/

Kleiner Mann, ganz groß

Menschen | Zum 80. Geburtstag des Oscar-Preisträgers Dustin Hoffman

»Der Erfolg versaut dich. Es gibt kein Entrinnen: Du wirst unweigerlich korrumpiert. Wenn man einmal vom Ruhm gekostet hat, dann will man immer mehr davon. Wir alle wollen geliebt werden – und dafür zahlen wir einen Preis: Wir beginnen, Kompromisse einzugehen«, hatte der Schauspieler Dustin Hoffman 2013 rückblickend in einem Interview erklärt. Ein Porträt von PETER MOHR

Dustin HoffmanJener große Darsteller, der seine Anfänge im Rückblick gerne als Bohème-Existenz deutet (»das hieß schlicht, dagegen zu sein, deinen Lebensunterhalt auf ehrliche Art zu verdienen«) und der dem gängigen Klischee vom Hollywood-Star, vom gutaussehenden, stets lächelnden Liebling der weiblichen Fans tatsächlich nie entsprach. Der kleinwüchsige Sohn eines film- und theaterbegeisterten Möbeldesigners hat seine fehlende Ausstrahlung (oftmals zum Leidwesen seiner Regisseure) mit einem beinahe manischen Drang zur Perfektion kompensiert.

»Er sah aus, als sei er lediglich einen Meter groß und ein vollkommen ernsthafter Mensch, bar jeden Witzes und ziemlich verwahrlost«. So beschrieb Katharine Ross, die in Dustin Hoffmans erstem Kinofilm ›Die Reifeprüfung (1967) mitwirkte, den zweimaligen Oscar-Gewinner.
Die Schauspielerei ist für Dustin Hoffman kein Rollenspiel, sondern harte Knochenarbeit. Monatelanges, fast detektivisches Beobachten ging seinen besten Rollen voraus – in ›Tootsie‹ (1982) oder als autistischer Raymond in ›Rain Man‹ (1988) an der Seite von Tom Cruise.

Wie sich Hoffman unter der Regie von Sydney Pollack in ›Tootsie‹ vom Schauspieler Dorsey in die zickige Dorothy verwandelt, die so andächtig die Hände über dem falschen Busen faltet: Das ist nicht nur herzerfrischend komisch, sondern auch eine grandiose schauspielerische Leistung, die Hoffmans einzigartige Wandlungsfähigkeit eindrucksvoll dokumentierte.

Seinen Vornamen verdankt Dustin Hoffman, der vor 80 Jahren in Los Angeles geboren wurde, dem von seinen Eltern verehrten Stummfilm-Cowboy Dustin Farnum. Eigentlich wollte er Konzertpianist werden. Allerdings brach er sein Musikstudium in Santa Monica früh ab und ließ sich von der in seiner Familie grassierenden Filmbegeisterung anstecken. Bereits sein Vater arbeitete als Ausstatter bei verschiedenen Hollywood-Studios. Und sein älterer Bruder stand in einer Nebenrolle schon 1939 vor der Kamera.

»Ich begann mit der Schauspielerei, weil ich dabei Mädchen kennenlernen konnte«, gesteht Hoffman im Rückblick auf seine Jahre als Bühnennovize am Pasedena Playhouse. Geblieben aus diesen Anfangsjahren ist die Freundschaft mit Gene Hackman. 47 Jahre nach dieser Begegnung standen Hoffman und Hackman erstmals gemeinsam vor der Kamera – in der John Grisham-Verfilmung ›Das Urteil‹.

Mit 21 Jahren ging er nach New York und lernte bei Lee Strasberg das Theaterspielen von der Pike auf. Die Affinität zur Bühne ist nie erloschen. Als Hoffman längst ein gefeierter Filmstar war, kehrte er in den 80er Jahren mit großem Erfolg zum Theater zurück und wurde in Arthur Millers ›Tod eines Handlungsreisenden‹ in New York (die Rolle des Willy Loman spielte er auch in der Verfilmung von Volker Schlöndorff) und als Shylock im ›Kaufmann von Venedig‹ in London bejubelt.

Da hatte er bereits den ersten Oscar (zusammen mit Meryl Streep) für das von Robert Benton inszenierte Scheidungsdrama ›Kramer gegen Kramer‹ (1979) kassiert und in Erfolgsstreifen wie ›Asphalt-Cowboy‹ (1968), ›Little Big Man‹ (1970), ›Papillon‹ (1973), ›Lenny‹ (1974), ›Der Marathon Mann‹, ›Die Unbestechlichen‹ (beide 1976) und ›Stunde der Bewährung‹ (1978) vor der Kamera gestanden.

Nach dem zweiten Oscar für Dustin Hoffmans Paraderolle in ›Rain Man‹ ging es künstlerisch allerdings etwas bergab. Es folgten etliche schwächere Rollen, in denen er schauspielerisch unterfordert war – von Steven Spielbergs ›Hook‹ (1991) bis zu Luc Bessons ›Johanna von Orleans‹ (1999). Zuletzt näherte er sich wieder seiner schauspielerischen Bestform – sowohl in ›Meine Frau, ihre Schwiegereltern und Ich‹ (2003) an der Seite von Robert de Niro und Barbara Streisand als auch in der Rolle des Parfümiers Giuseppe Baldini in der von Tom Tykwer inszenierten Verfilmung von Patrick Süskinds Roman ›Das Parfüm‹ (2006) und als dem Alkohol frönender Werbejingle-Komponist Harvey Shine in ›Liebe auf den zweiten Blick‹ (2008). Ungebrochen ist sein Arbeitseifer. Er steht noch immer in größeren und kleineren Produktionen vor der Kamera – die Tragiokomödie ›The Meyerowitz Stories‹ feierte im Mai im Rahmen der Filmfestspiele von Cannes ihre Premiere.

Mit vielen großen Regisseuren hat Hoffman zusammen gearbeitet, aber am nachhaltigsten prägte ihn sein ›Entdecker‹ Mike Nichols, der ihn 1967 – allerdings gegen den Willen der Produktionsfirma – für die Rolle des schüchternen College-Absolventen Braddock in ›Die Reifeprüfung‹ durchsetzte. Nichols erhielt damals einen Oscar und Hoffman die erste Nominierung – der Beginn der eindrucksvollen Karriere eines der ausdrucksstärksten Charakterdarsteller unserer Zeit.

| PETER MOHR

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der Mensch erscheint im Holozän

Nächster Artikel

Die Kunst als Ausweg

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Mord als Liebesspiel

Menschen | Vor 100 Jahren wurde die Schriftstellerin Patricia Highsmith geboren

Sie war exzentrisch und menschenscheu, hedonistisch und depressiv. Sie liebte Katzen, hasste Kinder und bezeichnete Mord als eine »Art des Liebesspiels, eine Art des Besitzergreifens«. So rätselhaft wie das Leben der Schriftstellerin Patricia Highsmith war auch ihr weltweit erfolgreiches Werk. Von PETER MOHR

Erzähler und Versöhner

Menschen | Zum Tode des SChriftstellers Ludwig Harig »Kein Zweifel, er ist unter den Lebenden nicht nur der bekannteste, sondern auch der beste saarländische Schriftsteller. Wer dies behauptet, setzt keinen anderen herab«, hatte Ludwig Harigs saarländischer Landsmann Oskar Lafontaine schon vor 25 Jahren völlig zutreffend in der ›Zeit‹ geschrieben. In den letzten Jahren war es – dem Alter geschuldet – etwas ruhiger geworden um den literarischen Tausendsassa aus dem Saarland. Ein Nachruf von PETER MOHR

Sadness With A Dash Of Beats: An Interview With Emika

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world

In a world which celebrates uniformity and mediocrity it is refreshing to find someone actively striving to create something interesting and new. In art, moulds are meant to be broken and stereotypes cast to the ground. One artist who understands this is Berlin resident Emika. Born Ema Jolly, and raised in Milton Keynes, Emika has utilized her classical training in piano and composition to form the foundation for a body of work which has taken in pop, classical, electronica, ambient and more. Never one to settle for the status quo, her music could resemble the gothic pop of Fever Ray one minute, the futuristic electro of Drexciya the next. By JOHN BITTLES

Nicht zwischen den Stühlen

Menschen | Zum 90. Geburtstag des Schriftstellers Georges-Arthur Goldschmidt am 2. Mai »Ich wollte zeigen, was ich der Literatur an Freiheit, Selbständigkeit und an Lebensabenteuern verdanke«, hatte Georges-Arthur Goldschmidt vor zehn Jahren über seinen gerade erschienenen Essayband ›Die Faust im Mund‹ erklärt, in dem er sich intensiv mit Kafka (einem seiner Briefe ist auch der Buchtitel entlehnt), Eichendorff, den Grimmschen Märchen und mit seinem eigenen literarischen Selbstverständnis auseinandersetzt. Ein Porträt von PETER MOHR

Mit den Steinen sprechen

Menschen | 100. Geburtstag von Erich Fried

Als der Schriftsteller Erich Fried am 17. Oktober 1987 den Georg-Büchner-Preis entgegennahm, war er bereits deutlich sichtbar von seiner schleichenden Krankheit gezeichnet. Dennoch holte er in der erlauchten Runde der Darmstädter Akademie noch einmal zu einem verbalen Keulenschlag aus, als er in seiner Dankesrede provokant behauptete: »Es ist wahrscheinlich, dass dieser Zwanzigjährige (gemeint ist Georg Büchner) sich in unserer Zeit zur ersten Generation der Baader-Meinhof-Gruppe geschlagen hätte.« So war Erich Fried: einerseits vor allem wegen seiner Lyrik geachtet, geschätzt und mit Preisen dekoriert und andererseits ein politisch fragwürdiger, kaum zu bändigender Poltergeist. Von PETER MOHR