Vom Ausguck

Textfeld | Wolf Senff: Vom Ausguck

Glaubst du denn, was er sagt?

Er ist ein schräger Vogel.

Ach, Thimbleman, wer wäre kein schräger Vogel auf der ›Boston‹. Sie lachten übermütig. Der Ausguck nahm drei Schritt Anlauf und machte einen Handstand. Hitzefrei!, rief er und setzte sich wieder.

Hast du gehört, was er über den Wind sagt?

Der Mensch verstehe nichts, sagt er, er sei ein erdverwachsenes Geschöpf, in materiellen Dingen verwurzelt. Seine Füße wandelten auf dem Erdboden, und er erhebe gelegentlich den Blick zum Himmel. Er sättige seinen Durst mit Wasser, er ernähre sich von dem, was die Pflanzen an Früchten tragen, oder er jage und töte Tiere.

Wie du das aufzählst, Ausguck! Thimbleman lachte. Lustig, sagte er, da kann einer schon auf den Gedanken kommen, der Mensch sei beschränkt in dem, was er von der Welt versteht, und seit Urzeiten habe sich daran nichts geändert.

Whaling

Meine Rede. Er ist ein Geschöpf der Materie. So sagt es auch Gramner. Folglich beschäftige er sich mit toter Materie, er zähle und messe sie, teile, atomisiere sie, analysiere sie und setze sie neu zusammen. Das nennt er Naturwissenschaft. Daß man sich dem, was lebendig sei, anders nähern müsse – null.

Die beiden Jungen fühlten sich prächtig am Strand der Ojo de Liebre, die Sonora war ein ungastliches Land, doch bei subtropischen Temperaturen ließ es sich auf einem sandigen Strandabschnitt vorzüglich aushalten, die Schaluppe lag fest auf, der Nachmittag konnte gern dauern.

Gramner ist ein eigenwilliger Kopf, oder?

Er weiß eben Bescheid, Ausguck.

Er gefällt dir?

Er gefällt mir. Er hat es nicht nötig, anderen nach dem Mund zu reden.

Wenn du es sagst, Thimbleman. Wie er über den Wind redet, das geht in Ordnung?

Für mich kein Problem, Ausguck.

Der Seefahrer mißt den Wind und setzt seine Segel nach dessen Richtung und Stärken.

Er soll zählen, er soll messen, Ausguck. Sagt auch Gramner. Nur daß eben der Mensch jedes Geschehen stets auf sich bezogen wahrnimmt.

Ist das denn ein Fehler? Er muß sich zurechtfinden, etwa nicht, zu Lande wie zu Wasser.

Muß er, Ausguck. Und daß der Wind, sagt Gramner, eine Erscheinung sei, ein eigenständiges Wesen, sagt Gramner, der Wind stehe wie der Mensch in seinem eigenen Zusammenhang, er sei ein soziales Wesen und lebe im Einklang mit seinesgleichen.

Auf den Gedanken muß jemand erst einmal kommen. Der Ausguck überlegte. Und da habe der Wind diverse Aufgaben.

Genau. Seine wichtigste liege darin, daß er die Infrastruktur für das Wirken der Engel bilde. Der Mensch jedoch wisse nichts davon oder wolle nichts davon wissen, das sei ein strittiges Thema.

Das hört sich schon seltsam an.

Schwierig, Ausguck. Gramner weiß das selbst.

Ich bin mir nicht sicher, daß ich ihn verstehe, Thimbleman. Seine Gedanken sind von großer Tragweite, und gesetzt es stimmt, wird sich der Mensch von Grund auf neu aufstellen müssen. Ich für mein Teil bin mit dem Zustand zufrieden, so wie er ist. Es gibt nichts Schöneres, als bei diesen Temperaturen an einem Strand zu liegen.

Sie genossen die Stille. Die Lagune war menschenleer. Ab und zu hob ein Grauwal den Kopf aus dem Wasser oder tauchte ab.

Der Ausguck lächelte versonnen. Auch der Grauwal lebe in einer Welt, die gänzlich anders sei, als sie sich dem Menschen darstelle, und doch befänden sich beide auf ein und demselben Planeten. Schon seltsam, überlegte er. Wer erhebt den Anspruch, die Welt des Menschen sei der des Grauwals überlegen? Darf der Mensch sich anmaßen, den Planeten zu kolonisieren? Hat Gramner recht, und es existiert eine Lebenswelt der Winde? Was, wenn sie mit dem Menschen kollidiert?

Die Dinge seien kompliziert, sagte Thimbleman und unterbrach den Ausguck in dessen Gedanken, und gut möglich sei, sagte er, daß es Welten gebe, die den Menschen ganz und gar unbekannt seien, sie aber führten sich auf, als wären sie Herren der Schöpfung. Nein, sie hätten wenig Ahnung von der Rolle, die die Winde spielten, außer daß sie deren Stärke messen würden und deren Richtung.

Gramner habe auch vom Kraken erzählt, sagte der Ausguck, du erinnerst dich?

Ich hab’s nicht vergessen. Gramner ist ein Juwel wie sonst niemand.

| WOLF SENFF

| EN:Pierre Denys de Montfort / FR:Etienne Claude Voysard, Colossal octopus by Pierre Denys de Montfort, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Wolf Senff, langjähriger Autor bei ›TITEL kulturmagazin‹, legt mit ›Scammon und der Wal‹ eine Erzählung vor, die einen faszinierenden Einblick in Aufstieg und Niedergang einer bedeutenden Technologie gibt.
Darüber hinaus zeugt die Erzählung von dem todesmutigen Kampf gegen eine heutzutage immer noch praktizierte Jagd auf Wale, lenkt unseren Blick aber auch auf die vor allem durch andere Ursachen gefährdete Existenz unserer großen Meeressäuger.

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Walfang ist unsere tägliche Routine.

Wie meinst du das, Thimbleman?

Wir sind Teil einer Produktionskette, verstehst du, Ausguck, wir liefern die Energie, die erforderlich ist, um die Abläufe in der Stadt zu sichern – Licht in den Straßen, Schmierfett für Achsen, etc. Ohne uns sähe es schlecht aus.

So reden sie alle.

Du nicht?

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Die Dinge seien doch leicht zu verstehen, behaupte Gramner, wo liege das Problem.

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