Das Grollen in den Träumen

Lyrik | Sascha Kokot: Zwei Gedichte

vor uns der Sandur im tiefen Frost
liegt die Ringstraße auf schwarzem Quarz
halb abgeräumt vor dem Ozean verkeilt
der Sockel vom Gletscherlauf aufgezehrt
gelangen wir nicht mehr zu den Kaltblütern
um sie in die geschützten Gehege zu führen
und uns vor dem Wintereinbruch einzudecken
so setzen wir zu den letzten Nachbarn über
senden von dort Anweisungen auf Kurzwelle
bis wir etwas erreichen das Plateau wieder offen ist
jagen die Meuten durch die Frequenzen und
lassen uns in den ewigen Nächten nicht schlafen
weil wir nicht sicher sein können
ob das nur die Sturmfront ist oder uns
schon das Rufen der Jährlinge durchfährt


sobald die Stadt zur Ruhe gekommen ist
kann ich die Tiere noch hören
ihre verhaltenen Rufe und Krallen
alte Streunpfade entlangwetzen
wo sich der Unrat verfängt und wüst modert
gruben sie die letzten unversiegelten Flächen auf
ihr Bau muss bis weit unter unsere Kellergewölbe reichen
sich in Hecken hinter Zäunen zwischen Gleisbetten öffnen
früher sah ich sie dort vereinzelt verschwinden
jetzt finden sich nur noch die Spuren ihrer Jagd
oder eine Losung als Hinweis auf das Grollen
das seit einiger Zeit in den Mauern zu spüren ist
und in meinen Träumen anschwillt

| SASCHA KOKOT

Sascha Kokot, 1982 in der Altmark geboren, lebt als freier Autor und Fotograf in Leipzig. Lehre als Informatiker, Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er erhielt verschiedene Stipendien und Preise, veröffentlichte in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften. 2013 erschien sein Debütband »Rodung« im Verlag edition AZUR, wo im Frühjahr 2017 auch sein zweiter Lyrikband »Ferner« herausgekommen ist.

Weitere Texte von Sascha Kokot enthält das Literaturmagazin WORTSCHAU, Düsseldorf, Ausgabe 34; es wird am Samstag, 2. November, 17 Uhr, von der Herausgeberin Johanna Hansen in der Galerie Splettstößer im Alten Rathaus Kaarst, Rathausstraße 3, vorgestellt.

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Mit dem Wohnwagen quer durch Deutschland

Nächster Artikel

Neue Erfahrungen

Neu in »Lyrik«

Beschriftungen

Lyrik | Wolfgang Denkel: Beschriftungen

Den Körper ablegen wie eine zu schwere Einkaufstasche.

Die Strafe der Unverbindlichen ist die Unverbindlichkeit.

Je aufmerksamer er wurde, um so fremder wurden die Anderen ihm. Und nicht – wie er geglaubt hatte – um so vertrauter.

Ein Totentänzchen geschafft

Lyrik | Peter Rühmkorf: Paradiesvogelschiß Paradiesvogelschiß heißt der letzte Gedichtband Peter Rühmkorfs. Kurz nach der Publikation ist der Achtundsiebzigjährige im Juni gestorben. Als seine lyrische Abschiedsvorstellung war das Buch wohl auch gedacht. Neben letzten Gedichten enthält es vornehmlich gereimte und ungereimte Selbstgespräche und Merkverse, Sentenzen und Aphorismen aus dem Nachlass zu Lebzeiten des Dichters von ihm selbst seiner Werkstatt entnommen. Von WOLFRAM SCHÜTTE PDF erstellen

Lyrische Viten in melancholischem Sound

Lyrik | Jan Skudlarek: elektrosmog STEFAN HEUER rezensiert Jan Skudlareks neue Lyriksammlung elektrosmog. Der bei Luxbooks erschienene Band wurde von Simone Kornappel illustriert. PDF erstellen

Vier Gedichte

TITEL-Textfeld | Martin Jürgens: Vier Gedichte Beauty-Case DEUTSCHLÄNDERIN I                                Ka-heienz, ich                                bin da drüben, ja? Und lacht. Es zieht Im airport Malaga Ein beautycase in Richtung duty–free, Zwei goldne Riemchen Um die Knöchel. PDF erstellen

Nullte Stunde

TITEL-Textfeld | Peter Engel: Nullte Stunde Ich atme mit dem Unterarm und schlucke mit den Augen, mit meinen Haaren höre ich, PDF erstellen