Die letzte Jagd

Roman | Elisabeth Herrmann: Schatten der Toten

Mit Schatten der Toten beendet die Berliner Autorin Elisabeth Herrmann ihre Trilogie um die Tatortreinigerin Judith Kepler. Noch einmal bringt sie alle Figuren zusammen, die in den beiden vorangegangenen Bänden eine Rolle spielten: Ost- wie Westagenten aus den Zeiten des Kalten Krieges, ihren nach dem Untergang der DDR unter dem Namen Bastide Larcan in den internationalen Waffenhandel abgetauchten Vater, den Undercover-Ermittler Frederick Meißner und dessen Tochter Tabea, Judiths Chef Klaus-Rüdiger Dombrowski, der für sie fast mehr empfindet als für die eigenen drei Töchter, und die inzwischen vom BND zum Verfassungsschutz gewechselte Isa Kellermann, die vom Ehrgeiz angetrieben wird, den international gesuchten Verbrecher Larcan endlich zur Strecke zu bringen. Ein Waffendeal, den deutsche Neofaschisten mit ostukrainischen Separatisten in Odessa planen, kommt ihr dabei gerade recht. Von DIETMAR JACOBSEN

Judith Kepler soll den nach einem Herzinfarkt im Koma liegenden Chef von »Dombrowski Facility Management«, Klaus-Rüdiger Dombrowski, dem sie ihr neues Leben nach Jahren im DDR-Waisenheim und dem sich daran anschließenden sozialen Absturz zu verdanken hat, eigentlich ersetzen, weil sie die Einzige ist, der der Mann das zutraut. Doch gerade jetzt, wo die Arbeit ihre volle Aufmerksamkeit erfordern würde, tauchen sie einer nach dem anderen wieder in ihrem Leben auf: die Schatten der Vergangenheit.

Quirin Kaiserley, Ex-BND-Topspion, stellt in Berlin ein Sachbuch über jene katastrophal schief gelaufene Operation des bundesrepublikanischen Auslandsgeheimdienstes im Jahr 1984 vor, in deren Verlauf Judith ihre Eltern verlor, um unter neuem Namen in einem Waisenheim auf Rügen aufzuwachsen. Isa Kellermann schmiedet nach dem Tod ihrer Mutter Eva, die als Sekretärin beim BND einst auf den als sogenannten »Romeo« im Westen Deutschlands operierenden Richard Lindner hereinfiel, neue Rachepläne gegen den nach der Wende in Russland unter dem Namen Bastide Larcan Untergetauchten. Und Frederick Meißner, dem Judith begegnete, als sie dem Nachbarsmädchen Tabea nach dem Tod von dessen Mutter in das kleine, von Neofaschisten zur »national befreiten Zone« erklärte brandenburgische Dörfchen Schenken gefolgt war, soll für Isa den Lockvogel spielen, um Larcan dazu zu bewegen, seine Deckung zu verlassen.

Die Schatten der Vergangenheit

Es ist ein raffinierter Plan, den Isa schmiedet. Einen Waffendeal, den deutsche Neofaschisten mit ukrainischen Paramilitärs in Odessa abwickeln wollen – Sturmgewehre und Panzerfäuste, die aus Kasernen der US-Streitkräfte in Deutschland gestohlen wurden, sollen per Schiff in die Ukraine verbracht werden – will sie an den russischen Geheimdienst verraten. Der soll ihr im Gegenzug Larcan ans Messer liefern. Dass die ihre Eltern rächen wollende Frau damit auch das Leben des den Transport begleitenden Frederick Meißner aufs Spiel setzt, ist ihr dabei genauso egal wie die Tatsache, dass sie ohne Wissen und Zustimmung ihrer deutschen Dienststelle, des Berliner Verfassungsschutzes, handelt. Allein sie hat ihre Rechnung wieder einmal ohne Judith Kepler gemacht.

Die Tatortreinigerin, die sich ein bisschen schwertut, in die Fußstapfen ihres Chefs zu treten, gerät erneut über das inzwischen bei ihrer Tante in dem kleinen thüringischen Ort Tröchtelborn lebende Mädchen Tabea in die Geschichte hinein. Denn das Judith ans Herz gewachsene Kind wird schwer krank und ihre Überzeugung, dass die Kleine in dieser Situation mehr als je ihren Vater braucht, lässt Herrmanns Heldin aufbrechen, um den Mann, mit dem sie mehr verbindet als eine flüchtige Liebesnacht, an seine Pflichten zu erinnern.

Und schon hat der Roman sie alle beisammen: Isa Kellermann, die ihrer Rache lebt, Frederick Meißner, für den die Operation in der Ukraine der letzte Undercover-Einsatz sein soll, Judith Kepler, die um ihr Glück kämpft, das sie sich an der Seite von Frederick und Tabea vorstellen kann, und Bastide Larcan, der Judiths Leben wie eine schwarze Wolke überschattet. Das Spiel kann beginnen!

Nicht der beste Roman der Autorin

Schatten der Toten ist nicht der beste Roman von Elisabeth Herrmann. Das liegt nicht nur an seinem Umfang – weniger wäre wohl mehr gewesen –, sondern auch und vor allem an der komplizierten Konstruktion. Der Geschichte zu folgen, verlangt dem Leser einiges ab, und auch die Kenntnis der beiden Vorgängerbände – Zeugin der Toten (2011) und Stimme der Toten (2017) – ist, obzwar hilfreich, nicht immer ausreichend, um sich in bestimmte Personenkonstellationen hineinzufinden. Hinzu kommt, dass unter den gelegentlich ziemlich ausschweifenden Beschreibungen, auch wenn sie als eine neue Qualität in Elisabeth Herrmanns Schreiben auffallen, nicht selten der Erzählfluss leidet.

Und Lesern, die im Osten unseres Landes groß geworden sind, dürften wie bereits in den beiden ersten Bänden der Trilogie Kleinigkeiten auffallen, die besser recherchiert hätten werden müssen, um das Ganze stimmiger erscheinen zu lassen. Denn Bachs Toccata und Fuge in d-Moll auf einer AMIGA-Schallplatte – das DDR-Klassik-Label hieß ETERNA – ist genauso falsch wie dass das kleine thüringische Dörfchen Tröchtelborn, zwischen Gotha und Erfurt gelegen, von »sanft geschwungenen Hügeln, wohl Ausläufer des nahe gelegenen Mittelgebirges Harz« umgeben ist. Bloß gut, dass das der Thüringer-Wald-Barde Herbert Roth nicht mehr lesen muss!

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Elisabeth Herrmann: Schatten der Toten
München: Wilhelm Goldmann Verlag 2019
669 Seiten, 15.- Euro
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