Porträt der Künstlerin als junge Frau

Roman | Siri Hustvedt: Damals

Als geschicktes Vexierspiel, als schillerndes Kaleidoskop von Erinnerungen und Zuweisungen kommt Siri Hustvedts siebter Roman daher. Doch was geschah Damals wirklich? Helfen alte Aufzeichnungen und wiedergefundene Notizhefte, um das Geschehen zu erhellen? Von INGEBORG JAISER

»Das Gedächtnis ist nicht unzuverlässig. Es ist porös.« Was taugen unsere trügerischen Erinnerungen? Fabulieren wir uns in der Rückschau ein erfundenes Leben zusammen? Oder, in radikaler Umkehr: »Was ist Erinnerung, wenn sich mein früheres Selbst noch immer unverändert irgendwo da draußen befindet?« Nur wenige Menschen vermögen es, diese Fragestellung auf philosophische, erkenntnistheoretische, intelligente und zugleich unterhaltsame Weise zu verhandeln. Siri Hustvedt ist eine Meisterin darin.

Doch Vorsicht! Leicht wird man als Leser aufs Glatteis geführt. Eine Ich-Erzählerin mit den Initialen S.H. (was gern als Siri Hustvedt interpretiert werden könnte, doch steckt nicht auch ein bisschen Sherlock Holmes dahinter?) trifft mit nichts als einem Stipendium für vergleichende Literaturwissenschaften 1978 in New York ein.

Ich bin eine Andere

Für das unerfahrene Landei aus Minnesota wirkt die Großstadt wie das gelobte Land – ziemlich multikulti, ziemlich heruntergekommen, doch auch prickelnd aufregend mit seiner Bohème-Mythologie und der fahlen Anmutung verwelkender künstlerischer Größen wie Djuna Barnes oder Berenice Abbott. Tagelang flaniert die mittellose S.H. durch die Stadt oder liest sich durch die Bestände der New York Public Library (»In der Bibliothek hatte ich Flügel«), stets die Idee eines eigenen Detektivromans im Kopf. Denn an Ruhe ist in ihrem schäbigen Appartement eher nicht zu denken. Dort nervt ein mysteriöses psalmodierendes Wehklagen aus der Nachbarwohnung, in der eine gewisse Lucy Brite wohnt.

Vom Hunger geplagt, entwickelt S.H., »jene vornehme, junge, wenngleich arme Person mit dem erlesenen, verfeinerten literarischen und philosophischen Geschmack« eine Vorliebe für Vernissagen-Häppchen und für das, was man heutzutage Containern nennt. Trotzdem spart sie sich das Geld für ein Stethoskop quasi vom Munde ab – ein Stethoskop, um Wort für Wort das Jammern der unbekannten Nachbarin zu erlauschen und zu transkribieren. Das ergibt zusammen mit dem geplanten Detektivroman und sinistren Träumen ein wirres Konglomerat von Mord, Totschlag und Fenstersturz.

Erinnerungen an die Zukunft

Jahrzehnte später entdeckt die inzwischen 60jährige Protagonistin beim Umzug ihrer Mutter in ein anderes Pflegeheimzimmer ihre Notizbücher von damals. Staunend blättert sie durch die Aufzeichnungen, fördert längst Vergessenes zutage. So pendelt der Roman zwischen verschiedenen Ebenen und lässt seine Hauptfigur scheinbar schwerelos, aber höchst geschickt durch Minkowski Raumzeit schweben, als wären 38 Jahre Zeitunterschied geradewegs vernachlässigbar.

Memories of the future heißt Siri Hustvedts siebter Roman im Original – etwas einfallslos und schlicht in den deutschen Titel Damals übersetzt. Trotz falsch gelegter Fährten und irregeleiteter Motive sucht der Leser in diesem metafiktionalen Text intuitiv nach autobiographischen Zügen, legt Hustvedt doch in Interviews und Lesungen bereitwillig ihre Herkunft, ihre Privatleben, ihr Schaffenswerk offen. Als ehrgeizige Grenzgängerin zwischen brillanter Belletristik und Fachliteratur springt sie leichtfüßig zwischen den Genres hin und her und ist längst nicht nur für ihre Romane, sondern auch für neurowissenschaftlichen Artikel und Essays bekannt.

Knäuel von Fiktionen

Und dennoch krankt Damals an ermüdenden Längen, an ausschweifenden Ausführungen über belanglose Liebschaften oder psychotische Nachbarn. Selbst wenn sich die Autorin immer wieder bemüht, uns fast kumpelhaft bei der Stange zu halten: »Sagen Sie mir, wo die Erinnerung endet und die Erfindung beginnt? Sagen Sie mir, warum ich Sie als Reisegefährtin brauche, als meine jeweils liebe und launische Andere, meine Partnerin für die Dauer des Buchs. Wie kommt es, dass ich Ihren Schritt neben mir fühle, während ich schreibe? Sie fast pfeifen hören kann, während wir gehen?«

Wirklich wachgerüttelt werden wir in diesem auf fast 450 Seiten aufgeschwemmten Erinnerungsfluss nur durch vorhersehbare Katastrophen wie eine versuchte Vergewaltigung. Oder durch überraschende Preziosen wie die Ausführungen zur weitgehend unbekannten, exaltierten Dada-Künstlerin Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven. Die Spekulationen zu Geist, Erinnerung, Wahrnehmung sind trotzdem ein lohnenswertes Gedankenexperiment. Doch das hat Hustvedt schon in Sommer ohne Männer (2011) locker entlarvt: »Schließlich kann jeder von uns allen das Knäuel von Fiktionen entwirren, die jenes wacklige Ding bilden, das wir Selbst nennen.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Siri Hustvedt: Damals
Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald
Reinbek: Rowohlt 2019
443 Seiten. 24.- Euro
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