/

»Bin ein tieftrauriger Mensch«

Menschen | Vor 150 Jahren wurde die Dichterin Else Lasker-Schüler geboren

»Ich bin keine Zionistin, keine Jüdin, keine Christin, ich glaube aber ein Mensch, ein sehr tieftrauriger Mensch«, schrieb die Dichterin Else Lasker-Schüler 1940 in einem Brief an den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Dieser Zwiespalt durchzieht sowohl die Vita als auch das literarische Werk wie ein roter Faden. Ein Porträt von PETER MOHR

Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 als Tochter des jüdischen Bankiers Aaron Schüler im damals noch selbstständigen Elberfeld (heute zentraler Stadtteil Wuppertals) geboren. Ihrem ersten Ehemann, dem wohlhabenden Jonathan Lasker, der mit seinen Lebensgewohnheiten eine Assimilation an das deutsche Bildungsbürgertum betrieb, folgte die Dichterin 1894 nach Berlin.

In dieser Zeit hegte Else Lasker-Schüler den Wunsch, Malerin zu werden. Die Affinität zur Malerei, vor allem zu den farbenprächtigen Werken Franz Marcs, hielt zeitlebens an. Erst im Alter von 33 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband mit dem Titel ›Styx‹, der sie als Vorläufer der expressionistischen Lyrik auswies. In »Weltflucht« heißt es u.a.:
»Ich will das Grenzenlose/ zu mir zurück/ schon blüht die Herbstzeitlose/ meiner Seele/ vielleicht – ist’s schon zu spät zurück/ O, ich sterbe unter euch/ die ihr mich erstickt mit euch/ Fäden möcht ich um mich ziehn/ Wirrwarr endend/ Beirrend/ euch verwirrend/ um zu entfliehen/ meinwärts.«

Gerade an der frühen ausdrucksstarken, bisweilen aber auch ziemlich pathetischen Lyrik, deren Tonfall später auch Autoren wie Georg Trakl, Georg Heym und Jakob van Hoddis erkennen ließen, schieden sich jedoch die Geister. Während Gottfried Benn 1952 Else Lasker-Schüler als »größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte« bezeichnete, fühlte sich Franz Kafka von den Gedichten gelangweilt, und Walter Benjamin glaubte gar, eine »Hysterikerin« zu erkennen. Angesichts dieser widersprüchlichen Statements ihrer Zeitgenossen darf es nicht verwundern, dass noch heute die Philologen höchst kontrovers darüber diskutieren, ob der Lyrik oder den Dramen (bisweilen waren die Grenzen höchst fließend) der größere Stellenwert gebührt.

Else Lasker-Schüler, die am 22. Januar 1945 in Jerusalem starb, wo sie am Fuße des Ölbergs ihre letzte Ruhestätte fand, war eine Poetin des Ausgleichs und der Versöhnung – stets auf der Suche nach einer eigenen inneren Harmonie.

Zu einer Zäsur sowohl in der Vita als auch im literarischen Schaffen führte die zweite Ehe mit dem neun Jahre jüngeren Georg Levin, der unter dem ihm von Else Lasker-Schüler verliehenen Namen Herwarth Walden als Publizist auf sich aufmerksam machte. Während ihr erster Ehemann die Annäherung an das Bürgertum suchte, war Walden den sozialistischen Idealen zugewandt. Unter diesem Einfluss stand auch schon das erste und wohl beste Lasker-Schüler-Drama ›Die Wupper‹, das exakt zehn Jahre nach seiner Fertigstellung im April 1919 am Deutschen Theater Berlin seine Uraufführung erlebte und gleichermaßen Parallelen zum naturalistischen Hauptmannschen Theater wie zu den Werken des jungen Brecht erkennen ließ.

Die Handlung in ihrer Heimatstadt angesiedelt, hatte Else Lasker-Schüler die Urfassung im sogenannten »Wopperdhaler Platt« abgefasst. Zwischen Arbeitermilieu und der Villa der Fabrikbesitzerin Charlotte Sonntag tummeln sich bunte, zumeist höchst unzufriedene Gestalten. Im dritten Akt kommt es vor einem Karussell (die Schlüsselszene des Stücks) zu einem Treffen von »Proletariern« und »Kapitalisten«, und zur Rotation des Fahrgerätes wird ein verzerrtes, aber deutlich vernehmbares »Alles ist hin« geträllert. »Für die Wupper muss ein Regisseur die Astrologie der Liebe verstehen«, schrieb die Autorin in einem Brief an Leopold Jessner.

Der versöhnliche Charakter der ›Wupper‹ (Proletarier und Kapitalisten sollten sich einen) setzt sich auch im 1936 in Zürich uraufgeführten ›Arthur Aronymus und seine Väter‹ fort. Im erst 1968 in ihrer Heimatstadt Wuppertal in Deutschland erstaufgeführten Stück hat Else Lasker-Schüler in der Figur des Arthur (eines von 23 Kindern eines Rabbiners) ihrem Vater ein literarisches Denkmal gesetzt und die Versöhnung zwischen Juden und Christen angestrebt.

Else Lasker-SchülerZum Zeitpunkt der Uraufführung hatte sich die Dichterin bereits aus dem nationalsozialistischen Deutschland abgesetzt. Über die Schweiz und Ägypten gelangte sie nach Palästina, wo noch der Gedichtband ›Mein blaues Klavier‹ und das erst 1979 uraufgeführte, erst im Nachlass entdeckte Drama ›Ich und Ich‹ entstand, in dem es – Goethes Faust variierend – um die Aufspaltung des Individuums in eine »gute« und eine »böse« Hälfte geht.

Else Lasker-Schüler, die am 22. Januar 1945 in Jerusalem starb, wo sie am Fuße des Ölbergs ihre letzte Ruhestätte fand, war eine Poetin des Ausgleichs und der Versöhnung – stets auf der Suche nach einer eigenen inneren Harmonie. Selbst als ihre jüdischen Freunde ermordet und gefoltert wurden, betete sie zu Gott um Gerechtigkeit. Eine Annäherung an das umfängliche Werk (1986 erschien im Deutschen Taschenbuch Verlag eine achtbändige Ausgabe) ermöglichen die Monographien von Sigrid Bauschinger (1980), Judith Kuckart (1985), Jakob Hessing (1986) und Ute Kröger (2018), die sich vor allem mit den Schweizer Jahren auseinandersetzt, aber auch der 1985 von Jürgen Flimm gedrehte TV-Film.

Eröffnet werden die Jubiläumsfeierlichkeiten zum 150. Geburtstag mit einem Festakt am 11. Februar in der Historischen Stadthalle Wuppertal.

Eine Ausstellung im Von der Heydt-Museum zeichnet den Lebensweg von Elberfeld nach Palästina nach und präsentiert auch viele Zeichnungen aus dem Nachlass. Ab Oktober wird es dort eine Ausstellung mit 100 Arbeiten der »malenden Dichterin« und ihrer künstlerischen Wegbegleiter Franz Marc, Otto Dix und Gottfried Benn geben.

Am 27. Juni wird in Essen ein von der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft in Auftrag gegebenes Theaterstück mit dem Titel ›Prinz Jussuf von Theben‹ uraufgeführt.

Im Juli bringt das Schauspiel Wuppertal das Drama ›Ich und Ich‹ auf die Bühne.

Über alle Aktivitäten rund um das »Jubiläum« informiert die eigens eingerichtete Internetseite ›www.els2019.de‹.

| PETER MOHR
| Titelfoto zeigt Else Lasker-Schüler 1875, Foto als gemeinfrei gekennzeichnet

Lesetipp
Ute Kröger: Viele sind sehr gut zu mir
Else Lasker-Schüler in Zürich 1917–1939
Limmat Verlag, Zürich 2018
270 Seiten, 34,80 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

10 Comments

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Episode vom Ausguck

Nächster Artikel

Ein Gedankenkaleidoskop vor dem Einschlafen

Neu in »Menschen«

»Du bist ein richtiger Mensch.«

Menschen | Zum 50. Todestag des Schriftstellers Oskar Maria Graf am 28. Juni »Ja, glauben sie vielleicht, ich höre mir ihren Quatsch stundenlang kostenlos an?« Hemdsärmelig und burschikos, mutig und geradlinig wies der Schriftsteller Oskar Maria Graf nach einigen Maß Bier und einer deftigen Portion Schmalznudeln in einem Münchener Wirtshaus Ende der 1920er Jahre bei einem Treffen den späteren »Führer« Adolf Hitler in die Schranken. Von PETER MOHR PDF erstellen

Chronist des alltäglichen Wahnsinns

Menschen | Zum Tod des Georg-Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino    Er war ein stilistisch hochbegabter Außenseiter, der erst spät den Durchbruch geschafft hat. Wilhelm Genazino hat die melancholischen, zum Selbstmitleid neigenden Flaneure in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur salonfähig gemacht. Immer etwas neurotisch, dem Wahnsinn nahe, aber höchst empfindsam, so schickte er seine zumeist ziemlich biederen Alltags-Protagonisten durch seine leicht elegischen Romane. Von PETER MOHR PDF erstellen

Auf der Suche nach der »Nazi-Persönlichkeit«

Menschen | Jack El-Hai: Der Nazi und der Psychiater Autorenglück ist, wenn sich eine heiße Story als Matrjoschka entpuppt, aus der während der Recherchen eine zweite, mindestens genauso heiße Story kullert. So ging es dem US-amerikanischen Journalisten Jack El-Hai bei den Vorarbeiten zu seinem Buch über Walter Freeman, ›The Lobotomist‹ (2005). Der Psychiater und Neurologe Freeman hatte der Lobotomie als Mittel gegen psychische und sonstige Störungen zur Popularität verholfen und sich nebenbei für von eigener Hand gestorbene Kollegen interessiert. Insbesondere für einen: Douglas Kelley, heute nur noch Fachkreisen geläufig, aber um die Mitte des letzten Jahrhunderts ein Star. El-Hai horchte

Sehnsucht und Illusion

Menschen | Toni Morrison zum 85. Geburtstag »Die Sehnsucht nach einem Zuhause existiert zwar nach wie vor, aber es handelt sich dabei lediglich um eine Illusion. Und natürlich gibt es in Amerika nicht eben wenige, die ihr ganzes Leben auf diese trügerische Sehnsucht bauen, die niemals Realität werden kann«, hatte Toni Morrison, Nobelpreisträgerin des Jahres 1993, vor zwei Jahren in einem Interview mit der Welt als Auskunft über ihr disparates Verhältnis zu ihrem Heimatland gegeben. Sie ist umstritten und streitbar, aber nach ihr wurde keinem US-Autor mehr die bedeutendste Auszeichnung der literarischen Welt zuteil. Gratulation von PETER MOHR PDF erstellen