Die Spielmacherin

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Film | Im Kino: Molly’s Game

Aaron Sorkin gibt seinen Einstand als Regisseur. Der gefeierte Drehbuchautor hat sich dafür die Autobiografie ›Molly’s Game‹ der US-Amerikanerin Molly Bloom ausgesucht, die über Jahre hinweg den vielleicht exklusivsten Pokertisch der Welt veranstaltete. Das Skript verfasste Sorkin ebenfalls, die Hauptrolle übernahm Hollywood-Star Jessica Chastain. Das verspricht eine gut erzählte und zudem interessante Geschichte mit starkem Schauspiel. »Erfüllt der Film die Erwartungen?«, fragt FELIX TSCHON.

Die Pokerprinzessin

Film Kino - Mollys GameAls einer der Spieler – er ist nicht der erste – Molly seine Liebe gesteht, bemüht sie einen Vergleich, um ihre Position in Bezug auf den Pokertisch zu erklären. Ob er Kirke kenne, fragt die stets in sexy-elegantem Kleid auftretende Junggesellin. Kirke, die Zauberin der griechischen Mythologie, für ihre Verführungskünste bekannt. Latiniert heißt sie Circe, im Deutschen Zirze, ihrem Namen entstammt der Begriff des Bezirzens.

Einige Jahre bevor Molly Bloom (Jessica Chastain) in den Boulevardblättern den Titel der Pokerprinzessin verliehen bekommt, fährt sie auf hohem Niveau Ski, angeleitet von ihrem ehrgeizigen Vater Larry (Kevin Costner). Molly will an den Olympischen Winterspielen teilnehmen, verletzt sich bei der entscheidenden Abfahrt aber schwer.

Kurz nachdem sie den Titel der Pokerprinzessin erringt, wird sie vom FBI verhaftet. Der Anwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) übernimmt ihre Verteidigung. In der Zeit zwischen Verletzung und Verhaftung organisiert Molly – die eigentlich Jura studieren möchte – durch einen Zufall erst in Los Angeles und dann in New York Pokertische mit hohen Einsätzen. Hier spielen reiche Filmstars, Sportler, Geschäftsmänner und schließlich auch russische Gangster.

Atemlos

Aaron Sorkin erzählt, wie es zu der Verhaftung kommt, was vorher und danach passiert. Er setzt dabei auf ein rasantes Erzähltempo. Obwohl sein Regiedebüt stolze 140 Minuten dauert, kommt keine Langeweile auf. Es fühlt sich dennoch bestimmt 20 Minuten zu lang an. Denn der 56-Jährige drückt diesmal sehr auf das Gaspedal; die Darsteller hatten in seinen Drehbüchern der Filme der vergangenen zehn Jahre – ›Steve Jobs‹, ›Moneyball‹ und ›The Social Network‹ – immerhin noch Zeit für eine Atempause zwischen einzelnen Sätzen. Das ist für den Zuschauer etwas anstrengend.

Wären alle Dialoge in ›Molly’s Game‹ auf dem Niveau der drei genannten Werke, wäre die Spielzeit nicht zu bemängeln. Leider sind sie das aber nicht. Der Drehbuchautor Sorkin liefert stellenweise hervorragendes Material, hält das Niveau aber nicht durch. Schwache Dialoge (»What makes you feel less bad about losing? Winning«) gehen mit starken einher (»People don’t realize trust fund kids suffer in this economy, too«). Er hätte im Gesprochenen nicht so sehr die Coolness fokussieren und stets erneut aufgreifen sollen.

Atmosphärisch, aber nicht dramatisch

Den ansprechenden Faktor bringt der dominierende Handlungsstrang mit. Die Jahre während der Organisation des Tischs nehmen die meisten Minuten ein, plottechnisch ragen sie qualitativ glücklicherweise heraus. Wird gespielt, ist es spannend – und das nicht nur auf der Pokerwiese. Es gelingt dem Regisseur Sorkin, eine authentische Stimmung der Exklusivität zu übermitteln. Schade, dass das Werk nicht als Pokerfilm, sondern als Biografie daherkommt.

Will ›Molly’s Game‹ nämlich Drama sein, hapert es. Das Storytelling gibt es nicht her, der Geschichte und den Figuren fehlt die Tiefe. Sorkin erzählt etwas, das es verdient, erzählt zu werden; er nutzt allerdings Pathos, wo es nicht nötig ist.

Money, Money, Money

Wer ist Molly? Rückblenden, die ihren Vaterkomplex thematisieren, beantworten diese Frage. Oft geht Sorkin auf Jugend und Kindheit ein, schneidet das Erwachsensein mit Drogensucht, Alkoholismus und Depression aber nur an. Wenn das »Was?« in den Hintergrund gerät, interessiert das »Warum?« nur bedingt.

Warum Molly im Film jedoch oberflächlich handelt – wie sie handelt – geht auch als tiefgründigeres Motiv durch: Weil sie Geld mag! Spielen Dollars die Hauptrolle, ist ›Molly’s Game‹ am authentischsten. Die Persönlichkeitsstudie Molly Bloom hätte auf der Verführung des Gelds basieren sollen.

Jessica Chastain spielt ansprechend, der 40-Jährigen gelingt vor allem die Transformation der erfolgreichen Geschäftsfrau zur gefallenen Zynikerin. Ihre Szenen mit Idris Elba, in denen sie stets herausragt, sind schauspielerisch nett anzusehen. Unter den Nebendarstellern unterhalten Michael Cera, Chris O’Dowd, Brian d’Arcy James und Bill Camp als Spieler, Kevin Costner und Jeremy Strong als kurzzeitiger Chef von Molly langweilen durch karikierte Rolleninterpretationen.

Weniger wäre mehr gewesen

Aaron Sorkin liefert bei seinem Regieeinstand mit ›Molly’s Game‹ alles in allem einen spannenden Film, der durch Atmosphäre besticht – aber nicht als das Drama, das er gleichzeitig sein möchte. Erzähltempo und Dialoge sorgen für flotte Unterhaltung, letzte halten allerdings nur teilweise die Klasse früherer Sorkin-Drehbücher.

| FELIX TSCHON

Titelangaben
Molly’s Game: Alles auf eine Karte
Regie und Drehbuch: Aaron Sorkin
Darsteller:
Jessica Chastain: Molly Bloom, Idris Elba: Charlie Jaffey
Kevin Costner: Larry Bloom, Michael Cera: Player X
Jeremy Strong: Dean Keith, Chris O’Dowd: Douglas Downey
Brian d’Arcy James: Brad, Bill Camp: Harlan Eustice
Kamera: Charlotte Bruus Christensen
Musik: Daniel Pemberton