/

Die Welt als eine Bühne begreifen

Bühne | Theater: William Shakespeares ›Wie es Euch gefällt‹

Rollentausch, Verwechslungskomödie, Utopie sowie träumerische Sehnsucht prägen die Komödien William Shakespeares (1564-1616). In Pforzheim verzaubert eine reizende und charmante Konstanze Fischer in der Doppelrolle der Rosalind und des Ganymed das Publikum. Von JENNIFER WARZECHA

Zusammen mit dem sympathischen Narr Touchstone (ausdrucksstark und überzeugend: Susanne Schäfer) sowie ihrem späteren Bräutigam Orlando (kühn, ernsthaft und überzeugend: Steffi Baur) zieht sie das Publikum im gut besuchten Großen Haus des Theaters Pforzheim bei deren Interpretation von William Shakespeares ›Wie es Euch gefällt (As you like it) ‹ (Uraufführung um ca. 1600) in seinen Bann.
Wie es euch gefällt
Dabei versteht gerade Konstanze Fischer es, durch Charme und Humor ein wahrhaftes Theater-im-Theater zu zelebrieren. Verwunderndes Murmeln und Staunen geht zum Beispiel durchs Publikum, als sie elegant zwar, aber doch ein wenig unbeholfen mit abgeknicktem rosa Stöckelschuh, daherkommt. Auf einmal hält sie die abgebrochene Sohle in der Hand, schaut erst verzweifelt, nimmt es dann aber mit Humor und meistert charmant und gekonnt die Situation, indem sie sich anschließend barfüßig auf der Bühne bewegt – wie im realen Leben eben, wenn mal wieder was dazwischenkommt.

Im Stück selbst gestaltet sich die Shakespeare‘sche Welt wie in fast allen seinen Werken als Mischung aus Realität, feudaler Utopie sowie deren gleichzeitiger Verspottung. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes oftmals zum Lachen, wie es nun einmal für eine Komödie üblich ist; genauso wie am Ende die Protagonisten heiraten und damit einem glücklichen Ende der Geschichte entgegen sehen. Dabei machen sich alle Figuren Gedanken über die Liebe; die späteren Hochzeitspaare begegnen sich gerade im Ardenner Wald als Ort animalischer Erotik, der Begierde, des Besitzes und des Partnerwechsels.

Zwischen Illusion und Realität

Shakespeares Wälder stehen aber auch, wie das Programmheft schildert, gleichsam für Realität und Verzauberung. In ihnen spielen sich tragische und groteske, pathetische und lyrische Szenen ab. So wird das Leben im Shakespear‘schen Wald beschleunigt und intensiviert. Es wird dadurch brutaler und intensiver.

In der Komödie auf der Pforzheimer Bühne nach dem Text von Thomas Brasch in der Inszenierung von Hannes Hametner und der Dramaturgie von Peter Oppermann zeigt sich das gerade in der gefühlsbetonten und wortgewaltigen Sprache, aber auch in dem, wie intensiv die einzelnen Figuren auf der Bühne ihre Gefühle ausdrücken. Intensiv erfasst zum Beispiel den Herzog (überzeugend in arroganter Macho-Pose: Jens Peter) die sexuelle Begierde und Vorfreude, als er hört, dass er heiraten und sich damit der Liebsten nähern darf. Wie ein reudiges Karnickel hoppelt er über die recht karg ausgestattete Bühne mit schwarzem Boden und schwarzen Innenwänden hin zu ihr.

Entlarvung durch Authentizität

Der Narr Touchstone (mitreißend, humorvoll, gewitzt und absolut überzeugend: Susanne Schäfer) bringt gerade durch seine interessante, bunte und ungewöhnliche Erscheinung in rosa-türkis-gerüschtem Kleid und seinem durchsichtigen Schirm alles und alle immer wieder ins Lot. Zum einen drückt er seine sexuelle Begierde und Lust durch entsprechende kreisende Bewegungen mit dem Schirm aus. Zum anderen imaginiert er durch eine Hupe sein vermeintlich männliches Geschlechtsorgan und dessen sinnliche Lust und Begierde. Er äußert sich über Lust und Liebe und den vermeintlichen »Keuschheitsgürtel«, den er keiner Frau ˗ und damit natürlich auch keinem Mann ˗ wünscht und betont damit die Schönheit und Natürlichkeit der erotischen Liebe. Diese Aussage unterstreichend zupft er die Schäferin Audrey, seine spätere Frau (gekonnt-naiv und überzeugend: Lilian Huynen), zugleich zärtlich und erotisch-elektrisierend am Rock aus Fell.

Der Wald wird damit immer wieder zum Schauplatz lebendig-verspielter Erotik, zeitweise Zweisamkeit und Ausdruck geradezu existenzialistischer Einsamkeit, stetig im Wechsel. Mal sinniert Rosalind (Konstanze Fischer), immer noch in Männerkleidern wie einer schwarzen Herrenhose und weißem Hemd (Kostüme: Erika Landertinger), über die Liebe sowie deren Moral und Tugendhaftigkeit, dann wieder ist Orlando (Steffi Baur) zu sehen, wie er bzw. sie mittels weißer Farbe die Spuren und den Weg hin zu seiner Rosalinde, von der er inzwischen ergriffen zu sein scheint und die er verzweifelt sucht, zu sehen, deren Weg er damit buchstäblich nachverfolgen möchte.

Steffi Baur als Orlando ist es, die neben Konstanze Fischer als Rosalind bzw. in ihrer männlichen Rolle als Ganymed, neben Susanne Schäfer als Narr Touchstone am meisten in der Pforzheimer Inszenierung und Fassung von ›Wie es Euch gefällt‹ überzeugen. Die einzelnen Szenen und Begegnungen der Schäferinnen und Schäfer (Chorin, ein alter Schäfer und humorvoll überzeugend: Helmut Schmiedeberg; Silvius, ein junger Schäfer und humorvoll überzeugend: Johannes Blattner; Schäferin Audrey überzeugend und authentisch in ihrer Rolle: Lilian Huynen; Markus Löchner als gewitzte, behäbige und sympathisch wirkende Schäferin Phoebe sowie William, der junge und naiv wirkende Schäfer: Enes Sahin) zeugen noch dazu von der zumindest zeitweise vorhandenen Idylle im utopischen Garten Eden.

Zwischen Illusion und Desillusion

Der Bildschirm über der recht karg und schlicht gehaltenen Bühne (Bühne: Anne Habermann) zeigt teilweise einen blauen Himmel und weiße Wolken. Damit suggeriert sie einen Eindruck des Gefühls von Freiheit, gemäß dem Schlager ›Über den Wolken‹ von Jürgen Drews. Und so singen Jaques (anmutig und überzeugend: Bernhard Meindl), einer der Schäfer und ein hilflos umherschauender Mann mit Gitarre in dem Moment, als sie einfach nur gemeinsam essen wollen, »Why Boys«, womit sie Orlando zum Weinen bringen. Dieser geht mit der Ansage »Gesegnet seid Ihr«, anschließend von der Bühne ab. Jaques umreißt das Ganze mit dem für Shakespeare typischen Satz »Die ganze Welt ist eine Bühne«. Damit beschreibt er das gesamte Spektakel, das einerseits die Entwicklungsstufen vom Kind bis zum Erwachsenen, andererseits aber auch die Schwierigkeiten und Konflikte der Beziehungen zwischen Mann und Frau umreißt.

Wie es euch gefällt

Diese Entwicklungsstufen sind geprägt von Illusion und Desillusion. Konstanze Fischer als Rosalind und damit in ihrer idealisierten Rolle als perfekte Frau löst am Ende den Konflikt, indem sie sich zu Orlando bekennt, wenn sie sich auch in ihrer wechselseitigen Rolle entschieden zu den anderen Protagonisten der Komödie bekennen würde, wäre sie defacto ein Mann. Im Sinne der Komödie finden alle Paare, wie Orlando und Rosalind, dann am Ende zusammen, wobei speziell Rosalind alias Konstanze Fischer, es ist, die das Ganze vehement durch die Aufdeckung und Entlarvung der unterschiedlichen Rollen vorantreibt.

Ein Happy-End also, das durch den tosenden Applaus des Pforzheimer Publikums gebührend gewürdigt wird. Amüsant, gewitzt, sprachgewaltig: mal wieder eine überragende Vorstellung des Ensembles des Pforzheimer Stadttheaters. Topp und einsame Spitze!

| JENNIFER WARZECHA

Titelangaben
Wie es Euch gefällt
Komödie von William Shakespeare
Theater Pforzheim

Weitere Termine:
25.11.2018, 15:00 Uhr; 21.12.2018, 19:30 Uhr
23.12.2018, 15:00 Uhr; 08.01.2019, 20:00 Uhr
17.01.2019, 20:00 Uhr

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Prinz Siegfried und seine Odette

Nächster Artikel

In fünf Tagen um die Welt

Weitere Artikel der Kategorie »Bühne«

What is in a Name?

Bühne | Sophie Scholl im Theater das Zimmer

Ihr Name ist Sophie Scholl. Das ist ein Zufall. Doch der begleitet sie ihr ganzes Leben. Von MONA KAMPE

Man(n) ist sprachlos

Bühne | Bodyrule im Hamburger Sprechwerk Übergriffigkeit, Schweigen, Schuld. Die MeToo-Debatte hat viel aufgewirbelt – doch nicht genug. Das weiß man(n), wenn man das neue Stück von Denise Stellmann sieht. Ein persönlicher Eindruck von MONA KAMPE

Suche nach der eigenen Identität, fernab vom Vater

Bühne | Friedrich Schiller: ›Die Räuber‹ – Badisches Staatstheater Karlsruhe Fast mahnend wirkt die Bühne im Kleinen Haus. Diverse Holzplanen und Stahlstäbe in Weiß und Schwarz bilden ein verpixeltes Gesicht, dessen Gesichtszüge erst bei näherer Betrachtung deutlich werden. Mahnend wirken auch die in die Fragen des Protagonisten einstimmenden Männer, die, ähnlich einer Mauerschau im klassischen Drama, hoch oben über Bühnengeschehen und Protagonisten thronen. Ihre Gesichter sind Masken, die einzigen materiellen Beweise im Stück, die belegen, dass eben diese Protagonisten tatsächlich einen Vater haben. Von JENNIFER WARZECHA

Wenn der Postbote 2x klingelt

Bühne | Stand-up-Comedy im Theater ›Das Zimmer‹ Hamburg … kann er wahrscheinlich das Namensschild nicht lesen! Unikum Hans-Hermann Thielke kennt als einstiger Schalterbeamter im »mittleren nichttechnischen Dienst« alle noch so skurrilen Postgeheimnisse, wie etwa das korrekte Befeuchten von Briefmarken. Geht auch nach Schalterschluss bei ihm die Post ab? MONA KAMPE über die Begegnung mit einer urigen Brieftaube, die die Päckchen des Lebens sympathisch leicht aus den Flügeln schüttelt.

Affe – Blau zu schwarz

Bühne | ›Affe‹ in der Oper Neukölln Frei nach dem Motto »Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau. Du kannst so schön schrecklich sein, deine Nächte fressen mich auf…« gehen die Zuschauer zusammen mit dem jungen Berliner »F.« auf einen Trip der besonders heftigen Art. ANNA NOAH ist gespannt, wie viel urbanes Lebensgefühl in der Theater-Adaption von Peter Fox’ Album »Stadtaffe« steckt.