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»Frühlingserwachen« im Herbst: »Spring Awakening«

Bühne | Spring Awakening

»Wedekind for future« – so ist die Überschrift im Programmheft. Das Stück selbst hat den Titel ›Spring Awakening – Eine Überschreibung von Katharina Stoll und Ensemble nach Frank Wedekind.‹ Im gut besuchten Studio des Badischen Staatstheaters feiert man die Uraufführung. Immer wieder ist zustimmendes oder verhaltenes Gelächter im Publikum zu hören. Das offene Ende lässt, je nach individueller Auffassung, verschiedene Rückschlüsse zu. Von JENNIFER WARZECHA

Eine Frau sitzt auf einer Bühne und hackt Orangen mit einem MesserWendla (ausdrucks- und persönlichkeitsstark, empathisch: Soraya Bouabsa) ist eigentlich ein ganz normaler Teenager, eine, die die Farbe Beige liebt. Fast zu normal und brav kommt sie in der Eingangsszene im Gespräch mit ihrer Mutter (ausdrucksstark, selbstbewusst: Ute Baggeröhr) daher. Ihre Mutter ist Therapeutin und kümmert sich um die Liebesprobleme von zum Beispiel den Männern (André Wagner). Sie selbst hat natürlich auch schon die eine oder andere Liebeserfahrung gemacht, war schon mehrmals verheiratet, wie eine Szene zeigt, in der sie Wendla einen Berg an Hochzeitskleidern präsentiert.

In einer anderen Szene lebt sie ihre Erotik und Leidenschaft aus, indem sie zeigt, wie ihrer Ansicht nach Vulva und Klitoris berührt werden sollen. Auch ein ausführlicheres Gespräch mit Wendla zeigt nicht nur, welche Sehnsüchte sie hat, sondern dass sie die jüngere Generation fast beneidet. Sie erklärt ihrer Tochter, wie man zum Orgasmus kommt bzw. wie nicht. Wendla ist erst verschüchtert. Schon alleine das Wort »Masturbation« ruft in ihr Ekelgefühle und Erbrechen hervor, auch im Gespräch mit ihrer Freundin (authentisch, selbstbewusst und ausdrucksstark: Alisa Kunina). Diese ist sehr selbstbewusst und geht ihren Weg, zum Beispiel als sie unverhohlen angemacht wird und der Mann auf einmal schamlos die Hüllen fallen lässt. Wendla öffnet sich im Laufe der Zeit immer mehr, weswegen das Ende des Stückes zwar von der Logik her passt, aber zugleich auch die Frage aufwirft, wie viel Freiheit des eigenen Selbst nicht vielleicht doch dem Anderen schadet.

Werteorientiert

Eine doppelstöckige Bühne mit einigen Möbelstücken und zwei SchauspielernWenzel (Jannik Süselbeck) liebt Wendla und möchte sie am Ende heiraten. Gerade diese schier irrsinnige Auseinandersetzung mit sich selbst, seiner Auffassung von Liebe, Zusammenleben, Konventionen und Traditionen wirft viele Fragen auf. Wendlas Mutter bewundert, dass man nicht mehr heiraten muss und dass die Frauen sich dafür einsetzen, was sie tun möchten sowie sich nicht mehr soviel von den Männern gefallen lassen. Sie lehnen das Patriarchat ab, unter dem sie selbst so sehr gelitten hat.

Bei der ersten Begegnung mit Wenzel ist diese Anziehungskraft durch den Augenkontakt und Bewegungen der beiden, die einander folgen und verfolgen, genau nachzuvollziehen. Es scheint, als bewundere sie Wenzel, der teilweise als reichlicher Trottel, der schier kaum denken kann, dargestellt wird. Mit wirrem Blick irrt er als umher. In einer anderen Szene hat er Anzug und Fischflossen an, sieht seinen Vater auf dem psychologischen Sofa und verliert die Nerven. Wirr redet er, zieht sich halb aus und fällt seinem Papa um den Hals. Da stellt sich die Frage: Sind die Männer dank des Feminismus‘ die neuen Kinder? Das könnte man bei dieser Inszenierung schier meinen. Auch Wendlas Mutter macht Wenzels Vater klar, dass manches Mal Männer Frauen klein machen müssen, um groß zu werden, aber eigentlich nie so ganz erwachsen werden. Insofern ist der Anspruch an eine moderne Fassung von Frank Wedekinds »Frühlingserwachen« vollkommen gelungen.

Dennoch wirft es die Frage auf, ob man nicht auch mal unzeitgemäß handeln und sich seine Werte bewahren darf? Wer möchte, kann heiraten; wer das nicht möchte, nicht. Wer Frau sein will, darf Frau sein und muss nicht nach mehreren Geschlechtern in sich selbst suchen. Auch diese Auffassung sollte erlaubt sein. Im Programmflyer sollte künftig gekennzeichnet werden, welcher Schauspieler welche Rolle verkörpert. Ein Name in Klammern nach dem Namen des Schauspielers sollte genügen. Schauspielerinnen und Schauspieler zeigten sich in Brillanz und Spitze. Der nicht endend wollende Applaus bewies, dass das gut beim Publikum ankam.

| JENNIFER WARZECHA
| Fotos: FELIX GRÜNSCHLOß

Titelangaben
Spring Awakening
Eine Überschreibung von Katharina Stoll und Ensemble
nach Frank Wedekind
URAUFFÜHRUNG
Ab 15 Jahren
Dauer: ca. 1h 30, keine Pause

Besetzung
Ute Baggeröhr, Soraya Bouabsa
Alisa Kunina, Jannik Süselbeck
André Wagner

Regie: Katharina Stoll
Bühne & Kostüme: Wicke Naujoks
Musik: Hannes Gwisdek
Video: Jule Roschlau
Dramaturgie: Hauke Pockrandt

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