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Kunst der 20er Jahre neu befragt

Ausstellung | Welt im Umbruch. Kunst der 20er Jahre – Bucerius Kunst Forum Hamburg

Landauf und landab wird in diesem Jahr in der Republik das hundertjährige Jubiläum des Bauhauses gefeiert, sei es in diversen Ausstellungen, in Büchern oder in Artikeln. In diesem Überangebot zeichnet sich das Hamburger Bucerius Kunst Forum dadurch aus, dass es erstmals in diesem Ausmaß zwei Bereiche zusammenführt, die gewöhnlich nur getrennt präsentiert werden, nämlich die Malerei der Neuen Sachlichkeit und die gleichzeitige künstlerische Fotografie des »Neuen Sehens«. Von PETER ENGEL

Die Ausstellung ›Welt im Umbruch‹ gibt mit ihren rund 170 Exponaten einen konzentrierten Einblick in die Kunstszene der Zwischenkriegszeit und bietet hochrangige Werke von Otto Dix bis Christian Schad, von Hugo Erfurth bis August Sander.

Nach dem Pathos und den Übersteigerungen des Expressionismus trat nach 1920 in den Künsten generell eine formale Beruhigung ein, die unter den Stichworten Neue Sachlichkeit oder Magischer Realismus läuft. Nicht mehr um ekstatische Aufgeregtheit und grelle Farbeffekte ging es den Malern, sondern um eine kühle und distanzierte Darstellung der Gegenstände, teilweise in einem auf die Spitze getriebenen Realismus, der an die alten Meister denken lässt. Vor dem Hintergrund einer durch den Krieg aus den Fugen geratenen Welt war eine neue künstlerische Ordnung gefragt, gleichsam ein stabiles Fundament in den eher labilen Zeitströmungen. Die Fotografen der Epoche setzten sich in ähnlicher Weise vom vorherigen Piktorialismus ab und stellten die technischen und formalästhetischen Aspekte ihres Mediums heraus, zielten auf eine echte und glaubwürdige Wiedergabe der vorgefundenen Wirklichkeit.

Das Herzstück der Hamburger Ausstellung sind die Porträts und darunter vor allem die Selbstdarstellungen. Ganz ungeschönt und ohne falsche Künstlerpose tritt dem Besucher da etwa der Maler Otto Dix entgegen, ein Hauptvertreter der Neuen Sachlichkeit. Auf dem Gemälde von 1931 zeigt er sich als beinahe verbissen an seinem Bildnis arbeitender Beobachter seiner selbst, meißelt schonungslos eine in Licht getauchte Gesichtshälfte vor dunklem Hintergrund heraus, kerbt in altmeisterlicher Manier die Nasenfalte tief ein und kneift die Augen zusammen, um gewiss zu sein, ob er sich auch ganz wahrhaftig getroffen habe.

Otto Dix (1891-1969): Selbstbildnis, 1931, Museum Ludwig, Köln
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Otto Dix (1891-1969): Selbstbildnis, 1931, Museum Ludwig, Köln
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Eine ähnlich penible Selbsterforschung spricht aus den Selbstbildnissen von Malern wie Ottilie W. Roederstein, Barthel Gilles oder Curt Querner, in dessen Porträt aus dem Umbruchsjahr 1933 sich neben die deutlichen Selbstzweifel auch Furcht vor dem Kommenden einzeichnet. Die fotografischen Selbstdarstellungen stehen in ihrem Wahrheitsanspruch und ihrer Schonungslosigkeit den Bildern kaum nach, wenn sich etwa Werner Rohde als skeptischer Clown ablichtet oder Kurt Kranz seine verschiedenen »Abwehrgesten« zu einem vielschichtigen Gesamtbild montiert.

Typisch für viele neusachliche Maler wie auch für die Fotografen der Zeit war die Beschäftigung mit den technischen Errungenschaften der Epoche. Wie kein anderer entdeckte der Maler Carl Grossberg das »Innenleben« der Fabriken, war von deren Apparaturen, Röhren und Leitungen, Kesseln und Ventilen fasziniert und gab sie in seinen Bildern mit ebenso großer Genauigkeit wie Rätselhaftigkeit hinsichtlich ihres Funktionierens wieder. Auch dazu gab es Entsprechungen in der Fotografie, wenn etwa Albert Renger-Patzsch das so geordnete wie verwirrende Innere eines Elektrizitätswerks porträtiert oder den »Knotenpunkt der Fachwerkbrücke« auf einer Aufnahme fast wie eine Eisenskulptur erscheinen lässt.

Christian Schad (1894-1982): Halbakt, 1924, Von der Heydt-Museum Wuppertal © Christian Schad Stiftung Aschaffenburg/VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Christian Schad (1894-1982):
Halbakt, 1924, Von der Heydt-Museum Wuppertal
© Christian Schad Stiftung Aschaffenburg/VG Bild-Kunst,
Bonn 2019

Ein zentrales Thema der nicht nur politisch unruhigen Zwischenkriegszeit, der »Roaring Twenties«, wie sie in der angelsächsischen Welt heißt, war die Erotik, die sich nicht selten als unverhüllte Sexualität zeigt. Christian Schads ›Halbakt‹ von 1929 ist ein typisches Bild der Epoche und zeigt eine im Schmelz ihrer nackten Haut daliegende junge Frau, die nicht deshalb im Profil gezeigt wird, weil sie etwa aus Scham zur Seite blickt, sondern die ihrer Attraktivität durchaus gewiss ist und sich den bewundernden Blicken der Betrachter selbstbewusst hingibt.

Auch der ›Weibliche Akt mit Gipskopf‹ von Georg Scholz befördert keinen falschen Voyeurismus, sondern stellt die warme und lebendige Nacktheit seines Modells gezielt dem kalten Material einer antikisch anmutenden Büste entgegen. Deutlich lasziver behandelt Karl Hubbuch die Thematik in seinem großformatigen Gemälde ›Die Drillinge‹, worauf das nämliche Modell dreifach in derber und provokanter Gestik zu sehen ist.

Das Kapitel Gesellschaftskritik, das so bestimmend für die Zwischenkriegszeit war, wird in der Hamburger Ausstellung etwas zu dürftig visualisiert. Das liegt nicht nur am Fehlen von George Grosz, dessen ebenso drastisches wie eben prägendes Schaffen völlig übergangen wurde, sondern an wirklich bedeutenden Werken aus diesem Themenbereich überhaupt. Conrad Felixmüllers mitleiderregender ›Zeitungsjunge‹ bietet dafür keinen rechten Ersatz, auch nicht die kritischen Bildmontagen etwa von Laszlo Moholy-Nagy oder Hannah Höch. In diesem Segment der ansonsten bemerkenswert qualitätvollen Ausstellung macht sich denn doch geltend, dass die ganz großen und die Epoche erhellenden gesellschaftskritischen Gemälde als Leihgaben offenbar nicht zur Verfügung standen.

| PETER ENGEL
| TITELFOTO: Ausstellungsansicht Welt im Umbruch (Ulrich Perrey)

Titelangaben
Welt im Umbruch – Kunst der 20er Jahre
Bis zum 19. Mai 2019
Bucerius Kunst Forum – Rathausmarkt 2, 20095 Hamburg

Katalog zur Ausstellung
Welt im Umbruch
München: Hirmer Verlag 2019
200 Seiten, 39,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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