Im Osten was Neues

Comic | Nils Knoblich: Fortmachen

Das Thema DDR ist schon seit einigen Jahren auch im Comic angekommen, spätestens seit Simon Schwartz‘ ›Drüben‹, und wird dabei meist autobiographisch oder familienhistorisch aufgearbeitet. Der neue Graphic Novel ›Fortmachen‹ von Nils Knoblich, der seine Diplomarbeit an der Kunsthochschule Kassel darstellt, ist da gar nicht anders. PHILIP J. DINGELDEY hat sich ›Fortmachen‹ angesehen.

Das Werk beleuchtet das Leben der unzufriedenen Familie Knoblich im sogenannten real existierenden Sozialismus der 1980er Jahre und deren Versuche legal ausreisen zu dürfen, eben rüber- oder fortzumachen. Auf den ersten Blick wirkt der Comic im Vergleich zu anderen Werken dieser Art nicht spektakulär, manchmal schon beinahe zu konventionell; aber hin und wieder versteckt sich dahinter beißende Ironie. < Comic Nils Knoblich FortmachenDer Protagonist Nils redet beim Familiengrillen mit seinen Eltern und später auch mit anderen näheren Verwandten in der Gegenwart über deren Zeit in der DDR und ihre Versuche, in die BRD ausreisen zu dürfen. Aus den Erzählungen seiner Angehörigen bildet sich so nach und nach eine annähernd chronologische Rekonstruktion über ihren Alltag, die Unterdrückung und die Unzufriedenheit der verschiedenen Familienmitglieder: Begonnen mit dem Onkel, der Mitte der 1980er tatsächlich legal ausreisen dürfte, über die Ausreiseanträge der Eltern und Großeltern, freilich nach einer Phase der Empörung über den »untreuen« Onkel, bis zur letztendlichen Ausreise aller Knoblichs. Dazwischen berichten die Akteure über die üblichen Beschwerden: Mangelwirtschaft, Bürokratie, Anfeindungen der Kollegen, die bis zu den Anschuldigungen des Vaterlandsverrates reichen. Und darüber schwebt ihr diffuser Glaube, im Westen sei irgendwie alles gut, oder zumindest besser, eben freier.

Knoblich mischt dabei einen Sachcomic mit dem Genre der Familienliteratur aus der Retrospektive. Das mag spannend klingen. Für den Leser kommt dabei aber kaum Neues, Erhellendes oder besonders Künstlerisches heraus – zumindest nicht auf den ersten Blick. Allzu konventionell sind die Beschwerden der Knoblichs über den autoritären Staat DDR. Das mag nicht die Schuld des Autors sein. Inzwischen haben wir vereinigte Deutsche zu oft all diese Beschwerden über den Ostblock und Ostdeutschland gehört. Eine solche weitere künstlerische Verarbeitung scheint uns im Westen eigentlich nichts Neues zu bringen, weshalb sich der Leser fragen mag, warum es noch ein Kunstwerk zu diesem Thema braucht, das sich doch von anderen kaum zu unterscheiden scheint.

Doppelter Boden für bissige Ironie

Doch man muss sich den Comic genauer ansehen: Die erzählenden Protagonisten beschweren sich nicht so sehr über das SED-Regime, weil es seine Bürger einsperrt und überwacht, sondern weil ein Familienmitglied bereits ausgewandert ist und weil sie sich für den eigenen Wohlstand mehr versprechen – und dies für sie eher zufällig mit dem westlichen Freiheitsideal einhergeht. Diese Ausreisewilligen sind ergo keine politischen Freiheitskämpfer – sie sind ja auch nicht geflohen oder haben sich im Widerstand als zivil Ungehorsame engagiert, der zu dieser Zeit anwuchs. Stattdessen sind sie nur Figuren in einem Spiel, die gerne den Herrn wechseln möchten, und von der Unterdrückung in der autoritären DDR zur Unterdrückung durch den Kapitalismus, der ihnen so bunt erscheint, wollen.

Offenkundig wird dies eigentlich im Epilog, wenn Nils, wieder in der Gegenwart, seine Eltern für die digitalen Überwachungsmethoden der NSA sensibilisieren will, die Verwandtschaft aber seine Warnungen schlicht ignoriert. Überwachungssysteme scheinen sie nicht zu stören, oder sie haben sich damit abgefunden. Der Wohlstandswunsch, nicht der Widerstand gegen die Überwachung, war der Grund der Ausreise. Umso ironischer und bissiger wird das Ende der Geschichte, wenn, kurz nach ihrer legalen Ausreise im Jahr 1989 und der damit verbundenen bürokratischen Odyssee, die Berliner Mauer von selbst am 9. November fällt und die Grenzen endlich offen sind.

Stilistisch kann der Comic die Doppelbödigkeit bestätigen. Knoblich wählt einen dokumentarischen Stil, auch für die in hellen Tönen gehaltenen Zeichnungen. So bleibt Nils Knoblich als derjenige, der die Erzählung aufzeichnet, im Hintergrund, versucht neutral zu bleiben, aber gibt dafür den Figuren den Raum, sich frei zu entfalten und zu entlarven. Jedoch sind seine Zeichnungen etwas zu naiv, sogar kindlich gehalten, für eine reine Dokumentation; wahrscheinlich aus gutem Grund, spiegelt sich darin wohl die Naivität der Protagonisten und ihr illusorisches Ideal einer heilen Welt in der BRD, das ihnen das Westfernsehen weisgemacht hat. Zwischen den relativ weiten Leerstellen zwischen den Panels befinden sich vielleicht die ökonomischen Träume der Knoblichs.

Nils Knoblich: Fortmachen

Somit handelt es sich bei ›Fortmachen‹ um einen der seltenen Graphic Novels, die durch ihren dokumentarisch-naiven Stil Raum für einen doppelten Boden, für eine intellektuelle und künstlerische Tiefe bietet. Aus dem oberflächlich betrachtet äußert konventionellen und scheinbar langweiligen Comic wird dadurch etwas Neues, ein ironisch-kritisches Porträt einer Familie, die sich als Widerständler stilisieren, aber im Endeffekt nur den Kapitalismus und seiner Ungleichheit frönen und deren Hoffnungen irgendwann zerplatzen muss oder müsste.

| PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben
Nils Knoblich: Fortmachen
Edition Moderne: Zürich 2017
184 Seiten, 24,80 Euro
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