehr kreativer Beruf. Vor allem, wenn sich die Kunden etwas speziell auf sie Zugeschnittenes wünschen. Zum Beispiel die Schweinsnasenfledermaus, der der Regen immer in die Nase läuft, wenn sie kopfunter vom Baum hängt – wie schneidert man da einen passenden Regenmantel? Davon und wie sich ein Zwillingspaar wiederfindet, erzählt ein Bilderbuch des Modedesigners Paul Smith. Von GEORG PATZER

Warum nicht mal Wunder

Kinderbuch | Mike Revell: Wundervogel Wunder gibt es nur in Märchen? Sicher, wenn man es mit der Physik punktgenau nimmt. Manchmal tut es aber auch gut, das eine oder andere Rätsel ungelöst zu lassen und sich an den Lösungen zu freuen, die sich unvermutet ergeben haben. Zum Beispiel eine gute Geschichte. Von MAGALI HEISSLER

Backe, backe Kuchen …

Kinderbuch | Alice Brière-Haquet: Mein erster Kuchen … der Bäcker hat gerufen. Wer will guten Kuchen backen, der muss haben sieben Sachen. – Sieben? Ja, das scheint zu stimmen. Denn mit sieben Zutaten kann man Leckeres veranstalten. ANDREA WANNER hat es probiert.

Wenn eine Rolle eine große Rolle spielt

Kinderbuch | Susan Batori: Wo ist das Klopapier

Wetten: jeder kennt es, jeder hat es, jeder benutzt es, so ab dem ersten Lebensjahr. Vor etwa einem Jahr war es so begehrt, dass es oftmals ausverkauft war, es hat in der Regel seinen festen Platz und manchmal kommt ein Schrei aus dem Bad, wenn es fehlt: das Klopapier. Viel zu wenig wurde es bisher beachtet, viel zu wenig Aufmerksamkeit erhielt es, endlich wird es in einem urkomischen Bilderbuch einmal ganz, ganz wichtig, findet BARBARA WEGMANN