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Keine Atempause – Musik aus Düsseldorf

Kulturbuch | Musik | S.Dreyer, M. Wenzel, T. Stelzmann: Keine Atempause – Musik aus Düsseldorf

Wenn ich heute an meine Kindheit zurückdenke, so erinnere ich mich vor allem daran, abends zusammen mit meiner um fünf Jahre älteren Schwester auf dem Boden zu sitzen, Canasta zu spielen und dabei Platten zu hören. Beinahe das ganze Jahr 1977 lang waren dies allabendlich nur zwei Schallplatten im Wechsel: Low von Bowie und Trans Europe Express von Kraftwerk. Seitdem ist mir die Musik der selbsternannten Musikarbeiter aus Düsseldorf ans Herz gewachsen. STEFAN HEUER über das neu erschienene Musikbuch Keine Atempause – Musik aus Düsseldorf von Sven-André Dreyer & Michael Wenzel (Texte) und Thomas Stelzmann (Fotos).

Keine Atempause – Musik aus DüsseldorfUnd nicht nur mir. Sie sorgt noch heute dafür, dass selbst japanische und amerikanische Fans ihr Leben nur dann als komplett betrachten, wenn sie sich einmal vor dem Eingang zum ehemaligen Kraftwerk-Studio in der Mintropstraße haben fotografieren lassen – natürlich standesgemäß mit orange-weißer Pylone.

Und sonst noch? Der durchschnittlich musikinteressierte Deutsche weiß vielleicht noch, dass auch die Toten Hosen aus der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt stammen – aber damit endet oftmals die Wahrnehmung auch schon. Kaum ein Hörer der besten Musik der 80er und 90er und der Hits von heute dürfte wissen, dass Düsseldorf eine breite Palette an national und international bekannten Bands und bereits seit den 1950er Jahren eine Musikszene zu bieten hat, die in der Republik ihresgleichen sucht.

Keine Atempause – Musik aus Düsseldorf von Sven-André Dreyer und Michael Wenzel ist eine wunderbare Gelegenheit, eben diese Wissenslücke zu schließen. Das 2018 erschienene Buch erwähnt die rege Jazz- und die mit ihr verbundene Kunstszene, Rock’n’Roll und Beat, hat seinen Mittelpunkt jedoch in den späten 1970er Jahren und eben der Institution, die als Brutstätte des deutschen Punks schlechthin gilt: dem Ratinger Hof, einer in seiner Hochzeit von Carmen Knoebel und Ingrid Kohlhöfer betriebenen Gaststätte in Düsseldorfs Altstadt.

Bis 1975 war der Ratinger Hof eine gemütliche Kneipe, wie es sie in jeder alten Derrick-Folge zu sehen gibt. 1976 gestaltete Carmen Knoebels Ehemann, der Künstler Imi Knoebel, die Räume dann radikal um. Weiß gestrichene Wände und Neonlicht sorgten dafür, dass sich das Stammpublikum veränderte, der Ratinger Hof entledigte sich seiner Althippies und -rocker und wurde Treffpunkt der Künstler der Düsseldorfer Kunstakademie (Immendorff, Beuys, Polke) und jener Musiker, die mit Schlager und Volksmusik nur wenig anzufangen wussten.

Schnell wurde der von allen nur »Hof« genannte Laden zum Dreh- und Angelpunkt der Szene, schon bald fanden Konzerte von bekannten Bands wie Wire, Dexys Midnight Runners und Male statt, immer aber war der Hof auch Bühne für noch unbekanntere Bands, von denen nicht wenige dort ihren ersten öffentlichen Auftritt hatten (und ja, auch ZK, die Vorgängerband der Toten Hosen, spielte dort ihr erstes Konzert) oder sich in seinem Umfeld gründeten (wie DAF). Der Ratinger Hof war Treffpunkt, Proberaum und Kontaktbörse, Forum für Musik, Bildende Kunst und Performance, hier wurde beim Bier diskutiert und ausprobiert und, ganz wichtig: Hier sah man und wurde gesehen.

Keine Atempause – Musik aus Düsseldorf setzt dem Ratinger Hof ein längst überfälliges Denkmal. In 20 Kapiteln lassen die Herausgeber verschiedenste Protagonisten der damaligen Zeit in ihren Erinnerungen kramen. Gelungenerweise beschränken sich diese Porträts nicht nur auf Musiker, und so kommen neben Bodo Staiger (Harakiri Whoom, Rheingold), Jürgen Engler (Male, Die Krupps), Ralf Dörper (Die Krupps, Propaganda), Andreas ‚Campino‘ Frege (ZK, Die Toten Hosen) und weiteren Musikern unter anderem auch die ehemalige Betreiberin Carmen Knoebel, der damalige Szene-Fotograf Richard Gleim, Che Seibert und Frank Fenstermacher (Betreiber der Galerie Art Attack), Kurt Dahlke (Musiker unter dem Pseudonym Pyrolator und Gründer des legendären Ata Tak-Labels) und Jimmy Radant (Diskjockey) ausführlich zu Wort.

Natürlich gebietet es die Logik, in der Dokumentation über eine Musik- und Kunstszene sauber recherchierte Fakten unterzubringen, Namen und Daten und Orte, das soll schon stimmen, und natürlich passiert das auch in Keine Atempause – Musik aus Düsseldorf, aber diese gute »handwerkliche Leistung« ist es nicht, was die Relevanz und Geschmeidigkeit dieses Buches ausmacht und bei mir für Lesevergnügen gesorgt hat.

Dieses Buch lebt vom Menschlichen, vom Sein-Wollen und Geworden-Sein, vom Aufbegehren, und es handelt von Träumen und Leidenschaften. Spürbar handelte es sich nicht um eine reine heruntergenudelte Auftragsarbeit, sondern um eine Liebhaberei, ein Herzensprojekt. Und während viele Herausgeber sich darauf beschränkt hätten, den Text mit alten Fotografien zu belegen, haben die Herausgeber die Protagonisten hier nach vielen Jahren erneut vor die Kamera von Thomas Stelzmann gebeten und sie an eben jenen Orten verewigt, die ihre Geschichten ins Jetzt führen.

Keine Atempause – Musik aus Düsseldorf spielt in der obersten Liga und bildet zusammen mit Der Klang der Maschine von Karl Bartos (ex-Kraftwerk) und der Biografie Das ist DAF mein persönliches Musik-aus-Düsseldorf-Dreigestirn.

| STEFAN HEUER

Titelangabe
Sven-André Dreyer, Michael Wenzel (Texte), Thomas Stelzmann (Fotos): Keine Atempause – Musik aus Düsseldorf
Düsseldorf: Droste Verlag 2018
192 Seiten. 25.- Euro
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