Knut Schaflinger: Texte

Lyrik | Texte von Knut Schaflinger

Knut Schaflinger liest am Mittwoch, 21. Juni, um 19.00 Uhr im Kulturcafé Chavis in Hamburg aus seinem aktuellen Gedichtband ›Die Ungewissheit der Quadrate‹. TITEL-Textfeld stellt ausgewählte Texte vor.

Floating Piers im Abendlicht. Ein Heiligtum

Im Gehen treiben die Schritte ab. Ein wenig folgt die Strömung der Mündung
des Flusses. Sonne macht aus der Insel ein Festland unter dem Steg flüstert
der See heute tragen wir Sonntagsgewand nur die Füße sind nackt sprechen
die Wellen nach. Als genügte zum Schweben ein orangenes Kleid. Stoff ohne
Schlagloch und Zäune ins Wasser gelegt. Nahe am Straucheln tunken haltlos
die Blicke im künstlichen Ufer ein. Kräuseln sich vor dem Landgang zu Kronen
aus Schaum. Jeder der floatet tanzt. Gibt damit den Elementen ihre Bewegung
zurück. Die Menge zerfließt am Himmel ein großes Auge ist wachsam geöffnet
daraus die Zeit geduldig ihre Tretboote schiebt. Leuchtende Farbe belagert von
Schatten. Vom Tag ist ein Fußabdruck geblieben in dem das Wasser noch wie
in einem Taufbecken steht. Der Steg längst eine Schlange die sich häutet ohne
Gewicht kriecht Feuchtigkeit das Ufer herab sammelt sich unter einem fremden
Dach. Bei Dämmerung wächst die Villa im See noch einmal aus ihrem Feuer es
knistert als ob wer leere Plastikflaschen knetet. Mit Filzstift hat jemand Gesichter
auf den Stoff gemalt. Jetzt im Dunkeln zieht der See seinen Talar über den Kopf.

Weiße Bank an einem Wintertag. Eine Ortschaft

Einst weiß lackiertes Holz. Die Farbe abgeblättert. Wir saßen in einem über
belichteten Film zwei Reisende in der blassen Ekstase der Landschaft. Guß
eisern die Füße in den Boden fixiert. Die Lehne mit dem Schild der Spender
von unseren Mänteln blank poliert. Wären wir hier still gesessen ihre Namen
hätten sich in Spiegelschrift in die Rücken eingraviert. Wir aber blieben ohne
Abbild nur in die Hände frästen gegenseitig uns die Fingernägel aus Monden
ihren Himmel. Die Wolken sahen aus wie frische Laken. Der Park vor uns an
diesem Morgen schon winterfest gemacht mit Reisig. Erde. Mulch. Die Meise
hat im Dunst noch nach Getier gesucht. Hat gierig die Rabatten umgegraben.
Saß dann bei jeglichen Geräuschen bewegungslos vor dem Weiß der Garten
Mauer wie eine Vogelsilhouette die uns vor Glastüren schützt. Die Wege hier
vom Laub befreit und so bizarr verschlungen in der Wiese angelegt als würde
eine Kette aus dem Jugendstil im Dekolleté aus Buchsbaum Rosen Koniferen
baumeln. Derweil legte jemand seine Brille auf die Bank ließ Sonne durch die
Gläser Löcher in die Mäntel brennen. Hoffte Hände fänden leichter ineinander.

Die heiße Milch flockt aus. Eine Geburtstagsfeier

Mit silbernen Zangen zwischen zwei Fingern fischten wir Zucker aus dem Erb
Porzellan. Lauter Würfel aus vergangenen Wintern gestapelt wie Felsen nach
Schneebrett oder Lawinenabgang. Die Schatten der Tassen und Kannen müll
tonnenschwarz auf dem Tisch eine kleine Vorstadtstraße Montagsmorgen. Ab
Fall quoll über die Teller. Vom Kuchen Brösel und aufgerissen wie die Zeitung
vom Wochenende die Tütchen in denen der Süßstoff war. Das Döschen voller
Pillen stand als eine Rassel für dein Enkelkind bereit. Im Radio suchte jemand
klassische Musik. Papier von den Geschenken haben Hände auf den Schößen
glatt gebügelt. Manchmal brachen Fingernägel beim Öffnen eine Schleife. Sekt
Kelche standen herum mit Mustern aus Lippenstift. Die Kerze heruntergebrannt.
Weingläser darin Kinderaugen badeten. Lieber daraus einen Schluck als Omas
Gutenachtküsse. Milch flockte aus bei solchem Gedanken als würde ein Kissen
geschüttelt. Weiße Wolken. Etwas Fragiles wie Bleigießen das mißlang. Später
wurde getanzt. Manche eng. Rücken an Rücken lag geschnittenes Brot im Korb.
Trocknete. Wölbte sich weg wie Leute die einander nicht mehr berühren wollten

Sonntags ein Frühstück mit dir. Ein Stillleben

Ein Butterbrot in dem sich Morgennebel niederläßt mitsamt der harten Kruste von der
dein Messer alle Frühe weggestrichen hat. Wellenschliff macht aus der ovalen Fläche
eine kleine Welt wie du sie aus dem Flugzeug siehst kurz nach dem Start. Die Wolken
Decke unter dir arg zerklüftet. Vom schrägen Licht auf einer Seite in ein Gold getaucht
nach dem die Blicke gierig fischen. Dies könnte Honig sein der langsam sich als zäher
Fluß in parallelen Rinnen jenen Kanten nähert an denen später dann die Finger kleben
werden. So hast du sommers Jagden auf Fliegen und auf Mücken inszeniert hast Früh
Stück hergerichtet und den Tisch nur für zwei und keine ungebetenen Gäste präpariert.
Was dampft die Milch. Und wie die Haube auf dem Kaffee schon in sich zusammenfällt
hat jeder noch als schneeweiße Markierung einen Strich auf seiner Oberlippe. Leitfaden
denken wir und führen wir die Münder jetzt zusammen aus welchen Bläschen wiche uns
die Luft. Um nicht verführt zu werden halten wir die Zeitung vors Gesicht brauchen dafür
beide Arme. Weswegen auf dem Tisch ein Stillleben für die Zeit bis zum späten Glocken
Schlag entstanden ist. Kalt werden irgendwo Hände gefaltet. Ich blicke über meine Seite.
Weiß so hält man Noten beim Gesang bemerke Fingernägel von denen Rot geblättert ist.

| KNUT SCHAFLINGER

Knut Schaflinger liest am Mittwoch, 21. Juni, um 19.00 Uhr im Kulturcafé Chavis, Hamburg, Detlev-Bremer-Straße 41, aus seinem aktuellen Gedichtband ›Die Ungewissheit der Quadrate‹.

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