Die Maus traut sich nicht ins Wasser

Kinderbuch | C. Spengler, K. Gehrmann: Seepferdchen sind ausverkauft

Wenn die Eltern nicht aufpassen und nicht zuhören, kann alles Mögliche passieren. Unfälle, Feuer, zu viel Fernsehen, gelangweilte Kinder … Es kann auch passieren, dass dann die Wohnung auf einmal voller Tiere ist. Nur ein Seepferdchen ist nicht dabei. Von GEORG PATZER

Seepferdchen sind ausverkauftJa, das kommt davon, wenn man nicht richtig zuhört: »Plötzlich« ist die ganze Wohnung voller Tiere. Und das kam so: Mit Schwimmente, Kescher und Ball steht Mika vor seinem Vater und fragt: »Fahren wir nachher an den Badesee?« Aber Papa ist an seinem Schreibtisch beschäftigt, der Computer zeigt komplizierte Konstruktionszeichnungen, er lötet was, und auf jeden Fall geht das heute nicht: »Aber du hast es versprochen«, sagt Mika. »Erst muss ich was fertig machen«, sagt er und: »Wenn du mich in Ruhe arbeiten lässt, bin ich auf jeden Fall schneller fertig.«

Also wartet Mika, lässt ihn in Ruhe arbeiten und fragt ihn ab und zu, wie lange er denn noch braucht. Er soll spielen gehen – aber allein spielen ist blöd. Sie soll zu Karli gehen – aber der ist bei seiner Oma, und die hat sogar einen Hund. »Einen Hund oder eine Katze oder wenigstens einen Hamster will ich schon gaaaanz lange.« Der Vater scheint ein wenig genervt zu sein, aber hat eine Idee: »Wenn du ein Haustier hättest, würdest du dann ganz leise mit ihm spielen und mich nicht stören, bis ich mit der Arbeit fertig bin?«

»Ja!« Und so geht Mika zum Zooladen und will eine Wüstenrennmaus kaufen. Der Verkäufer ist misstrauisch und ruft erst Mikas Vater an: »Papa wird gar nicht gern gestört«, und ruft ins Telefon: »Verkaufen Sie ihm, was er will, und jetzt lassen Sie mich bitte in Ruhe arbeiten!«

Und damit geht es los. Den ganzen Nachmittag spielt Mika mit der Maus, baut Verstecke und Tunnel und kann das Tier am nächsten Morgen nicht finden: Die Verstecke waren wohl zu gut. »Frag im Zooladen«, sagt der Vater. Im Zooladen haben sie Hundewelpen bekommen – also kauft Mika einen kleinen Hund, der ja eine feine Nase hat. Und er findet die Maus ganz schnell, und sie spielen zu dritt. Am nächsten Morgen aber hat der Hund neben die Toilette gemacht, er hat »die Kloerklärungen wohl nicht verstanden.« Also kauft Mika einen Seehund, der im Badezimmer wohnen und aufpassen kann, dass alle richtig aufs Klo gehen.

»Am nächsten Tag planschen wir mit dem Seehund in der Badewanne.« Nur die Maus traut sich nicht, und um ihr das Schwimmen beizubringen, holt Mika einen Brillenpinguin – Seepferdchen sind grade ausverkauft. Das Geplansche geht weiter. »Was machst du da eigentlich im Bad?«, fragt der Vater einmal. »Meine Maus lernt schwimmen!«, ist Mikas Antwort. Dann scheint es, dass der Pinguin andere Vögel vermisst, im Laden holt Mika einen Papagei. Der aber schreit den Vater an, der mitten im Seefahrerspiel ins Wohnzimmer platzt: »Klappe halten, du Wattwurm!« Der Vater guckt Mika streng an: »Ich muss hier schließlich arbeiten.« Also holt Mika noch einen Elefanten, der lauter als jeder Vogel trompetet und den Papagei mit seinen Beleidigungen übertönen kann.

Am Sonntag dann sitzt Mika mit allen Tieren am Frühstückstisch, sein Vater kommt verschlafen in die Küche und meint: »Heute können wir endlich zum Badesee fahren!« Super! »Aber nur, wenn meine Tiere auch mitdürfen.« »Welche Tiere?«, fragt er. »Dann sieht er sich in der Küche um.«

Der unrasierte Vater

Bilderbücher müssen, das beweist dieses süße Buch, nicht immer irgendwelche Probleme mit dem Zeigefinger aufspießen und dem Leser so lange unter die Nase reiben, bis er sie dann überhat. Was hätte man aus diesem Thema nicht machen können: Ein Kind, das einsam ist und dann noch von seinem Vater vernachlässigt wird, das verwildert, das ganze Haus ins Chaos stürzt. Vor der Glotze sitzt und mit Geld abgespeist wird, nur damit der Vater seine Ruhe hat. Der bis zum Schluss nur an seine Arbeit denkt. Oder das andere Thema: alleinerziehende Väter, die ja doch wohl unfähig dazu sind, weil ihre Arbeit ihnen wichtiger ist, als sich mit dem Sohn zu beschäftigen, ihn vernünftig zu erziehen. Ihm den Wert des Gelds pädagogisch wertvoll zu vermitteln. Dass man sich nicht einfach alles kaufen kann, was man will. Oder …

Aber Bilderbücher können sich auch über Erwachsene so lustig machen, dass sie nur noch Witzgestalten sind. Hier ist es noch so niedlich gemacht und dabei so logisch, dass man sich an jeder neuen Tiererwerbung und über jede folgerichtige Weiterentwicklung freut, die Mika in Gang setzt.

Seepferdchen

Die netten Illustrationen von Katja Gehrmann betonen das noch: Da steht und sitzt der Vater im Hintergrund an seinem Computer oder am Frühstückstisch, unrasiert und mit wuschligen Haaren, die ihm zu Berge stehen. Da ist das Wohnzimmer voll mit Bastelmaterial und Höhlen und Röhren und Taschen und Häuschen und Büchsen und Papierrollen. Da zieht Mika einen Wagen mit Maus und Hund und einem riesigen Wasserbottich mit Seehund von der Zoohandlung nach Hause. Die Badewanne wird zum See, in dem Mika mit Hund und Seehund taucht und der Pinguin die Maus in einem Rettungsring balanciert. Da sieht man, wie beim Seefahrerspiel der Vater die Tiere gar nicht sehen kann: Sie alle sind plötzlich hinter dem Segel und dem Sofa verschwunden – kein Wunder, dass er Mika streng anschaut. Erst als er geht und dabei auf sein Handy schaut, tauchen sie wieder auf.

Und das Ende der Geschichte: Sie gehen an den See. Und Hund und Seehund und Pinguin und Elefant schwimmen mit Vater und Sohn, und die Maus reitet auf dem Elefanten. Und die anderen Badegäste staunen nicht schlecht …

| GEORG PATZER

Titelangaben
Constanze Spengler, Katja Gehrmann: Seepferdchen sind ausverkauft
Frankfurt am Main: Moritz Verlag 2020
48 Seiten. 14 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
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