Lambchop auf dem Bildschirm und auf Papier

in Neu/Platte

Musik | Lambchop: OCB Paper Sessions

Neulich Kurt Wagners Porträtfotos durchsehend, die veröffentlicht sind, dachte TINA KAROLINA STAUNER an einen Mann, der ihr öfter in einer Kneipe begegnet war.

LambchopEr trug kein Capy wie Wagner. Er hatte immer ein Tuch umgebunden. Ich glaube gemustert. Und er war seitlich über den Ohren rasiert. Der Typ verstand einiges von Musik. Aber hauptsächlich nur von spezieller Musik. Vermutlich hatte er nicht studiert. War aber Musikspezialist. Einmal sagte er mir bei einer unvorhergesehenen Begegnung auf der Straße, er könne eigentlich keine Bewerbungen für Bürojobs schreiben. Jedenfalls würde seine Art zu schreiben da abgelehnt. In der Bar stand er immer neben der Theke. Nicht hinter der Theke. Und er saß auch auf keinem Barhocker davor. Er hatte elitäre Beziehungen. Und er hatte eine Radioshow. Eine private und lokale.

Jemand sagte mir, er bringe Platten raus auf einem kleinen Label. Ich redete manchmal ein paar Worte mit ihm, wenn ich nachmittags kurz einen Espresso trank. Oder nachts noch schnell ein Bier. Ich hatte keine Ahnung, wer er war. Jemand Besonderer. Oder ein No-Name. Jeder macht seine Pausen. Jedenfalls stand er gelegentlich in der Kneipe. Wie ich. Einige sagten, er hätte sich eine Zeit lang zurückgezogen gehabt. Und sei dann wieder erschienen.

Ich erinnere mich an seinen Nickname. Und an den Namen der Bar. Es war irgendwann in den frühen 90ern. Und es ist vorbei. Aber eigentlich nicht vorbei. Er redete nicht unbedingt viel. Und ich auch nicht. Wenn man nur einen Drink nimmt, fragt man andere Gäste oft nicht einmal, wer sie sind. Ich begegnete ihm ab Mitte der 90er nicht mehr. Und die Bar ist auch verschwunden. Jeder für sich und Gott gegen alle. Es war in Deutschland. Ich lebe in Deutschland als Künstlerin. Kurt Wagner ist in Amerika. Er lebt in Amerika als Künstler. Er hat die Band Lambchop.

Vor elf Jahren dachte ich einmal über ein Lambchop-Konzert: »Ich kenne wunderbar perfekte Songs von Kurt Wagner auf Lambchop-CDs veröffentlicht, die ich nicht missen möchte. Dass es allerdings für mich nicht weiter ein Problem ist, kürzlich das Konzert verpasst zu haben, weiß ich seit dem Hören des Mitschnitts. Die Streicher tragen so dick auf, dass es einfach zu viel des Guten ist. Wagner kann im Einzelfall ein kurzes Thema auch mit Streicher-Arrangements auf oberstes Niveau bringen, hat allerdings live so ein Ensemble einen ganzen Abend lang nicht soweit im Griff. Und wirkt auf einmal merkwürdig konventionell.

Neuveröffentlichung von Lambchop in schmaler Bandbesetzung sind nun Reflexionen zu gewohnten musikalischen Schönklängen als ›OCB Paper Sessions‹.

| TINA KAROLINA STAUNER

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