Kammerspiel des Bösen

Roman | Richard Flanagan: Der Erzähler

Der australische Autor Richard Flanagan ist erst durch seinen mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Roman Der schmale Pfad durchs Hinterland (2014) hierzulande bekannt geworden – ein beeindruckendes und unter die Haut gehendes Werk über die Grausamkeiten in einem japanischen Kriegsgefangenenlager im Grenzgebiet zwischen Thailand und Birma. Zuletzt war von ihm 2016 der Roman Die unbekannte Terroristin in deutscher Übersetzung erschienen, in dem es um Vorverurteilungen, Denunziationen und kanalisierten Hass gegen eine junge Frau geht. Von PETER MOHR

Richard Flanagan: Der ErzählerFlanagans Affinität zu »schwierigen« Stoffen kommt auch in seinem jüngsten Erzählwerk zum Ausdruck. Im Mittelpunkt steht der nur leidlich erfolgreiche Autor und Journalist Kif Kehlmann, der einen ungewöhnlichen Auftrag erhält. Er soll für ein kapitales Honorar in sechs Wochen eine Biografie über einen bekannten Wirtschaftskriminellen verfassen.

Jener Siegfried Heidl hat Banken um Kredite in Gesamthöhe von 700 Millionen Dollar geprellt – für ein Projekt, das nur in seiner Fantasie existierte. Dafür muss er sich vor Gericht verantworten. Kif befindet sich zunächst in einem Zwiespalt – es lockt einerseits viel Geld, andererseits hält er seinen Auftrag für ein moralisch fragwürdiges Projekt. Er nimmt dennoch an, seine ökonomisch stets angespannte Lage gab wohl den Ausschlag.

Richard Flanagans Bücher entwickeln eine absolut singuläre Eigendynamik. Mit immenser Sogwirkung wird man als Leser – trotz einiger unnötiger erzählerischer Schlenker – durch das Buch gezogen und an die Figuren gefesselt.

Die Arbeit an der Biografie gestaltet sich sehr schwierig, weil Heidl nicht sehr auskunftsfreudig ist. Immer wieder stellen sich Momente des Verzweifelns ein. Kif erfährt während der Arbeit, dass vor ihm schon einige Biografen gescheitert sind. Das Aneignen eines fremden Lebens bedeutet auch gleichzeitig, sich seiner eigenen Vita anzunehmen, zu vergleichen, Standpunkte und Lebenseinstellungen gegeneinander abzuwägen.

Der 57-jährige Richard Flanagan hat ein Kammerspiel des Bösen inszeniert und in einem ausladend hässlich beschriebenen Verlagsbüro angesiedelt. Die beiden Figuren sitzen einander (zunächst durchaus feindlich) gegenüber, schweigen sich oft an und kommen nur sehr zäh ins Gespräch. Kifs Arbeit ist eine Gratwanderung zwischen Verachtung und Bewunderung. Immer wieder durchlebt er Stimmungsschwankungen. Wo er keine befriedigenden Auskünfte erhält, lässt er seiner Fantasie schreibend freien Lauf und bastelt sich Heidls Vita zurecht.

Es dauert geraume Zeit, ehe Kiff der Faszination des Bösen wirklich erliegt. Er lernt und verinnerlicht, dass gut inszenierte »Schaumschlägerei« in Politik und Wirtschaft zu respektablen Erfolgen führen kann.

Zum Schluss bringt sich Betrüger Heidl um, aber sein Biograf ist durch die Begegnung ein völlig anderer Mensch geworden. Kif hat sich Heidls pragmatisch-zynische Weltsicht angeeignet und feiert später als Autor fragwürdiger TV-Formate große Erfolge. Er wird reich, berühmt und führt ein Leben mit einer ausgeklügelten Doppelmoral.

»Je weiter ich auf Heidls Weg kam, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass ich auch den nächsten Schritt gehen würde … Etwas zutiefst Menschliches hatte sich zwischen uns entwickelt«, bekennt Kif am Ende des Romans.

Richard Flanagans Bücher entwickeln eine absolut singuläre Eigendynamik. Mit immenser Sogwirkung wird man als Leser – trotz einiger unnötiger erzählerischer Schlenker – durch das Buch gezogen und an die Figuren gefesselt. Wer den »Erzähler« zur Seite legt, wird sich garantiert Gedanken über sein eigenes Leben und die Faszination des Bösen machen.

| PETER MOHR

Titelangaben
Richard Flanagan: Der Erzähler
Aus dem australischen Englisch von Eva Bonné
München: Piper Verlag 2018
447 Seiten, 24.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Stöckelschuhig und blaugrauwolkig. Was ein Geschenk alles bewirken kann

Nächster Artikel

Täglich grüßt das Poketier

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Unfähigkeit zur wahren Liebe

Roman | Gonzalo Torné: Meine Geschichte ohne dich Gonzalo Torné ist im deutschen Sprachraum noch ein unbeschriebenes Blatt. Der 41-jährige Spanier, der in Barcelona Philosophie und Ästhetik studiert hat, gilt in seiner Heimat als eine der wichtigsten literarischen Stimmen seiner Generation. ›Meine Geschichte ohne dich‹ ist sein erster in deutscher Übersetzung vorliegende Roman – ein Buch, das neugierig macht auf mehr aus der Feder dieses Autors. Gelesen von PETER MOHR

Ein Forrest Gump aus Deutschlands Osten

Roman | Ingo Schulze: Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst Mit ›Neue Leben‹ (2005) hat der in Dresden geborene Ingo Schulze (Jahrgang 1962) vor 12 Jahren den ultimativen Wenderoman geschrieben. Mit dem Nachklapp ›Adam und Evelyn‹ (2008) verabschiedete er sich dann für fast ein Jahrzehnt von der fiktiven Literatur. Nun ist er wieder da – mit einem Schelmenroman, der im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts spielt, durch das er seinen Helden Peter Holtz schickt. Von DIETMAR JACOBSEN

Skrupellose Karrieristen gibt es in jeder Zeit

Roman | Jo Nesbø: Macbeth Im Jahr 2012 rief The Hogarth Press, 1917 von Virginia und Leonard Woolf ins Leben gerufen, international bekannte Autoren dazu auf, rund um den 400. Todestag des berühmten Dramatikers ihre ganz persönliche Neuerzählung eines Werkes von William Shakespeare (1564 – 1616) zu präsentieren. Renommierte Autorinnen und Autoren wie Anne Tyler, Margaret Atwood, Edward St. Aubyn und Howard Jacobson beteiligten sich bisher an dem so genannten »Hogarth Shakespeare Project«. Von DIETMAR JACOBSEN

Kriminelles und Persönliches

Roman | Ingrid Noll: In Liebe Dein Karl

Stellen Sie sich vor, sie gehen einkaufen und sie hören irgendwo an einem Stand eine Frau erzählen, und zwar derart, dass sie wie gebannt stehen bleiben und irgendwie hoffen, dass sie vor Geschäftsschluss nicht wieder aufhören möge. So in etwa das Gefühl, wenn man die 336 Seiten beginnt. »Geschichten und mehr« steht im Buch. Es müsste heißen: »Geschichten und viel mehr«, meint BARBARA WEGMANN

In den Träumen lesen

Roman | Peter Høeg: Durch deine Augen Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, die Gedanken anderer Menschen lesen und sichtbar machen zu können und durch deren Augen zu sehen. Genau darum und um den schmalen Grat zwischen subjektiver Erinnerung und faktischer Realität geht es im neuen Roman Durch deine Augen des dänischen Schriftstellers Peter Høeg. Von PETER MOHR