»Imagination ist die Hefe der Revolte«

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Ausstellung | Interview | Die Afrikanische Revolution – Burkina Faso 2014

Mit Rap, Besen und Kochlöffeln gegen die Macht: Eine Fotoausstellung feiert die Afrikanische Revolution in Burkina Faso 2014! Während die »Arabellion«, die 2011 in Tunesien begann, in den Medien allgegenwärtig war, blieben die zeitgleichen afrikanischen Protestbewegungen seltsam unterbelichtet. Um so spannender und verdienstvoller ist jetzt die Ausstellung ›Die Afrikanische Revolution – Burkina Faso 2014‹ und die dazu erschienene Publikation. Von SABINE MATTHES

Sieben burkinische Fotografen – Moussa Guibla, Harouna Marané, Issa Nikiema, Mohamed Ouédraogo, Boureima Regtoumda, Hippolyte Sama und Nomwindé Vivien Sawadogo – zeigen die verschiedenen Phasen und Akteure, die spezifische DNA ihrer Revolution.

In nur wenigen Tagen jagte sie den autokratischen Präsidenten Blaise Compaoré am 31. Oktober 2014 nach 27-jähriger Herrschaft ins Exil in die Elfenbeinküste. Danach wurden die Straßen sauber gefegt, als wäre nichts geschehen. Aus den Fotos brodelt, tobt, schwitzt und schreit der ganze angestaute Zorn, der im Oktober 2014 auf den Straßen der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou explodierte. Zuerst marschierten die Frauen mit der Drohgebärde ihrer riesigen hölzernen Kochlöffel. Tags darauf folgten die Männer, die Jugend, das ganze Volk. Hunderttausende vereint, bewaffnet mit Trillerpfeifen und Besen und ihrem, von Thomas Sankara ererbten, Selbstbewusstsein. Durch Tränengas, Feuer und Rauch, gegen ein hochmilitarisiertes, diktatorisches Regime.

Der Marsch der Frauen, 27.Oktober 2014, Foto: Mohamed Ouédraogo
Der Marsch der Frauen, 27.Oktober 2014
Foto: Mohamed Ouédraogo

Mobilisiert und politisiert von Smockey, dem Rapper, und Sams’K le Jah, dem Reggaemusiker und Radiomoderator, die im Sommer 2013 die Bürgerbewegung ›Le Balai citoyen‹ (»Besen der Bürger«) gegründet hatten, um das Land von politischer Korruption zu reinigen. Ein Echo der gemeinsamen nachbarschaftlichen Straßenreinigungen, die ihr ermordetes Idol Thomas Sankara initiiert hatte. Sankara, der als Sozialrevolutionär und »Che Guevara« Afrikas wie ein Popstar verehrt wird, hatte während seiner Präsidentschaft 1983 – 1987 Obervolta in Burkina Faso, das »Land der Aufrechten«, umbenannt. Nach vier Jahren Amtszeit wurde er am 15. Oktober 1987 bei einem Staatsstreich unter Führung seines Freundes Blaise Compaoré, der damaligen Nummer zwei des Landes, ermordet. Compaoré übernahm damals die Macht.

Interview von Sabine Matthes mit Clément Compaoré, Hamado Dipama und Peter Stepan

Dr. des. Clément Compaoré: kommt aus Ouagadougou, wurde im Dezember 2016 in Deutsch als Fremdsprache und Psychologie innerhalb des Promotionsprogramms Learning Sciences an der LMU München promoviert. Das Thema seiner Doktorarbeit lautet: ›Evaluation von eLernprozessen. Eine empirische Untersuchung am Beispiel des Einsatzes kognitionsbasierter Grammatikanimationen zum kollaborativen Lernen der deutschen Grammatik in virtuellen Klassen‹.
Hamado Dipama: flüchtete 2002 aus Burkina Faso, lebt und arbeitet in München. Er ist u.a. Mitglied des Migrationsbeirats, Initiator und Mitorganisator des alle zwei Jahre stattfindenden Panafrikanismus-Kongresses in München.
Dr. Peter Stepan: Initiator und Organisator der Ausstellung und Herausgeber der zugehörigen Publikation ›L’insurrection populaire BURKINA FASO OCTOBRE 2014‹. Publizist und Ausstellungskurator, ehemaliger Leiter der Goethe-Institute in Burkina Faso und Ruanda; Verfasser des Standardwerks ›Picasso’s Collection of African & Oceanic Art‹.

Sabine Matthes: Was hat Sie motiviert, diese Ausstellung zu machen? Wie kam sie zustande?
Peter Stepan: Ich kam erstmals 1996 und 1997 nach Burkina Faso, lebte dort von 2008 bis 2011 und konnte damals aus nächster Nähe die Mechanismen einer korrupten Scheindemokratie unter dem Regime Compaorés studieren. Die Volkserhebung vom Oktober 2014 war ein längst überfälliger Befreiungsschlag. Seit Versailles seiner Kolonien verlustig gegangen, herrscht in Deutschland vielfach Desinteresse bis Ignoranz vor, wenn es um das subsaharische Afrika geht, zumal wenn keine palmengesäumten Sandstrände die Optik bestimmen. Die Ausstellung DIE AFRIKANISCHE REVOLUTION soll einen Beitrag leisten, mehr über das tatsächliche Leben in diesen Ländern zu erfahren. Ein afrikanisches Land, dessen Bürger auf die Barrikaden gingen, um den aus dem europäischen Ausland co-installierten Autokraten vom Thron zu jagen, ist ein einmaliges Ereignis: Die Ausstellung erzählt, wie die Lawine ins Rollen kam. Sie zeigt die Arbeiten von 7 burkinischen Fotografen aus der Perspektive der Burkiner selbst – nicht derjenigen internationaler Presseagenturen also. Die jungen Fotografen bildeten ein Team, das aus über 3.000 Aufnahmen die 50 Exponate der Ausstellung und über 130 Fotografien für das Buch auswählte. Die Ausstellung ›DIE AFRIKANISCHE REVOLUTION‹ bekommt nach München, Wien und Landshut voraussichtlich weitere europäische Stationen; zuletzt soll sie in Burkina Faso selbst haltmachen.

NE TOUCHEZ PAS A MA CONSTITUTION, 28.Oktober 2014, Foto: Hippolyte Sama
NE TOUCHEZ PAS A MA CONSTITUTION, 28.Oktober 2014
Foto: Hippolyte Sama

Gibt es in Burkina Faso eine Tradition der Revolte?
Peter Stepan: In der Tat, und sie reicht in der Geschichte weit zurück. Als die Franzosen die Bewohner der Region unter ihr koloniales Joch zu zwingen suchten, taten sie sich mit dem stark hierarchisch gegliederten Königtum der Mossi in der Landesmitte relativ leicht: Man brauchte nur die Spitze auszutauschen. An den in der Peripherie siedelnden acephalen Gesellschaften hingegen, die sich dezentral auf Klan- und Familienebene organisierten, bissen sie sich die Zähne aus: Als besonders renitent galten die Lobi und Dagara, die Bwaba und Bobo sowie viele andere Gruppen, die keine Könige kannten. Erst über die hundertfache Ernennung von Kantonschefs gelang es den Kolonialherren, diese freiheitsliebenden Völker zur Registrierung und zu Abgabe von Kopfsteuern zu zwingen, Zwangsarbeit einzuführen und ihre jungen Männer zum Militärdienst zu rekrutieren. Legendär ist der Volta-Bani-Krieg, der mitten im Ersten Weltkrieg im Nordwesten Obervoltas und im Südosten Malis ausbrach und dazu führte, das koloniale Joch zeitweise abzuschütteln (mit genozidartigen Racheakten der Franzosen und geschätzten 30.000 Opfern im Gefolge). In die Reihe historischer Rebellionen gehört auch jene gegen das Regime Maurice Yaméogos, des ersten Präsidenten des unabhängigen Obervolta, sechs Jahre nach der Unabhängigkeit. Die Unruhen im Gefolge der Ermordung des Journalisten Norbert Zongo schließlich bilden geradezu einen Wendepunkt: 1998/99 stand das Regime Compaorés schon einmal auf der Kippe. Zivilen Ungehorsam, die latente Bereitschaft, sich mit allen Mitbürgern zu solidarisieren und im kollektiven Zusammenschluss auf die Straße zu gehen, stellten die Burkinabè immer wieder unter Beweis. Dass dies möglich war, ist eine besondere Errungenschaft, die erst im Vergleich etwa zu dem ethnisch zerrissenen Kenia oder dem Nachbarland Côte d’Ivoire, in dem seit der Jahrtausendwende die ethnische Karte mit verheerenden Folgen gezogen wurde, zutage tritt: Ihre unterschiedliche ethnische und damit sprachliche Herkunft reißt keine Gräben zwischen den etwa fünfzig verschiedenen Volksgruppen angehörigen Burkinabè auf.

Wie hat sich das Leben für die Burkiner verändert, unter den Regierungen von Thomas Sankara und Blaise Compaoré bis heute?
Hamado Dipama: Mit Thomas Sankara haben die Menschen in Burkina Faso den Glauben an sich selbst gewonnen. Den Glauben, alles schaffen zu können, ohne die so genannte »Entwicklungshilfe«, die im Grunde genommen die »Nehmer-Länder« rückständiger macht. In der Geschichte gibt es kein Land, das durch »Entwicklungshilfe« raus aus der Armut kam. Dies haben wir durch die antikolonialen Ansätze von Thomas Sankara verstanden. Frauenrechte waren zum ersten Mal auf der Tagesordnung. Die Defizite in der Bildung und im Gesundheitssystem wurden wahrgenommen, welche für die Entwicklung eines Landes elementar sind. Andererseits wurden die Potenziale erkannt. Mit Blaise Compaoré wurden viele dieser Errungenschaften zerstört. Eine neo-kolonialistische Politik hielt Einzug. Die Repression der progressiven Kräfte war alltäglich und Korruption ein Bestandteil des Systems. Zum Glück konnte der Glaube an uns selbst bei den Burkinabè nicht zerstört werden. Diese Errungenschaft der Sankara Revolution ist geblieben und hat zum Erfolg des Volksaufstandes bzw. der Revolution vom Oktober 2014 geführt, der Burkina Faso nun zum ersten mal eine richtige demokratisch gewählte Regierung zu verdanken hat.

Clément Compaoré: Aus der Sicht von vielen Burkinabè gab es zurzeit Sankaras eine endogene Konsum- und Wirtschaftspolitik. Dies hatte u.a. zur Folge, dass die Kluft zwischen den relativ Armen und den relativ Reichen stark reduziert wurde. Und die Reformen, die er mit Mut – gegen den Strom schwimmend – durchführte, zeigten sofort Wirkung im alltäglichen Leben der Menschen. Burkina Faso war zurzeit Sankaras wirtschaftlich ja auf dem gleichen Niveau wie Südkorea damals. Unter Blaise Compaoré wurden auch weitere Reformen in fast allen Bereichen unternommen. Einige lobten auch die außenpolitische Leadership auf seine Art im westafrikanischen Raum. Reiche wurden reicher. Das Verhältnis Akademiker-Führungsapparat wurde aber kühler. Was fehlte, war eine ambitionierte zeitgemäße und ergebnisorientierte Marktwirtschaftspolitik, die dazu beiträgt, den wirtschaftlichen Fortschritt im Lande transparent zu beschleunigen und dadurch den jungen Menschen leistungsgerecht Zukunftsperspektiven vor Ort anzubieten. Der negative Abstand zwischen Burkina und Südkorea ist nach 30 Jahren so gewaltig, dass man sich nun natürlich fragt, was bei uns im Laufe der Zeit alles so schief gegangen ist. Was haben wir in diesem Zeitraum vermasselt bzw. was haben die Jungs in Südkorea besser gemacht?

»Man erreicht keine Veränderung ohne ein Minimum an Wahnsinn«, sagte Thomas Sankara. Was war der Auslöser für die Revolution 2014? Wieso fand sie zu dieser Zeit statt, aber nicht früher?Welche Veränderungen hat sie gebracht, welche sind noch notwendig?
Hamado Dipama: Die Unzufriedenheit der Burkinabè während dieser langen Diktatur war sehr groß und wurde verstärkt durch den Versuch von Blaise Compaoré die Verfassung zu ändern, damit er noch länger an der Macht bleibt. Dies war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und die Menschen zu der Revolution, um diese Macht zu beenden. Es gab davor immer wieder Versuche, dieses System zu brechen, aber es wurde immer brutale Repression eingesetzt. Man kann ein Volk jedoch nicht für immer unterdrücken, egal mit welchem Repressions-Niveau und -Mechanismus. Leider ist bei jedem Befreiungskampf ein Preis zu zahlen und ich möchte mich bei den Märtyrern der Revolution bedanken. Was die Veränderungen der Post-Revolution 2014 angeht, kann man noch nicht so viel sagen. Wir beobachten noch! Im Alltag der Burkinabè hat sich noch nicht viel geändert, trotz einiger positiver Ansätze der Übergangs- und der neuen Regierung. Wichtig ist, dass die Regierung sehr vorsichtig ist, weil sie die Botschaft der Jugendlichen, die die Mehrheit des Landes bilden, anscheinend verstanden hat, dass diese nämlich die Macht von unten kontrollieren. Es muss noch viel getan werden, und zwar in fast allen Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft und natürlich den Bürgern Sicherheit gewährleisten.

Clément Compaoré: Blaise Compaoré ist in der Tat erst nach zahlreichen koordinierten nie zuvor erlebten Massendemonstrationen Ende Oktober 2014 zurückgetreten. Massendemonstrationen, weil er die Verfassung ändern wollte, um somit länger als 27 Jahre an der Macht bleiben zu können. Laut vielen Umfragen wollten die Demonstranten einfach, dass er seine Amtszeit einhält und dann nicht mehr kandidiert. Außerdem wollten sie schon gar nichts davon hören, dass sein jüngerer Bruder, François Compaoré, an seiner Stelle kandidieren würde. Zuletzt sollte man auch die belastete Vergangenheit um die Beziehung Compaoré/Sankara erwähnen. Man kann innenpolitisch von einem Paradigmenwechsel sprechen, auch wenn solch ein Statement zu früh formuliert zu sein scheint. Seit den Präsidentschaftswahlen Ende 2015 wird auf Hochtouren an der Stabilisierung und der Ankurbelung der Wirtschaft sowie an der Verstärkung der demokratischen Strukturen gearbeitet. Selbstverständlich wird vom jetzigen Präsidenten erwartet, dass er die Lösung zu den Problemen findet, die er und die Bevölkerung an dem Ex-Präsidenten Blaise Compaoré kritisierten. Die zornige Bevölkerung schuftet und erwartet klar positive Ergebnisse von denen da oben. Es gibt abgesehen davon keinen Fortschritt ohne Freiraum und Sicherheit. Die Sicherheits- und Verteidigungsarchitektur muss folglich wieder dem Schutz der zivilen Bevölkerung und ihren Gütern dienen. Ich persönlich stehe insgesamt nicht auf redundante kurzlebige Euphorien. Deshalb denke ich, dass eine transformationale Führung an der organisierten Spitze des Landes grundsätzlich notwendig ist, auch wenn dies leichter gesagt ist als getan.

Rap und Revolte scheinen in Westafrika eine fruchtbare Symbiose einzugehen. Im Senegal waren die Aktivisten und Rapper Thiat und Kilifeu maßgeblich an der einjährigen Protestbewegung ›Y’en a marre‹ (»Wir haben es satt«) gegen eine dritte Amtszeit des ungeliebten Präsidenten Abdoulaye Wade beteiligt. Sie führte zu seiner Abwahl im Jahr 2012. Welche überregionale Bedeutung hatte diese Bewegung? Gab es Kontakte, Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten in Burkina Faso?
Peter Stepan: Tatsächlich gewinnt man den Eindruck, ein Sänger sein zu müssen, um einen Volksaufstand in Gang setzen zu können. Bei der Gründung der erfolgreichen Bewegung ›Y’en a marre‹ saßen neben Thiat und Kilifeu allerdings auch zwei Journalisten mit im Boot, und dann schlossen sich der Kerntruppe noch weitere Rapper an. Das senegalesische ES REICHT war außer Zweifel Vorbild für den burkinischen BÜRGERBESEN. Auch Organisationsstruktur sowie Aufbau und Orchestrierung des Widerstands sind bis in Details der Mobilisierung an das senegalesische Modell angelehnt. Bis heute sind die Kontakte zwischen den beiden Protestbewegungen sehr eng. So werden Versuche, die Opposition in Kinshasa gegen das Regime Joseph Kabilas von Westafrika aus zu unterstützen, von beiden Gruppen getragen. Beider Netzwerke sind internationalisiert und reichen inzwischen bis nach Europa und Nordamerika.

Sie waren mit Malick Sidibé befreundet, dem großen Fotografen aus Mali, der die Unabhängigkeits-Euphorie der 1960er Jahre in Bamako porträtierte. Er sagte: »Es war die Musik, die die jungen Leute befreite … « Damals hat James Brown die rebellische Jugendkultur international verbunden, heute Hip-Hop. Sind Musiker wie Smockey (von frz. »se moquer«, sich lustig machen) mit ihren polit- satirischen Texten gesellschaftlich so einflussreich, weil sie, wie moderne Griots, als Visionäre, Diplomaten und Ratgeber der Zukunft gesehen werden? Stiften sie mehr Identität als Religion und Ethnie?
Peter Stepan: An dem Vergleich mit den Griots ist etwas dran. Diese Rhapsoden stehen bis heute im Sold von Persönlichkeiten oder Klans, deren heroische Geschichte sie – pro domo natürlich – zu besonderen Anlässen in Lobpreisungen vortragen. Die Rapper im Senegal und in Burkina, von denen wir hier sprechen, sind aber vor allem deshalb so einflussreich, weil sie an dem inflationären Massenkonsum jugendlicher Musik teilhaben. Jenseits billigen Schlager-Gesanges beliefern sie den Markt mit musikalisch eingängigem, aber anspruchsvollem INHALT. Smockey und Sams’K le Jah ebenso wie ihre Künstlerkollegen in den Nachbarländern skandieren gesellschaftskritische Texte, die ihren Zuhörern politisch unter die Haut gehen. Wenn wir von Burkina sprechen, so sind Religion und Ethnie dort bis heute identitätsstiftend, aber auch die Teilnahme an einer politischen Bewegung, im Falle des BÜRGERBESENS an einer zivilgesellschaftlichen Initiative, lässt den Einzelnen über seine persönlichen Grenzen hinauswachsen und bereichert ihn um eine weitere Identität, wenn man so sagen will.

Smockey spricht allgemein von der befreienden Kraft der Kultur.
Peter Stepan: Wörtlich formuliert er sehr treffend: »La culture est fondamentale à tout changement.« Und der Erfolg der Oppositionsbewegungen in der Ukraine, am Taksim-Platz in Istanbul, zu Beginn die Proteste in Syrien, teilweise in Kenia, im Senegal und in Burkina gibt ihm recht. Damit gesellschaftliche Umwälzungen nachhaltig sind, bedarf es künstlerischer Interventionen. Imagination ist die Hefe der Revolte, Phantasie der Katalysator sozialer und politischer Veränderung.

Welche Macht haben Bilder? Ein Foto zeigt, wie ein Demonstrant das goldgerahmte Portrait des berühmten senegalesischen Filmemachers Ousmane Sembène vor dem Vandalismus gerettet hat. Sembène war häufiger Gast des Fespaco-Filmfestivals in Ouagadougou und hat immer im selben Hotel gewohnt. Nach seinem Tod wurde sein Zimmer nicht mehr vergeben, und als Hommage seine Pfeife dort aufbewahrt.
Peter Stepan: In voller Kenntnis der großen aufklärerischen Bedeutung von Sembènes Filmen (man denke an ›Camp de Thiaroye‹ oder ›Moolaadé‹) brachte man das Porträt des bedeutenden Regisseurs aus dem ihm gewidmeten Konferenzflügel des Luxushotels Azalai Indépendance, an das gerade Feuer gelegt wurde, in Sicherheit. In diesem Hotel hatte Compaoré die Abgeordneten der Mehrheitsfraktion einen Tag vor der Abstimmung über die Verfassungsänderung in der Assemblée Nationale einquartieren lassen, um sie dem Druck der Straße zu entziehen. Wird hier nicht die Macht der Bilder greifbar? Das Porträt des Vaters des afrikanischen Kinos – einer der geistigen Urväter des Volksaufstands vom Oktober 2014 – hat Respekt einflößende Wirkung. Bilder haben die Macht, den Lauf der Dinge zu verändern: Man denke an das Bild des an die türkische Küste angeschwemmten Flüchtlingskindes. Bilder von Napalm getroffener Fliehender trugen zur Beendigung des Vietnamkrieges bei usw.

Gerettetes Portrait von Ousmane Sembène, 30.Oktober 2014, Foto: Harouna Marané
Gerettetes Portrait von Ousmane Sembène, 30.Oktober 2014
Foto: Harouna Marané

Was ist die Botschaft der erhobenen Kochlöffel? Wie ist die Rolle der Frau in Burkina Faso?
Clément Compaoré: Es gibt in Burkina Faso z. B. zahlreiche Vereine, auch exklusiv von Frauen für Frauen, und in der organisierten Politik sind einige Damen engagiert. Man denke außerdem – das ist jetzt vielleicht das frappierendste Beispiel – an die legendäre Prinzessin Yennenga aus dem Königtum der Mossi. Da muss man feststellen, dass Frauen bereits im 11. Jahrhundert Schlüsselpositionen in einigen traditionellen politischen Organisationsformen in der Region des heutigen Burkina Faso innehatten und Geschichte maßgeblich sehr positiv geprägt haben. Aber die stammübergreifenden Proteste der erhobenen hölzernen Kochlöffel waren eine Premiere in der Geschichte der Nation. Es ist in unseren Kulturen ja so, dass die hölzernen Kochlöffel zur Zubereitung von Maisbrei benutzt werden. Und wenn die Frau in einem Ehekonflikt den Kochlöffel gegen ihren Mann wendet, wird es für ihn zur existenziellen Bedrohung, weil sie seine Respektabilität und Virilität infrage stellt, beraubt, was für ihn die größte Schande und eine untherapierbare Verfluchung ist. Und klar, es war in der Konfrontation mit den Sicherheitskräften eine Drohgebärde gegen das Regime, um die Macht der Frauen zu demonstrieren. Es war ein Ultimatum-Appell für weniger Machtbesessenheit, für den Rücktritt. Und man käme daher rückblickend zu dem Schluss: Mit kompetenten Frauen an der Macht hätte sich das Land der Aufrechten all diese Gewalt sowie die unverschämte Zeit- und Ressourcenverschwendung doch sparen können. Den Frauen fehlt vielleicht heutzutage noch das Bewusstsein für ihre eigenen kostbaren Stärken.

Während der Film ›Der Präsident‹, 2013, des kamerunischen Filmemachers Jean-Pierre Bekolo noch mit dem Wunschtraum vieler Afrikaner spielt, ihre skrupellosen Präsidenten würden auf sagenhafte Weise über Nacht einfach aus ihren Palästen verschwinden, hat sich diese Vision 2014 in Burkina Faso beinahe verwirklicht. Welche Strahlkraft hat die burkinische Revolution? Welche Regime sind als Nächstes fällig?
Peter Stepan: Das »syndrome burkinabè« wird früher oder später in Afrika Schule machen, auch wenn seine weitere Ausbreitung im vergangenen Jahr, als in sechzehn afrikanischen Ländern Wahlen stattfanden, u.a. in Burundi, im Kongo-Kinshasa und in Gabon, auf tragische Weise verhindert wurde. Bei Anti-Kabila-Demonstrationen in der Hauptstadt des Kongo kamen inzwischen, obwohl sich der Präsident noch immer sicher im Sattel wähnen darf, bis heute schon mehr Menschen ums Leben als in Burkina Faso im Rahmen des erfolgreichen Umsturzes. Burkina, Benin, Ghana, auch die Kapverden, Botswana sowie Gambia gehen der Demokratisierung Afrikas voran. Selbst bei den nigerianischen Präsidentschaftswahlen von 2015 war ein Wechsel vollzogen worden, und die Opposition kam an die Macht. Die »Burkinische Oktoberrevolution« hatte mehrfach günstige Voraussetzungen für ihren Erfolg: Auf andere Länder nicht so ohne Weiteres übertragbar. Bürgerbewegungen in den wirklich harten Diktaturen haben es schwer, aber auch dort wird es heißen: »Phantasie an die Macht!« »Die Ideen sterben nicht«, prophezeite einst Thomas Sankara, und dieser Satz dürfte aller Voraussicht weit über Burkina hinaus seine Gültigkeit unter Beweis stellen. Wer als Nächstes? Die Südafrikaner könnten sich ihres Präsidenten Jakob Zuma entledigen, der die von Mandela verkörperten Ideale in den Schmutz zieht.

| SABINE MATTHES
| TITELFOTO: Blaise Compaoré Ebola Maske Foto: Nomwindé Vivien Sawadogo

Titelangaben
Die Afrikanische Revolution – Burkina Faso 2014: Die Ausstellung wird an folgenden Orten gezeigt: ASPEKTE GALERIE, Münchner Volkshochschule, Gasteig, 30.3. – 5.6.2017 AFRIPOINT, Wien/Hofmühlgasse 2, 13.6. – 6.7.2017 ROCHUSKAPELLE, Landshut, 27.7. – 8.8.2017 (Veranstalter: Haus International e.V.) »L’insurrection populaire. BURKINA FASO OCTOBRE 2014. Vers un monde plus juste«, 160 Seiten, herausgegeben von Peter Stepan, Verlag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Referat Afrika

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