Tief drunten unter dem Meer

in Kinderbuch

Kinderbuch | Joanne Schwartz: Stadt am Meer

Oben scheint die Sonne, unten ist es dunkel, oben glitzert das Meer, unten geht man gebückt durch die Stollen: Das Leben in einer Bergarbeiterstadt ist voller Kontraste. Ein Bilderbuch erzählt von diesem Leben in den Fünfziger Jahren, GEORG PATZER findet es in seiner bedrückenden Schlichtheit beeindruckend.

Schwartz - Stadt am MeerWenn er aufwacht, ist es immer so: »Erst höre ich die Möwen, dann höre ich, wie ein Hund bellt, auf der Straße fährt ein Auto vorbei, jemand knallt hinter sich eine Tür zu und ruft laut: ›Guten Morgen!‹ Und am Straßenrand wispern Wiesenkerbel und Lupinen im Wind.« Leicht streicht der Wind durchs Fenster hinein und spielt mit der Gardine, der Hund verfolgt einen Radfahrer, eine Frau winkt ihrem Mann hinterher, der zur Arbeit geht. Und der Junge geht ans Fenster und schaut aufs Meer.

Wenn er am Morgen rausgeht, ist es immer so: »Ich stürme durch die Haustür, klingle bei meinem Freund, und wir rennen um die Wette zum klapprigen alten Spielplatz.« Zwei Schaukeln sind noch benutzbar, eine ist kaputtgegangen, die vierte hat sich »weit oben um den Balken gewickelt, sodass wir sie einfach nicht runterkriegen«. Und sie schaukeln immer höher, bis sie auf Meer hinausschauen können: »Weit draußen auf dem Meer haben die Wellen weiße Kronen.« Und es glitzert und schäumt und ist unendlich weit.

Ein schönes Jungsleben ist das, frei ist er, kann den Vormittag über machen, was er will, und mittags macht die Mutter ein dickes Wurstbrot und stellt ihm ein Glas Milch hin. Dann geht er einkäufen, was er gern macht, und bestaunt dabei fasziniert, wie das Meer in der Sonne glitzert … In einer einfachen Sprache und zurückhaltenden, ruhigen Bildern erzählen Joanne Schwartz und Sydney Smith von diesem behüteten Leben, das ganz schön sein könnte. Wäre da nicht …

Unter Tage

… das Leben des Vaters. Wären da nicht die anderen Bilder, die zwischen die idyllischen gestreut sind: finstere, düstere, bedrohliche Bilder von den Männern, die tief unter dem Meer in einem engen, staubigen, pechschwarzen, lichtlosen Tunnel gebückt stehen und nach Kohle graben. Eine leichte Ahnung davon scheint der Junge davon zu haben, aber nicht richtig, denn er kommentiert zu jedem dieser Düsterbilder wie in einem anklagenden Refrain: »Und tief drunten unter dem Meer gräbt mein Vater nach Kohle.« Wie bedrückend es unter dem Meer ist, deuten auch die groben Striche an, mit denen die dunkle Erde gezeichnet ist, die nach unten zu fallen scheint, wo die Männer arbeiten. Die die Männer niederdrückt, wenn sie den Stollen entlanggehen, mit gebeugtem Rücken. Wenn sie die Kohle aus dem Fels bohren und in die Lore schaufeln, wenn sie sich den Mund mit einem Tuch zuhalten, weil der Staub in die Lunge drängt. Wenn sie am Schluss zurücklaufen, weil ein Teil des Stollens einbricht, immer noch gebückt.

Nein, es ist kein nettes Kinderbuch, dieses ›Stadt am Meer‹. Aber es ist beeindruckend in der Schlichtheit, Direktheit und Einfachheit der Sprache und der Bilder. Es erzählt von einem ausweglosen Leben, dem früher viele Generationen ausgeliefert waren. Denn schon der Großvater des Jungen war schon Bergmann und hat gesagt: »Wenn ich mal tot bin, will ich einen Blick aufs Meer haben! Ich hab lange genug unter Tage geschuftet.« Es hört auch nicht versöhnlich oder positiv auf. Es endet mit den Worten des Jungen am Abend: »Ich denke an das Meer, und ich denke an meinen Vater. An die hellen, langen Sommertage und an die finsteren Stollen im Bergwerk. Eines Tages bin ich an der Reihe. Ich bin der Sohn eines Bergmanns. So ist das bei uns.« So war das in den Fünfziger Jahren, als Menschen in den Bergbaustädten kaum eine andere Wahl hatten, als den Beruf ihres Vaters zu ergreifen und auch unter Tage zu fahren. In einer kleinen Notiz am Ende des Buchs klärt die Autorin darüber auf.

Am Abend hat sich die Szenerie dann auch gründlich geändert: Da scheint dann das Meer genauso düster, die Berge, der dunkle Himmel. Selbst die Lichter sind düster, die Sterne sind dunkel. Und nun fällt es auch noch mehr auf, dass sogar die Bilder von den schönen, spielerischen Zeiten, vom Schaukeln und dem glitzernden Meer, nichts Fröhliches und Beschwingtes haben, dass die Farben wie von einer Kohleschicht überlagert sind, matt und desillusioniert (wenn Farben desillusioniert sein können). Nein, schön ist dieses Buch nicht.

Und es hat sogar, angedeutet, aber deutlich, dramatische Szenen: Wenn man nach dem Einsturz des Stollens auf einer Doppelseite auf vier Bildern die Haustür von innen sieht. Sieht, wie die Sonne langsam immer weiterwandert, bis am Schluss der Schatten des Vaters zu sehen ist: Er hat überlebt. Und auch wenn der Junge dann nur berichten kann, dass der Vater zurückkommt von der Arbeit, müde ist und schwarz im Gesicht, dass er ihn anlächelt und in die Arme nimmt, merkt man, wie erleichtert der Vater ist. Und dass der Junge nicht weiß, wie gefährlich es da unten tatsächlich ist. »Eines Tages bin ich an der Reihe.«

| GEORG PATZER

Titelangaben
Joanne Schwartz: Stadt am Meer
(Town Is by the Sea, 2017), übersetzt von Bernadette Ott
Illustriert von Sydney Smith
Hamburg: Aladin Verlag 2018
52 Seiten, 18 Euro
Bilderbuch ab 5 Jahren
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