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Das Herz der weißen Finsternis

Kulturbuch | Hampton Sides: Die Polarfahrt

Einst besaß der Nordpol den Ruf eines Sehnsuchtsorts: Warme, fruchtbare Landschaften und exotische Tiere sollten dort existieren – umgeben von einem Panzer aus Eis. Expeditionen dorthin galten im 19. Jh. als nationale Prestigeprojekte. Von JÖRG FUCHS

Frohgemut, die Geheimnisse des Pols zu ergründen, startete 1879 die viel beachtete Polarfahrt des Forschungsschiffs ›Jeannette‹ und seiner 32-köpfigen internationalen Besatzung unter Kapitän George W. DeLong. Die Expedition endete in einem Desaster.

Hampton Sides - Die PolarfahrtDer US-amerikanische Historiker und Journalist Hampton Sides schildert in seiner Dokumentation ›Die Polarfahrt‹ die dramatischen Ereignisse rund um diese Unternehmung. Er beschränkt sich dabei nicht auf die Reisebeschreibung, sondern er lässt uns ebenfalls an den umfangreichen Vorbereitungen und Ideen teilhaben, die zur Realisierung der Expedition führen. Schnell wird klar: Die Fahrt an den nördlichsten Punkt der Erde ist alles andere als halbherzig geplant oder ein von Glücksrittern durchgeführtes Abenteuer.

Monatelang ziehen sich die Vorbereitungen hin. Das Schiff wird nach neuesten Erkenntnissen arktistauglich präpariert, die Besatzung besteht aus handverlesenen Spezialisten. Vorräte sind im Überfluss vorhanden, wissenschaftliche Apparaturen entsprechen dem Stand der Zeit. Man konsultierte im Vorfeld der Unternehmung zahlreiche Arktis- und Geografieexperten, unter anderem den renommierten Gothaer Kartografen August Heinrich Petermann, aber auch erprobte Walfänger, um das aktuelle Wissen rund um das Polarmeer in die Expedition einfließen zu lassen.

Wege zum Nordpol

Den Geografieexperten zufolge sollte nördlich der Beringstraße eine Warmwasserströmung aus dem Pazifik einen Zugang zum warmen Nordpol schaffen – durch diese »thermometrische Pforte« sei ein leicht befahrbarer Zugang zum Nordpolgebiet gewährleistet.

Das Expeditionsschiff: Die USS Jeannette Hampton Sides - Die Polarfahrt - Nordpol
Das Expeditionsschiff: Die USS Jeannette

Im Laufe der Expedition wächst eine andere Gewissheit: Hier herrscht nichts als das ewige Eis. Bereits kurz nach der Passage der Beringstraße friert das Expeditionsschiff fest. Tage und Wochen wandert das Schiff mitsamt der Eisdrift nach Norden. Der Gleichförmigkeit der Zeit und der Ödnis des ewigen Eises begegnet die Besatzung mit einem durchstrukturierten Tagesablauf und eiserner Disziplin.

An dieser Stelle des Buchs wandelt sich der Blick des Autors auf seine Protagonisten: Dokumentarisch-distanzierte Betrachtungen, wie sie zurzeit der Expeditionsvorbereitung im Buch vorherrschen, weichen zugunsten der empathischen Charakterisierung der Männer an Bord, die sich in einer schwierigen, aber noch beherrschbaren Situation befinden.

Auch die an Land Gebliebenen und ihr Umgang mit der jahrelangen Ungewissheit über den Verbleib der Expedition rückt Hampton in den Fokus: Vom schillernden und umtriebigen Zeitungsherausgeber und Finanzier James Gordon Bennett jr., der bereits die Stanley-Expedition zur Suche des in Afrika verschollenen Dr. Livingstone ausgestattet hatte, und der sich von der Polarfahrt hohe Leserzahlen seiner Zeitung ›New York Herald‹ erhofft, bis zu Ehefrau des Kapitäns, Emma DeLong, deren Sicht auf die Dinge in Briefen geschildert wird.

Am 13. Juni 1881, fast zwei Jahre nach ihrem Start in San Francisco bricht die Katastrophe über die Expedition herein. Die ›Jeannette‹ wird vom Eis zermalmt, ihre Besatzung rettet sich auf Eisschollen. Mit Schlitten, Ruderbooten und einem Teil der Ausrüstung brechen die Männer nach Süden auf – in der Hoffnung, noch vor Einbruch des arktischen Winters das sibirische Festland zu erreichen.

In beeindruckenden Bildern vermittelt der Autor den beschwerlichen Marsch: 32 Männer schleppen, schleifen und bugsieren 8.000 Kilo an Vorräten und Ausrüstung über das Eis, das der arktische Sommer weich und unberechenbar gemacht hat. Die Truppe kommt nur unter größten Anstrengungen voran. Ihre Schlitten, provisorisch aus Fässern und Walrosszähnen zusammengezimmert, sind so schwer, dass sie nicht alle auf einmal gezogen werden können; die Männer müssen jeden Weg mehrmals gehen, um die wertvolle Fracht nicht zu verlieren.

Groß ist das Entsetzen, als man feststellt, dass die Bewegung des Eises die Männer schneller nach Norden transportiert, als sie in Südrichtung vorankommen; trotz aller Strapazen entfernt sich das rettende Festland von Stunde zu Stunde.
Unter Aufbietung aller Kräfte erreicht die Besatzung die Neusibirischen Inseln, von denen man nach einigen Tagen der Erholung in Richtung Sibirien aufbricht. In drei Gruppen stechen die Männer in See – kurz darauf reißt der Kontakt zwischen den winzigen Booten in einem heftigen Sturm ab.

»So lange es Eis gibt, das mich trägt«

Kapitän George Washington DeLong
Kapitän George Washington DeLong
Erschien die Expedition bisher beschwerlich – aber durchaus lösbar – wendet sich das Blatt für die Männer, je näher sie ihrem Ziel, dem bewohnten Festland, kommen. Der früh einbrechende arktische Winter, die lebensfeindliche Natur und die gigantischen Entfernungen, die es zurückzulegen gilt, fordern ihren Tribut unter den versprengten Männern.

»Wir schaffen es nicht mehr, Feuerholz herbeizuholen, uns warm zu halten, und in ein oder zwei Tagen wird der Vorrat verbraucht sein.« notiert der Bordarzt James Ambler am 20. Oktober 1880 in sein Reisetagebuch. 130 Tage lag der Untergang ihres Forschungsschiffes ›Jeannette‹ zu dieser Zeit bereits zurück. Nachdem die Kräfte zur Jagd nicht mehr reichen, essen die Männer in ihrer Verzweiflung ihre Schuhe und Gürtel.

Fazit

Über den Ausgang der katastrophal missglückten Expedition und das harte Los der Besatzung der Jeannette soll an dieser Stelle nicht mehr verraten werden. Hampton Sides hat ein mitreißendes, spannendes Buch geschrieben, formuliert in allerbester populärwissenschaftlicher Erzähltradition. Er schafft Bilder, an die wir uns lange erinnern, nachdem wir das Buch aus der Hand gelegt haben. Gebannt verfolgen wir, wie ein großer Traum unweigerlich in die Katastrophe führt – und wie ohnmächtig der Versuch wirkt, in einer lebensfeindlichen Umgebung körperlich und geistig zu bestehen.

Anfangs rational distanziert, zum Ende hin empathisch und mitfühlend, schildert der Autor die Erlebnisse und Schicksale der Schiffbrüchigen, aber auch die Ängste und Zweifel ihrer ahnungslosen Familien und Freunde in der Heimat. Zugleich gibt uns Sides eine detaillierte Vorstellung über eine Zeit, in der unsere Welt noch zahlreiche weiße Flecken auf der Landkarte aufwies – und den unbedingten Eifer, diese zu ergründen.

| JÖRG FUCHS

Titelangaben
Hampton Sides: Die Polarfahrt
Von einer unwiderstehlichen Sehnsucht, einem grandiosen Plan und seinem dramatischen Ende im Eis
(2014, In the Kingdom of Ice: The Grand and Terrible Polar Voyage of the USS Jeannette) Aus dem Amerikanischen von Rudolf Mast
Hamburg: mareverlag 2017
576 Seiten, 28,00 Euro
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