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Sachbuch | Robert Fitzthum: China verstehen

China bleibt ein Thema, erst recht in dieser Zeit ungewöhnlicher globaler Verschiebungen. Vor uns liegt ein faktenreiches, präzise informierendes Werk, ein Augenöffner, denn klar, China im globalen Kontext verstehen, das möchten wir, das Verhalten der USA scheint leider vorhersehbar. Von WOLF SENFF

Robert Fitzthum - China verstehenDass Gefahr aus dem Osten droht, hören wir seit den Zeiten der Sowjetunion, das war damals ein wirksamer Propaganda-Hammer, um das westliche Nachkriegseuropa zusammenzuhalten. Sei’s drum. Und? Droht wieder Gefahr? Ist’s amerikanisches Kalkül, eine Kooperation Europas mit den Nationen Asiens zu hintertreiben, und will man die Europäische Union zerlegen? Gefahr droht? Von wem? Ach, sind die Dinge kompliziert.

Staat und Wirtschaft

Und weil die Kenntnis von Geschichte eben doch den Blick auf die Gegenwart schärft, besinnen wir uns kurz auf die Opiumkriege 1839-42 und 1856-60 sowie den Boxeraufstand 1899-1901, geführt von einer ›Koalition der Willigen‹ und allesamt imperialistische Kriege, deren Ergebnisse die Herrschaft der westlichen Industrienationen absicherten. Von China als einer aggressiven Nation konnte keine Rede sein. Nun denn.

Das Grundprinzip der heutigen chinesischen Gesellschaft beschreibt Robert Fitzthum wie folgt: Nicht die Unternehmen und Konzerne diktieren dem Staat politische Maßstäbe, sondern dieser gibt durch langfristige Pläne und Projekte die Linie und die Politik im Interesse der gesamten Bevölkerung vor.

Rivalität der Systeme

Das ist anders als im kapitalistischen Westen. Fitzthum etikettiert diese Gegensätze als den ›Beijing Consensus‹ und den ›Washington Consensus‹; für diesen gelte Austeritätspolitik, also der Sparkurs, das Ende von Lebensmittelsubventionen, die Reduzierung der Gesundheitsausgaben, die Privatisierung von Staatsunternehmen, die Öffnung der Grenzen für Handel und Kapital.

Der chinesische Weg hingegen wähle eine Erhöhung staatlicher Ausgaben für Investitionen, die Beseitigung der Armut sowie Hilfsprogramme für die Ärmsten, den Ausbau staatlicher Betriebe zu profitablen Motoren der Ökonomie, eine behutsame Privatisierung, eine begrenzte Öffnung der Grenzen für Handel und dazu eine kontrollierte Öffnung für den Kapitalverkehr. Das alles ist wichtig zu wissen, um die gegenwärtige weltpolitische Situation zu verstehen. »America first«, Handelskriege, etc. resultieren aus dieser systemischen Rivalität beider Modelle.

Friedliche Koexistenz

Dabei überrascht den unvoreingenommenen Leser sehr, dass es den westlichen Eliten überhaupt gelingt, für ihre unsoziale und die Interessen der Bevölkerung weitgehend ignorierende Politik Mehrheiten zu gewinnen. Wie kann es denn geschehen, dass in den Nationen des Westens ein paar abgezockte Hanseln die Krösusse markieren und weite Teile der Bevölkerung in Armut leben müssen? Geht auf keine Kuhhaut.

Fitzthum zeigt an vielen Details, dass China die internationale Kooperation an erste Stelle setzt und gegenseitigen Respekt und Gleichberechtigung aller Nationen zur Grundlage einer friedlichen Koexistenz in einer multipolaren Welt erhebt. Besonders deutlich werde das an der Mitarbeit in der UNO und dem Engagement in Afrika.

Neokonservative Front

Über die Politik der USA wissen wir aus der Geschichte, dass sie stets skrupellose Machtpolitik war, die vor Heimtücke und Betrug – Ausrottung der indianischen Ureinwohner – nie zurückschreckte und für die im Zwanzigsten Jahrhundert die Beseitigung missliebiger Regimes – Mossadegh/Iran, Allende/Chile etc. – probates Mittel der Politik war. Derzeit erleben wir einen ›Potus‹, der mit Vorliebe in strahlender Heldenpose auftritt, bestehende internationale Regelungen missachtet, Abrüstungsabkommen kündigt und einen Handelskrieg vom Zaun bricht.

Fitzthum zeichnet kenntnisreich und detailliert die aggressive Weltmacht-Strategie der USA seit dem Zweiten Weltkrieg nach, festgemacht an Personal wie George F. Kennan, Zbigniew Brzezinsky, Paul Wolfowitz und einer ›Deep State‹-Struktur der Gegenwart, die zunächst die demokratische Präsidentschaftskandidatin Clinton gestützt habe, jedoch inzwischen fest im Gefolge des amtierenden Präsidenten verankert sei.

Kaltblütig betriebene Machtpolitik

Man darf das nicht unterschätzen. Wir erleben das kühl kalkulierte Vorgehen einer kriegstreiberischen, vorwiegend im Hintergrund agierenden parteiübergreifenden Gruppierung, die sich offenbar mit Erfolg durchsetzt. Die zahlreichen Fakten und Zahlen, die Fitzthum vorlegt, sind erschütternd, der pazifische Raum wird für das Szenario eines großen Krieges vorbereitet, Fitzthum nennt das den großen Masterplan zur Weltherrschaft.

Die USA haben derzeit 368.000 Soldaten in der Asien-Pazifik-Region stationiert, bis 2020 werden die Schiffsbestände der pazifischen US-Flotte um dreißig Prozent erhöht, sechzig Prozent der US-Luft- und Seestreitkräfte werden dann dauerhaft im asiatisch-pazifischen Raum stationiert sein – welch immense Aufrüstung, und welch widerwärtiges Symptom einer kaltblütig betriebenen, abscheulichen Machtpolitik.

Das Kriegsszenario

Diese Situation beruht auf Bündnisverträgen mit Japan, Südkorea, Australien, den Philippinen und Thailand, ohne die die beschriebene militärische Aufrüstung nicht möglich wäre. Dass das nicht ohne Widerstände in der Bevölkerung abläuft, erleben wir dieser Tage auf Okinawa, wo rund fünfundzwanzigtausend US-Soldaten mit ebenso vielen Angehörigen stationiert sind. Die Dinge, so zeigen uns die von Fitzthum wiedergegebenen Fakten, sie sind in Bewegung, auf den Philippinen gibt es Widerstand seitens der Regierung, und seit dem Militärputsch in Thailand ist auch diese Kooperation eingeschränkt.

Um ehrlich zu sein – es fällt nicht leicht, die Ausführungen von Robert Fitzthum zu lesen, denn mit ihren nicht widerlegbaren Zahlen und Fakten malen sie das Szenario eines vernichtenden Krieges in nüchternen Worten aus, dass einem der Atem stockt.

Farbrevolutionen und Krisenherde

Es ist erschütternd, was sich da die USA und westliche Eliten zusammenbrauen, und klar, sie sind nach Kräften bemüht, ihr destruktives Tun vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen, und es ist empörend, dass weder christliche Parteien wie CDU und CSU noch eine Anti-Kriegs-Partei wie die SPD sich veranlasst fühlen, klare Worte zu reden und Position zu beziehen.

Die militärische Absicherung US-amerikanischer Herrschaft läuft, den überzeugenden Belegen Robert Fitzthums zufolge, auf diversen Ebenen, so sei die Tibet-Politik der USA seit Jahrzehnten strategisch darauf ausgerichtet, eine Farbrevolution zu inszenieren und China zu destabilisieren, immer wieder geistert der Dalai Lama durch diverse Regierungsempfänge, und im Land selbst seien aus den USA finanzierte NGOs nach dem Vorbild Ägyptens, Syriens und der Ukraine aktiv tätig, das Verhältnis zu Taiwan ist angespannt und bietet den USA Möglichkeiten, zu zündeln.

Im Übergang

Fitzthum stellt diverse potentielle Krisenherde dar, in denen die USA ihr Gift köcheln lassen, er nennt als ein Beispiel auch die sogenannte Regenbogen-Revolution von 2014, einen aus dem Ausland mit einem Vorlauf von zwei Jahren organisierten studentischen Protest. Auch der immer wieder hochgespielte Konflikt um Inselgruppen im Südchinesischen Meer sei Teil der aggressiven Strategie der USA.

Robert Fitzthum verbrachte sein Berufsleben in Österreich, er lebt seit 2013 in China und kommentiert von dort aus die weltpolitischen Entwicklungen für diverse Magazine. Sein »China verstehen« verweist eindringlich auf die zentralen Spannungen und Gefährdungen in einer Situation des Übergangs von einer unipolaren zu einer multipolaren Gemeinschaft der Nationen.

… und hierzulande

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass es Robert Fitzthum vor allem um geopolitische Bezüge geht. Details der innenpolitischen Lage wie das Einschreiten gegen Korruption sind eher Randthemen. Die in westlichen Medien als Projekt einer totalitären Überwachung beschriebene Digitalisierung ist nicht erwähnt, Konflikte um die Kommunistische Partei kommen nicht vor, der bedenkenlose Ausbau der Kernenergie steht nicht zur Diskussion.

Unabhängig davon müssen wir aber zur Kenntnis nehmen, dass – Fitzthum zitiert den österreichischen Bundespräsidenten – in der chinesischen Bevölkerung eine Zustimmungs- und Zufriedenheitsrate von siebzig bis achtzig Prozent mit der Regierung herrscht.

Demgegenüber liegen Merkel, Nahles etc. weit, weit abgeschlagen, von anderen westlichen Spitzenpolitikern wie May, Macron, Trump kennen wir ähnliche und schlechtere Werte. Die Deutschen sind nicht die einzigen, die der Politik und ihren Repräsentanten geringes Vertrauen entgegenbringen.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Robert Fitzthum: China verstehen
Vom Aufstieg zur Wirtschaftsmacht und der Eindämmungspolitik der USA
Wien: promedia 2018
224 Seiten, 17,90 Euro
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