Hundefutter für die Krähe

Roman | Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf

»Ich wollte eigentlich keinen Roman über die Umweltzerstörung schreiben, sondern vor allem erzählen, was passiert, wenn jemand, in diesem Fall eine Journalistin, das tut, was sie für richtig hält: die Wahrheit zu schreiben«, erklärte die Schriftstellerin Monika Maron 2009 in einem Spiegel-Interview über das Entstehen ihres in der damaligen DDR verbotenen Romans Flugasche (1981). PETER MOHR über ihre neuen Roman Munin oder Chaos im Kopf.

Monika Maron: Munin oder Chaos im KopfWas im postfaktischen Zeitalter von der Wahrheit zu halten ist, wie sich geschürte und reale Ängste mit einem Verdrängungskampf am Rand der Gesellschaft zu einem brodelnden Gewaltgebräu mischen – davon erzählt Monika Marons neuer Roman, mit dem sie auf fragwürdige Weise die emotionale Gemengelage der »Angstbürger« thematisiert.

Erzählt wird der hybride Roman aus der Perspektive einer in Berlin allein lebenden Autorin namens Mina Wolf, die an einer Arbeit über den Dreißigjährigen Krieg werkelt und vorgibt, Parallelen zur Gegenwart entdeckt zu haben. Danach befinden wir uns in einer religiös aufgeheizten Vorkriegszeit, in der großen weiten Welt ebenso wie im Mikrokosmos der unmittelbaren Nachbarschaft.

Der Roman spielt bewusst mit dem in der Schwebe gehaltenen Erzähl-Ich. Spricht da die fiktive Mina Wolf zu uns oder doch – nur mäßig getarnt – die 76-jährige Berliner Autorin Monika Maron? Maron hat in jüngster Vergangenheit journalistisch schon offen ihre Angst vor dem Islam artikuliert und sich gegen die geöffneten Grenzen ausgesprochen, begründet damit, »dass afrikanische Stammes- und Religionskriege in Deutschland einziehen könnten.«

Hier wird die Stimmungslage der »Angstbürger« ebenso bedient wie dumpfe Stammtischparolen, in denen von »abweisenden Gesichtern der kopftuchtragenden Frauen« die Rede ist.

Minas Arbeit über den Dreißigjährigen Krieg wird wird als »pessimistisch und düster«  abgelehnt. Die Intellektuelle zieht sich immer mehr zurück, sucht Zerstreuung und Austausch mit der einbeinigen, sprechenden Krähe Munin, die sie fürsorglich mit Wurst und Hundefutter versorgt. Später lässt Monika Maron ihre Protagonistin in ihrem 2016 erschienenen Band Krähengekrächz lesen. Diese exponierte Form der Selbstreferenzialität muss man nicht goutieren, obwohl es Brücken zwischen beiden Werken gibt. »Vielleicht liegt es am Alter, am allmählichen Verfall und dem nahenden Sterben, das mich das Tier im Menschen so deutlich erkennen lässt«, hieß es vor zwei Jahren in Krähengekrächz.

Von Verfall und Intoleranz ist auch Minas Nachbarschaft geprägt. Eine geistig verwirrte Nachbarin, die einem amtlichen Vormund untersteht, intoniert auf ihrem Balkon (von einem scheppernden Kassettenrekorder begleitet) lautstark kakophone Fragmente von Arien und Operettenmelodien und zieht sich damit den Unmut und Hass ihrer Umgebung zu. Bisweilen wehrt sie sich mit zu Wurfgeschossen umfunktionierten Blumentöpfen.

Der Riss, der durch Minas Leben geht, ist ebenso tief wie der Riss in ihrer Straße, in der sich Alt- und Neubaubewohner, Intellektuelle und Kleinbürger mehr oder weniger feindlich gegenüberstehen. Eine Bürgerinitiative wird gegründet, es gibt zerstochene Autoreifen, Schmähpamphlete und Drohbriefe,  aus den Fenstern wehende Deutschlandfahnen und schlussendlich handfeste Gewalt.

»Eigentlich gehöre ich zu denen, die neuerdings als rechts bezeichnet werden«, schrieb Monika Maron im Sommer 2017 (mit einem verständnislosen Unterton) in der Neuen Zürcher Zeitung. Dabei hatte sie öffentlich wiederholt ihre Angst geäußert, »dass afrikanische Stammes- und Religionskriege in Deutschland einziehen könnten« und »… uns unverhohlen unsere Eroberung angekündigt wurde, mit Waffen und Geburtenraten.«

Monika Maron konstruiert aus dem Blickwinkel ihrer Protagonistin einen höchst subjektiven Blick auf die Mechanismen der Gewalt. Erzeugt Angst, wie von Maron unterschwellig suggeriert, wirklich zwangsläufig Gewalt? Darf sie durch einen subjektiv hohen Grad der Bedrohung gar als eine Art Notwehr moralisch legitimiert werden?

Es herrscht tatsächlich ein unüberschaubares Chaos im Kopf der Figur, und man empfindet tiefes Mitleid mit der einbeinigen Krähe Munin, die sich diese wirren Gedanken für ein paar Happen Wurst und ein wenig Hundefutter als Gegenleistung anhören muss.

Bei all den Anspielungen, Querverweisen und falschen Fährten, die Monika Maron ausgelegt hat, finden wir im postfaktischen Zeitalter vielleicht einen Funken Wahrheit in der seichten Welt des Schlagers der frühen 1960er Jahre. Da trällerte eine Italienerin namens Mina in ihrem Song Heißer Sand (allerdings gewaltfrei) von einem verlorenen Land und »die Erinnerung daran, dass es einmal schöner war.«  Diese seichte Mina kann man eher ins Herz schließen als die kopflastige, vereinsamte, dem Populismus zugewandte, mit Krähen Konversation treibende Figur aus Monika Marons Roman.

| PETER MOHR

Titelangaben
Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf
Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 2018
223 Seiten. 20.- Euro
https://www.osiander.de/details.cfm?isbn=9783100488404&pid=100198

Reinschauen
| Peter Mohr über Monika Maron in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Eine Lektion in Sachen Fairness

Nächster Artikel

Größenverhältnisse

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Es liegt etwas in der Luft

Roman | Håkan Nesser: Der Fall Kallmann Ein Krimi ohne einen einzigen Schuss? Ohne wilde Verfolgungsjagden, erzböse Schurken und eiskalte Ermittler? Geht das überhaupt? Wenn der Autor Håkan Nesser heißt: auf jeden Fall. Denn der Erfinder des grüblerischen und beim Lesepublikum ausgesprochen erfolgreichen Kommissars van Veeteren (10 Bände, 1993 – 2003) sowie von dessen nicht ganz so erfolgreichem Nachfolger Gunnar Barbarotti (bisher 5 Bände, seit 2006) hat nie in erster Linie auf Action gesetzt. Ihm ging es mehr darum, in die Psyche von Tätern, Opfern und nicht zuletzt jenen, die sich beruflich mit der Aufklärung von Verbrechen beschäftigen, einzudringen. Jetzt

Fremde oder Freunde, wie wird alles sein?

Roman | Heinz Strunk: Es ist immer so schön mit dir

Welch ernstzunehmender Autor schreibt heutzutage noch einen Liebesroman? Heinz Strunk zeigt den Mut, eine toxische Beziehung in all ihrer schockierender Abgründigkeit und ihrem zwiespältigen Glück aufzuzeigen. Denn bei allen Widersprüchen gilt: Es ist immer so schön mit dir. Trotz Sprachwitz und herrlich schrägen Alltagsbeschreibungen bleibt einem bei der Lektüre dieses Romans schon mal das Lachen im Halse stecken. Von INGEBORG JAISER

Doppelter Diebstahl

Roman | Martin Suter: Allmen und die Dahlien Neu aus der Schweiz – Martin Suters Roman Allmen und die Dahlien. Von PETER MOHR PDF erstellen

Bachmann, Börner, Overkill

Literatur | 39. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb Klagenfurt Seit fast vier Dekaden lädt Klagenfurt zum jährlich stattfindenden Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ein und sorgt zuweilen für Skandale, Eclats, literarische Überraschungen. 2015 versprach bereits im Vorfeld, ein starker Jahrgang zu werden, mit erstaunlich vielen Multitalenten und Mehrfachbegabten. INGEBORG JAISER genoss den Vornamens-Bonus und verfolgte das Geschehen vor Ort. PDF erstellen

Das Kind, das schreibt

Roman | Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier Mit sieben Jahren kann das Kind zwar geübt Klavier spielen, aber nicht sprechen. Den Weg vom stummen Ausgestoßenen zum anerkannten Schriftkundigen und Sprachvirtuosen beschreibt Hanns-Josef Ortheil ergreifend in seinem neuesten Roman. Der Stift und das Papier haben eine tragende Rolle darin. Von INGEBORG JAISER PDF erstellen