Erotik oder Fernsehen?

Roman | Helmut Krausser: Trennungen, Verbrennungen

»In Wahrheit bin ich absolut größenwahnsinnig. Ich wollte immer der beste Schriftsteller überhaupt werden. Als ich es dann geschafft hatte, war es gleich langweilig«, hatte Helmut Krausser vor einiger Zeit in einem Interview bekannt. Understatement ist nicht seine Sache, Krausser mag die klare Kante und das offene Wort. Der Schach- und Backgammon-Liebhaber, der mit gerade einmal 54 Jahren nun schon seinen 16. Roman vorlegt und der darüber hinaus auch äußerst fleißig Erzählungen, Gedichte, Tagebücher, Opernlibretti, Hörspiele und Theaterstücke veröffentlichte, pendelt oft und gern zwischen hohem künstlerischen Anspruch und klischeehaften Vereinfachungen. Hier sein neuester Roman Trennungen, Verbrennungen – rezitiert von PETER MOHR.

Trennungen, VerbrennungenIn Trennungen. Verbrennungen – den Titel darf man als Hommage an Theodor Fontane zu dessen 200. Geburtstag interpretieren – beleuchtet Krausser aus der Perspektive eines allwissenden auktorialen Erzählers in 121 kurzen Kapiteln die seelischen Befindlichkeiten seiner rund ein Dutzend miteinander interagierender Personen. Und da treten – um bei Fontane zu bleiben – allerlei »Irrungen und Wirrungen« zutage.

Die Handlungsfäden laufen zusammen bei der Familie des Archäologieprofessors Fred Reitlinger, der seiner Frau Nora regelmäßige amouröse Vergnügungen mit einem Nachbarn gestattet. Die Kinder bereiten den Reitlingers handfeste Probleme, die weit über die gewöhnlichen Eltern-Kind-Konflikte hinaus ragen. Tochter Alisha ist eine nervige Besserwisserin, eine altklug-missionarisch daher schwätzende Greta Thunberg im Bonsai-Format. Sie führt mit ihrem Vater alltagslinguistische Diskussionen um den Unterschied zwischen »Flüchtling« und »Geflüchteter« und steigert sich in einen verbalen Genderwahn hinein.

Tochter Alisha verliebt sich in ihre Kommilitonin Caro, die sich ihr Studium als Callgirl verdient und dabei ein wenig erfreuliches Erlebnis mit einem von Reitlingers Lieblingsstudenten hat. Jeder hat mit jedem zu tun, Krausser verknüpft hier Lebensläufe von Figuren unterschiedlichster sozialer Provenienz.

Reitlingers Sohn Ansgar hat eine Insolvenz hinter sich und ist plötzlich spurlos verschwunden. »Hatte ihn eine humanistische Erziehung lebensuntüchtig gemacht für die neoliberale Welt? Oder was? Der Junge war nie zu etwas gezwungen worden. Nie. Vielleicht zu ein paar Klavierstunden, das schon.«

Generationenkonflikt, Familiengeschichten, ein Stadtportrait Berlins – all dies hat Krausser hier filmtauglich arrangiert. Allerdings hat sein auktorialer Erzähler hin und wieder damit zu kämpfen, die Figuren (mit all ihren mehr oder weniger liebenswert drapierten Macken) nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Figuren wirken alle leicht überzeichnet, aber dennoch keineswegs unrealistisch. Die Übertreibung hat Krausser als Stilmittel hier beinahe perfektioniert. Permanente Reibungen, Unzufriedenheit, gegenseitiges Misstrauen, Versagensängste, vielleicht sogar latente Angst vor Veränderungen im eigenen Alltag prägen die Atmosphäre.

»Margret und Arnie tranken ein Glas Rotwein zusammen, nachdem sie die Kinder ins Bett gebracht hatten. Margret dachte darüber nach, ob sie ihrem Mann vorschlagen sollte, wieder einmal Sex zu haben. Kurioserweise dachte Arnold zur selben Zeit etwas ganz Ähnliches, nämlich ob es nicht wieder einmal soweit wäre, körperliche Lust vorzutäuschen, damit Margret nicht misstrauisch wurde.«

Als Leser muss man sich beherrschen, um bei solch tragikomisch und pointiert zugespitzten Dialogen nicht laut loszulachen – egal ob Rotwein oder Ingwertee mit Honig dazu konsumiert wird. Lebenslügen mit der ihr impliziten Sprachlosigkeit und generationsübergreifende Toleranzhürden hat Helmut Krausser schonungslos entlarvt und uns damit auch einen Spiegel vorgehalten. Nein, kein großes literarisches Kunstwerk, aber dennoch ein Buch, das uns zum Innehalten und Grübeln animiert. Und das sogar mit humorvoller Hintergrundmelodie.

»Eine gute Beziehung entscheidet sich heutzutage nicht im Bett, sondern vor dem Fernseher«, heißt es in der Handlung. Oder doch bei der gemeinsamen Lektüre eines kurzweiligen Krausser-Romans?

| PETER MOHR

Titelangaben
Helmut Krausser: Trennungen. Verbrennungen
Berlin: Berlin Verlag 2019
254 Seiten, 22.- Euro
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