Visionäre Internetromantik

in Gesellschaft/Sachbuch

Gesellschaft | A. Pschera: Das Internet der Tiere | N. Heißmann: Das geheime Wissen der Tiere

Klar, es gibt diesen Typus Mensch. Wenn es ihm besonders schlecht geht, setzt er seine letzte Hoffnung auf den Lottogewinn. Was da real abläuft? Wir nennen das Vogel-Strauß-Politik. Oder hat er etwa eine Vision? Aber mal eines nach dem anderen. Von WOLF SENFF

Er stellt sich nicht den Problemen, er benennt sie nicht, er beschreibt sie nicht, um sie in den Griff zu bekommen, sondern er schließt die Augen und flüchtet sich in Träumereien, in Heilsverheißungen, also sechs Richtige oder Schlimmeres.

Möchtegern und Hättegern

Das Internet der Tiere - 9783957570147Seit neuestem sei der Mensch im Begriff, sich das »geheime Wissen der Tiere« (›Stern‹, 16. August 18) anzueignen, um die Welt besser zu verstehen, und, mehr noch, er verspreche sich Hilfe davon. Den Eisbären legen die Menschen Funkhalsbänder um, damit sie über deren Aufenthalte und Wanderungen informiert bleiben, denn die Eisflächen schmelzen, der natürliche Lebensraum schrumpft, und der Mensch hätte gern die Situation unter Kontrolle. Ein Hättegern, das ist er am Ende.

Indem er die Flugrouten von Vögeln, denen winzige Sender appliziert sind, aufzeichnet, baut er darauf, sich ausbreitende Krankheiten und Seuchen frühzeitig zu erkennen, etwa die Vogelgrippe, deren Ursprung am chinesischen Poyang-See vermutet und von Enten und Wildgänsen übertragen wird. An die hundert Palmenflughunde, eine Vogelart, von der man vermutet, sie übertrage Ebola, sind in Ghana und Sambia ebenfalls mit Sendern ausgestattet.

Elon Musk

Klotzen, nicht kleckern. Auch wenn alles wenig Hand und Fuß hat und von Ergebnissen kaum etwas mitgeteilt wird, hofft man dennoch auf Großes – aus dem Verhalten von Ziegen hat man vor, auf bevorstehende Erdbeben zu schließen – und kooperiert schon einmal im Rahmen des Projekts Icarus mit der internationalen Raumstation ISS, um aus dem All die Wanderungen der Störche zu observieren. So steht’s im ›Stern‹, und der zeigt sich voll begeistert.

Er serviert den Lesern einen Hype à la Elon ›Tesla‹ Musk, kennen wir zur Genüge – doch gegenwärtig erleben wir den steilen Absturz des noch vor wenigen Wochen überaus hoch gehandelten Amerikaners, eines Visionärs, der den Mars hatte besiedeln wollen, und diesen Absturz, so geht’s, kann man nun alle paar Tage in der Boulevardpresse verfolgen.

Nichtkünstliche Intelligenz

Wir lesen ähnlich gelagerte Phantasien eines Internetromantikers bei Alexander Pschera, der von seinem Verlag als Philosoph und Kommunikationsexperte vorgestellt wird. Er fabuliert von einem neuen Dialog zwischen Mensch und Natur. Dabei ist immer wieder verblüffend, wie leichtfertig mit der Sprache umgegangen wird. Von einem Dialog, schon gar von einem neuen, kann selbstverständlich keine Rede sein, denn in einem Dialog sprechen zwei Partner auf Augenhöhe mit einander, und darum geht es hier nicht, im Gegenteil.

Wirkt sich zu viel Internetkonsum womöglich lähmend auf nichtkünstliche Intelligenz aus? Man sollte das untersuchen. Bereits der Titel »Das Internet der Tiere« hat Kinderbuch-Format, und wirklich geht es los, wie nett, mit einer facebook-kompatiblen Version der Erzählung vom Rotkäppchen.

Wohin der Kuckuck im Herbst fliegt

Der Mensch, so klagt Pschera etwas scheinheilig, vertraue sich fast ausschließlich der Technik an, und sieht eine fundamentale Entfremdung von der Natur, der auch durch Birdwatching, Zoobesuche und Haustiere nicht zu entrinnen sei, er propagiert eine komplett neue Qualität von Naturbegegnung und verortet die Menschheit an der Schwelle einer neuen Ära des Naturbewusstseins.

Wir wüssten nicht, schreibt er, woher ein junger Kuckuck Kenntnis davon habe, wohin er ziehen müsse, wenn der Herbst anbreche. Da hat er recht. Aber müssen wir das denn wissen? Wollen wir das überhaupt wissen? Und genau deshalb, so führt er seinen Gedanken weiter, sei es so schwer, Tiere wirksam zu schützen.

Politik statt Internet

Er propagiert ein Internet der Tiere, das sich aus Informationen speise, die aufgrund einer ›Besenderung‹ einzelner Tiere gewonnen würden, er vermutet einen ›Erfahrungsschatz‹ in der Tierwelt, der für den Menschen ›nutzbar‹ gemacht werden könne, und verweist wie jüngst der ›Stern‹ auf das Projekt Icarus sowie den Erfolg, dass der amerikanische Präriebussard durch die ›Besenderung‹ vor dem Aussterben gerettet worden sei – man habe dessen Migration bis in eine Region in Argentinien verfolgt, wo die Felder mit Insektiziden gedüngt wurden, die den Tod zahlreicher Präriebussarde verursachten.

Naheliegend ist, zu fragen, ob den Tieren nicht wirksamer geholfen wäre, wenn die Agrarindustrie abrüsten und wieder in kleineren, regional orientierten Einheiten arbeiten würde, und so geht es durch alle Kapitel vom »Internet der Tiere«; die Notwendigkeit politischer Lösungen ist unübersehbar. Für den Cross-River-Gorilla im unzugänglichen Regenwald der Grenzregion von Nigeria und Kamerun hält Pschera ausgerechnet Ökotourismus für arterhaltend.

Heimat? Widerpart?

Einzelne regionale Erfolge etwa in der Abgrenzung der Lebensräume von Mensch und Tier sind zweifellos der ›Besenderung‹ zu verdanken – u.a. Migrationsrouten von Elefanten in Kenia, die Wiederansiedlung des europäischen Waldrapps oder der Schutz des Lebensraums der Saiga-Antilope in Kasachstan –, doch das Internet deshalb sogleich zum Retter der Natur auszurufen, lenkt von der tatsächlichen Problemlage ab.

Pschera weist zurecht auf die Marginalisierung der Tiere in der Lebenswelt des Menschen hin und lokalisiert den Menschen in einem Spannungsfeld zwischen Biophilie und Biophobie, d.h. die Natur sei für den Menschen sowohl Heimat als auch Widerpart. Er wirft – er schreitet mit Siebenmeilenstiefeln voran – die Frage nach der anthropologischen Differenz, also dem Unterschied zwischen Mensch und Tier, auf.

Jungstorch 2539, Wolf 832F

Die Thematik erscheint jedoch oft allzu überfrachtet, und es hätte schon ausgereicht, sich der pragmatischeren Frage zuzuwenden, ob die Digitalisierung das Tier überwachen soll. Wird das Tier für menschliche Zwecke instrumentalisiert, die Herrschaft des Menschen über Natur perfektioniert und die Tierwelt kolonisiert? Das sind die maßgeblichen Fragestellungen. Oder eröffnen sich doch Möglichkeiten für den Menschen, sich als ein Lebewesen wie alle anderen ohne Herrschaftsanspruch in die Natur zu integrieren?

Von einer ›Individualisierung‹ der Tiere verspricht er sich zu viel. Luftschlösser. Wollen wir vom Jungstorch 2539 wirklich wissen, dass er am 7. Juni 2012 geboren wurde, sein Heimatnest sich in Danneberg befindet, dass er im Herbst 2012 in Marokko in einen Sandsturm geriet, erblindet landete, aufopferungsvoll gepflegt wurde, etc. p. p.? Oder ähnliche Daten von Wolf 832F, der im Dezember 2012 außerhalb des Yellowstone Nationalparks erschossen wurde und über den ein Nachruf in der New York Times erschien? Oder entsprechende Daten aus dem Leben eines Rotmilans?

Ist erst der Ruf ruiniert, …

Nein, will keiner. Null. Und geht uns auch nicht nahe. Das sind rührselige Beispiele, tendenziell eine Verhätschelung, bestenfalls Themen für Damenkaffeekränzchen, und sie sind kaum mehr als Rückverweise auf das naturferne, oft vereinsamte Leben in großen Städten, seit neuestem eben via Internet kompensierbar.

Einmal auf diesem Niveau angelangt, läßt sich auch locker von einer »neuen Sinnlichkeit und Nähe« der sozialen Medien schwadronieren. Real ist das Gegenteil der Fall. Die sogenannten sozialen Medien haben ihren einst vielversprechend guten Ruf seit einiger Zeit verspielt.

Ach, das Anthropozän

Hilfreich für den Schutz der Tierwelt wären Maßnahmen der Politik, Initiativen wie etwa das Walfangverbot für den südlichen Atlantik oder Debatten darüber, wie die industrielle Fleischproduktion neu zu gestalten wäre, und ob nicht auch das Tier ein Recht auf ein würdiges Leben habe. Davon lesen wir bei Alexander Pschera kein Wort. Seine Darlegungen entspringen einer Internet-Euphorie, die heute auch schon wieder von gestern ist.

Dass gar Martin Buber, Philosoph eines Du, für den Umgang mit den Tieren herbeizitiert wird und Pschera sich auf Alexander von Humboldt als Urahn des Internets für Tiere beruft, ist denn doch recht verstiegen, man wartet lediglich noch auf das Stichwort vom Anthropozän und weitergehend visionär gespreizte Ausführungen, man wartet nicht vergebens.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Alexander Pschera: Das Internet der Tiere
Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur.
Berlin: Matthes & Seitz 2014
186 Seiten, 19,90 Euro
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| Nicole Heißmann: Das geheime Wissen der Tiere
Wie Wildgänse, Elefanten und Eisbären uns helfen, die Welt besser zu verstehen.
In: ›Stern‹ 34 vom 16.08.18

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