/

Eigensinnig und offen

Menschen | Zum 75. Geburtstag von Georg-Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius am 13.2.

Mit zunehmendem Alter scheint der künstlerische Blick immer weiter zurückzuschweifen. Eine Sekretärin aus den 1960er Jahren stand im Mittelpunkt von Friedrich Christian Delius‘ letztem Roman ›Die Liebesgeschichtenerzählerin‹ (2016). Seine neue, in der nächsten Woche erscheinende stark autobiografische Erzählung ›Die Zukunft der Schönheit‹ ist in der gleichen Zeit angesiedelt und erzählt von einem jungen Mann aus der hessischen Provinz und dessen musikalischem Erweckungserlebnis in einem New Yorker Jazzclub. Von PETER MOHR

Delius Zukunft SchönheitAls Friedrich Christian Delius 2011 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, reagierte die literarische Öffentlichkeit auf seltsame Weise unentschieden. »Guter Mann, falsche Wahl«, hieß es in der ›Süddeutschen Zeitung‹, und auch die ›FAZ‹ attestierte eine »etwas flaue Entscheidung.« Niemand sprach von einem Fehlurteil, niemand stellte in Abrede, dass Delius eine wichtige, vor allem kritische Stimme in der deutschen Nachkriegsliteratur ist, aber den großen dichterischen Lorbeerkranz wollten ihm einige Kritiker dann doch nicht flechten. Ihm fehle die Singularität und bisweilen auch die klare poetische Sprache, lauteten die mehr als fragwürdigen Einwände.

Als »kritischen, findigen und erfinderischen Beobachter« hatte die Darmstädter Akademie Delius in ihrer Urteilsbegründung gerühmt und damit einen Autor ausgezeichnet, der seit fast 50 Jahren auf hohem künstlerischen Niveau und mit großem aufklärerischen Impetus die deutschsprachige Nachkriegsliteratur bereichert hat.

Delius, der am 13. Februar 1943 in Rom als Sohn eines Pfarrers geboren wurde und in Nordhessen aufwuchs, nahm als blutjunger Student bereits 1964 an der Gruppe-47-Tagung im schwedischen Sigtuna teil. Nach seinem Studium in Berlin bei Walter Höllerer, dass er 1971 mit der Promotion abschloss, war er einige Jahre (neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit) als Lektor in verschiedenen Verlagen tätig.

In der Literaturszene sorgte Delius 1972 zum ersten Mal für Furore – mit der Veröffentlichung des kritischen Prosabandes ›Unsere Siemens-Welt‹, der eine lange juristische Auseinandersetzung mit dem Konzern auslöste.
Fortan hatte Delius mit dem Etikett »politischer Schriftsteller« zu leben, zumal er später auch den »Deutschen Herbst« zum Sujet machte. Sein Roman ›Mogadischu Fensterplatz‹ (1987) ist noch heute eines der beklemmendsten literarischen Werke über den blutigen RAF-Terrorismus.

»Jedes Buch entsteht aus neuen Fragen, aus neuen Erfahrungen heraus«, hatte Delius vor fünf Jahren in einem Interview rückblickend über seine eigene Arbeit erklärt. Offensichtlich hat sich der heute abwechselnd in Berlin und Rom lebende Autor im Laufe der Jahre selbst viele Fragen gestellt, denn die Bandbreite seines Oeuvres ist gewaltig: Romane, Essays, Satiren, Gedichte und sogar eine Oper. Und immer bewegte sich Delius dabei auf einem schmalen Grat, denn er war stets bestrebt, Kunst und politisches Engagement, den Dichter und den kritischen Zeitgenossen in sich selbst irgendwie unter einen Hut zu bringen.

Sein gelungenstes, emotionalstes und poetischstes Buch ist die 2006 erschienene stark autobiografische Erzählung ›Bildnis der Mutter als junge Frau‹. Darin rekonstruiert Delius auf äußerst einfühlsame, aber unpathetische Weise einen Nachmittag im Leben seiner Mutter – rund vier Wochen vor der eigenen Geburt. Das wirkt ziemlich gewagt, zumal der Autor diesen schmalen Text in einem unstrukturierten Rede- und Bilderfluss in der dritten Person ohne einen einzigen Punkt abgefasst hat. Die Simultanität zwischen visuellen Eindrücken auf dem Spaziergang durch Rom und Reflexionen über die Kriegszeit werden dadurch allerdings eindrucksvoll verstärkt. Delius beschreibt seine Mutter darin als eine Art »unglücklich Glückliche«, denn die Ungewissheit über das Wohlergehen ihres in den Kriegswirren nach Afrika abkommandierten Mannes quälte sie immerfort.

»Eigensinnig und offen für alles, oder sagen wir, für möglichst viel. Hauptsache unideologisch. Und du musst der bleiben, der du sein willst«, das hat sich der leidenschaftliche Fußballfan Delius für seine Rolle als »kritischer Un-Ruheständler« auf die literarischen Fahnen geschrieben.

| PETER MOHR
| Titelbild: Hans Weingartz, DELIUS, CC BY-SA 2.0 DE

Lesetipp
Friedrich Christian Delius: Die Zukunft der Schönheit
Hamburg: Rowohlt Verlag 2018
92 Seiten, 16 Euro
(erscheint am 20. Februar)

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Fuuuuusiooon!

Nächster Artikel

Die Revolution der Magie

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Die Heldinnen verstehen

Menschen | ›Nachteule‹ - neuer Roman zum 90. Geburtstag von Ingrid Noll

»Man muss meine Heldinnen nicht unbedingt mögen, sondern sollte sie bloß verstehen. Mir sind selbstgerechte Menschen immer ein wenig suspekt, in bestimmten Situationen ist fast jeder zu einer Straftat fähig«, hatte die Schriftstellerin Ingrid Noll vor drei Jahren in einem Interview erklärt. Von PETER MOHR

Täglich ins Schreibbüro

Menschen | Zum 25. Todestag der Schriftstellerin Marguerite Duras

»Ich schreibe, um mein Ich ins Buch zu verlagern. Um meine Bedeutung zu verringern«, hatte Marguerite Duras einmal ihren Schreibimpuls zu erklären versucht. Ihre Produktivität war beinahe beängstigend. Seit Anfang der 1940er Jahre hatte sie über 50 Bücher unterschiedlichster »Couleur« veröffentlicht. Bis 1985 war allerdings nur der Roman ›Hiroshima mon amour‹ in deutscher Übersetzung erhältlich, der 1958 von Alain Resnais für die Leinwand inszeniert wurde. Dann löste der Erfolg des Romans ›Der Liebhaber‹ Mitte der 1980er Jahre eine wahre Duras-Lawine auf dem deutschsprachigen Buchmarkt aus. Von PETER MOHR

Malen kann das Frauenzimmer!

Menschen | Adrienne Braun: Künstlerin, Rebellin, Pionierin Luise Duttenhofer, Emmy Schoch oder Gerta Taro: Künstlerin, Rebellin, Pionierin waren sie alle, eine jede in ihrem Ressort und zu ihrer Zeit. Grund genug, diese und über ein Dutzend weitere herausragende Frauen-Biographien aus Baden-Württemberg (wieder) zu entdecken. Die Stuttgarter Kulturjournalistin Adrienne Braun hat dazu eine Auswahl von überaus geistreichen und anregenden Porträts verfasst. Von INGEBORG JAISER

Emigrant, Flüchtling, Mensch

Menschen | Zum Tod des israelischen Schriftstellers Aharon Appelfeld »In den späten fünfziger Jahren gab ich meinen Wunsch auf, ein israelischer Schriftsteller zu werden. Stattdessen bemühte ich mich, das zu sein, was ich war – ein Emigrant, ein Flüchtling, ein Mensch, der das Kind der Kriegsjahre in sich trug«, erklärte Aharon Appelfeld vor einigen Jahren in einem Interview. Von PETER MOHR

Egotrip mit Kulissen

Menschen | Andreas Altmann: Verdammtes Land Palästina und die Palästinenser erleben augenblicklich einen Boom. Zahlreiche Bücher und Medienberichte sprechen plötzlich aus, was zumindest in Deutschland und auf Deutsch lange Zeit tabu gewesen war. So wichtig und begrüßenswert das ist, so liegt doch ebenso auf der Hand, dass nicht alle Resultate eines Booms befriedigend ausfallen. Gerade hat der bekannte Reisejournalist Andreas Altmann seine Sicht der Dinge unter dem Titel ›Verdammtes Land‹ veröffentlicht. Von PETER BLASTENBREI