Ohne Worte

Gesellschaft | Pandemische Welt-Schau

Bücher sind voller Wörter, voller Worte, voller Inhalt, außer es handelt sich vielleicht um Bilderbücher oder Bildbände. Dieses Buch ist ein besonderes: Es kommt mit all seinen Bildern und Zeichnungen nicht nur ohne Worte aus, sondern es berührt alle Sinne, von Angst bis Humor, von Schrecken bis Zweifel und Hoffnung. Karikaturen sprechen oft Bände, ohne ein Wort zu sagen. BARBARA WEGMANN hat sich das Buch angeschaut.

Pandemische WeltschauOb es hilft, wenn man einem überdimensionierten Corona-Virus, das gespenstisch durch alte Stadtgassen wabert, einfach nur den Mittelfinger zeigt? Wird es so sein, dass die »Zeit zwischen zwei Lockdown mit neun Buchstaben« die »Reisezeit« ist? Und was werden die Passagiere einer voll besetzten Maschine sagen, wenn sie die Durchsage hören, der Pilot mache ab heute Homeoffice?

400 Karikaturen sind in diesem ganz aktuellen Buch versammelt, mit spitzer Feder gezeichnet, in Farbe oder schwarz-weiß auf den Punkt gebracht. 400 Karikaturen von Künstlern aus aller Welt, aus einer alles anderen als normalen Zeit, Zeichnungen, die sich ganz unterschiedlich des Corona-Problems annehmen, den Finger in die Wunde legen: mal mit Witz und Humor, mal schmerzhaft klar und gnadenlos pointiert auf den Punkt gebracht, so, dass man es mit Worten nicht besser hätte sagen können.

Mal gruselt es einen, wenn gleich die ganze Erde einen Mundschutz trägt und wegen des ohnehin zusätzlich belastenden Klimawandels unter einem Sonnenschirm am Himmel kreist. Mal lacht man spontan, wenn eine junge Frau mit einem Roboter spricht, sich dabei zu ihrem alten Vater und Sprössling umdreht und sagt: »Opa erzählt wieder vom Klopapierkrieg«. Und mal kriegt man Angst, vor dem, was wird: Eine Frau mit Mundschutz eilt schnellen Schrittes voll bepackt mit Lebensmitteln nach Hause, will offenbar nicht gesehen werden. »Wir verdecken unser Gesicht, um unsere Seele offenzulegen«, schreibt der spanische Karikaturist. Was macht diese Pandemie mit uns?

Die Fülle der aussagekräftigen Bilder geht ganz unterschiedlich an das Thema heran. Da ist der Kampf ums Klopapier, Ladungen werden von Militär bewacht transportiert. Eine alte Frau ermahnt ihre Katze, falls sie sie jetzt in der Krise alleine lassen sollte, dann brauche sie sich nie wieder blicken zu lassen. Die Angst vor Einsamkeit geht um, vor sozialer Isolation. Wird da jemand sein, wenn es einem nicht gut geht? Wo sind die Freunde, die man nicht mehr sehen darf? Die Angst vor der Gewalt in der Familie, die Gewalt an Frauen und Kindern, die durch Corona erzwungene Nähe, die man nicht ertragen kann. Die Ungewissheit, was wird, die Angst vor der Zukunft. »Bleib daheim«, schreibt eine hochschwangere Frau auf ihren Bauch. Und dann ist da der Mann, der völlig verschlafen aus dem Bett krabbelt und, vermutlich seinem Chef, am Telefon sagt: »I am half way to work« , er sei schon auf halbem Weg zur Arbeit, und er meint den Schreibtisch gegenüber des Bettes. Schließlich ist da die Freude, wenn einmal etwas Anderes im Fernsehen läuft als Corona.

Ob es Kurzarbeit ist, der komplette Jobverlust, die eingeschränkte oder ganz untersagte Reisefreiheit, soziale Vereinsamung, die Isolation, das Gefühl, auf sich gestellt zu sein. Ob es wirtschaftliche oder politische Probleme sind, da ist ein Virus, das unseren Alltag, unser Leben, unsere Zukunft beherrscht und verändert, allmählich beginnen wir, das zu realisieren. Corona macht unmissverständlich klar: es ist kein deutsches, kein chinesisches, kein europäisches Problem, es ist ein weltweites Problem. Umso mehr fordert es auf zu internationaler Zusammenarbeit und der Überwindung von Grenzen- nicht nur denen im Kopf, nicht nur denen politischer Systeme. Spätestens diese aus aller Welt versammelten Karikaturen machen dies deutlich.

Viele, viele der Karikaturen sind ein Hochgenuss, würde man sie als Geschichte schreiben, es wäre eine Glosse, zugespitzt, auf den einen Punkt hochgeschraubt, der zur puren Essenz eines Themas wird. Viele der Bilder machen klar: Vergessen wir nicht bei allem unsere »alten« Probleme, den Klimawandel, oder das unbeschreibliche Elend der Flüchtlinge, die Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein auf hoher See. Geradezu bitter und bitterböse ist es, wenn ein Flugzeug mit Spruchband »Stay home- save Lives« über einem Boot voller Flüchtlinge hinweg fliegt.

Vertieft man sich in die Vielzahl der Karikaturen, so wird es zunehmend spannend, ist wie ein Sog, vielschichtig sind die Blickwinkel, unterschiedlich die Priorität einzelner Länder in Sachen Pandemie. Und manchmal wird die Maske zum Sinnbild für Sprachlosigkeit. »Ich nehme an, du trägst sie noch, weil du einfach nichts zu sagen hast.«

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Pandemische Welt-Schau
In Karikaturen
Benevento Verlag 2020
298 Seiten, 28 Euro
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