/

Frühe Impressionisten: ›Die Freiheit der Malerei‹

Ausstellung | ›Goya, Fragonard, Tiepolo. Die Freiheit der Malerei‹ in der Kunsthalle Hamburg

Glanzvolle Spitzenwerke aus einer Blütezeit der europäischen Kunst verbergen sich hinter dem Titel ›Die Freiheit der Malerei‹, unter dem die Hamburger Kunsthalle so unterschiedliche Figuren wie Goya, Fragonard und Tiepolo in einer Ausstellung auf neue Weise zusammenführt. Von PETER ENGEL

Anhand von rund 150 Gemälden und Graphiken wird in der Schau demonstriert, dass diese Maler am Ende des 18. Jahrhunderts eine Wende in der Kunstgeschichte befördert und in mancher Hinsicht dem späteren Impressionismus und damit der Moderne vorgearbeitet haben.
Sie lösten sich in ihren Bildern von überkommenen Konventionen und schlugen mit ihren künstlerischen Neuerungen eine Bresche für eine freiere Auffassung von Malerei.

Die bis zum 13. April nächsten Jahres gezeigte Schau bezieht ihre Faszination nicht zuletzt dadurch, dass es den Initiatoren gelungen ist, herausragende Gemälde aus Museen wie dem Prado in Madrid, der Londoner National Gallery, dem Amsterdamer Rijksmuseum oder der Albertina in Wien auszuleihen.
Aber auch die Hamburger Kunsthalle selbst, die über die bedeutendste Sammlung spanischer Graphik außerhalb Spaniens verfügt, trägt mit eigenen Glanzstücken zum stimmigen Gesamtbild der Ausstellung entscheidend bei.

Goya: Francisco de Asensio Julia
Francisco de Goya (1746–1828): Porträt des Asensio Julià , um 1798. Öl auf Leinwand, 54,5 x 41 cm. © Museo Nacional ThyssenBornemisza, Madrid

Der alles überragende Maler der neuen Hamburger Präsentation ist zweifellos der Spanier Francisco de Goya (1746-1828), dem die Kunsthalle schon 1980 unter dem damaligen Direktor Werner Hofmann eine bahnbrechende Ausstellung gewidmet hatte. Daran knüpft man jetzt in gewisser Weise an, indem Goya als der zentrale Maler seiner Zeit gefeiert wird.

Neben seiner häufig schon ironisch gebrochenen Hofkunst hat er in seinen Graphiken und späten Kabinettbildern eine technische und inhaltliche Freiheit sondergleichen erreicht. Er zeigt sich darin als Aufklärer, der die traditionelle christliche Ikonographie auf revolutionäre Weise umwandelt, kirchliche Institutionen kritisiert, den Aberglauben und die Unwissenheit des einfachen Volkes anprangert und nicht zuletzt für die Lern- und Lehrfreiheit eintritt. Das alles gemäß seiner berühmten Radierung, wonach der ›Schlaf der Vernunft‹ gefährliche Ungeheuer gebirt. Es ist dies eine Bild gewordene Mahnung des Malers, die auch in jüngster Zeit nichts von ihrer Dringlichkeit verloren hat.

Während sich Goya, von dem in Hamburg so zentrale Werke wie ›Die Tabakzöllner‹, das ›Selbstbildnis im Atelier‹ oder das ›Porträt des Don Francisco de Saavedra‹ zu sehen sind, als spanischer Hofmaler ohne Unterwürfigkeit behaupten konnte, erwarb sich der Franzose Jean-Honoré Fragonard (1732-1806) in Paris früh eine für die Zeit ganz ungewöhnlich selbständige Position.

Jean-Honoré Fragonard (1732– 1806): Das Dorffest, 1775–1780. Schwarze Kreide, grau laviert,  348 x 431 mm. © Rijksmuseum Amsterdam
Jean-Honoré Fragonard (1732– 1806): Das Dorffest, 1775–1780. Schwarze Kreide, grau laviert, 348 x 431 mm. © Rijksmuseum Amsterdam

Unabhängig von kirchlichen Aufträgen und vom alles dominierenden ›Salon‹ arbeitete er fast ausschließlich für private Kunstliebhaber und nahm dabei für sich eine künstlerische Freiheit in Anspruch, die ganz singulär war. Er war der Virtuose eines neuartigen ›flüssigen‹ Farbauftrags und entwickelte die entsprechenden Skizzen zu vollgültigen Bildern, die von Sammlern sehr geschätzt wurden. Seine Porträts schuf er häufig in kürzester Zeit mit dynamischen Pinselstrichen, so das eindrucksvolle Bild eines Abbes nachweislich in nur einer Stunde.
 
Seine artistischen Finessen erwies Fragonard nicht selten an mehr oder minder frivolen Motiven, wovon auch Proben in der Hamburger Ausstellung zu sehen sind, aber seine malerische Brillanz galt ebenso Landschaften oder Porträts. Sein Ölbildnis ›Der Philosoph‹ aus dem Eigenbesitz der Hamburger Kunsthalle zeigt Fragonards Meisterschaft in kennzeichnender Weise: Der Gewandärmel des Greises erweist sich in der Nahsicht als ein Bündel heller Pinselstriche, das Buch, das er hingebungsvoll studiert, ist aus eben solchen einzelnen Strichlagen zusammengesetzt.

Der gebürtige Venezianer Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770), der häufig mit seinem stilverwandten Sohn Giovanni Domenico (1727-1804) zusammengearbeitet hat, ist hierzulande vor allem durch seine prunkvollen Wandbilder im riesigen Gewölbe des Treppenhauses und im Kaisersaal der Würzburger Residenz berühmt geworden. Seine ›luftige‹ und lichte Malweise übertrug er mit viel Erfindungsreichtum auch auf seine Leinwände, von denen in Hamburg unter anderem eine ›Dornenkrönung Christi‹ und die Szene ›Christus in Gethsemane‹ gezeigt werden.

Die Tiepolos konnten sich vor Aufträgen der europäischen Herrscherhäuser kaum retten und hatten die freie Wahl, wo sie unter welchen Bedingungen tätig werden wollten, agierten im Prinzip wie freie Unternehmer.

Die in der Ausstellung ›Die Freiheit der Malerei‹ präsentierten Künstler sind sich nie persönlich begegnet, haben aber vom Schaffen der jeweils anderen Kenntnis gehabt. In einem Jahrhundert des Wandels, in den die große Französische Revolution von 1789 den nachhallenden Paukenschlag setzte, trugen sie auf je eigene Weise durch malerische Innovationen und neue inhaltliche Signale zu einem Umschwung in der Malerei bei, der sich im späteren Impressionismus erst voll entfalten sollte.

| PETER ENGEL
| TITELBILD: Francisco de Goya (1746–1828): Porträt des Asensio Julià, um 1798. Öl auf Leinwand. 54,5x41cm. © Museo Nacional Thyssen Bornemisza, Madrid

Ausstellungsangaben
Goya, Fragonard, Tiepolo – Die Freiheit der Malerei
Bis zum 13. April 2020
Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, 20095 Hamburg
Der Katalog zu der Ausstellung ist im Hirmer Verlag, München erschienen
336 Seiten, 316 Abbildungen in Farbe
24 x 28 cm, gebunden

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Lesehäppchen für zwischendurch

Nächster Artikel

Marshall-Inseln

Neu in »Ausstellung«

Kirchner kehrt zurück!

Ausstellung | Kirchner im KirchnerHAUS; Aschaffenburg Er zählt zu den wichtigsten Repräsentanten des Expressionismus und gilt als einer der produktivsten, aber auch schwierigsten Künstler des 20. Jahrhunderts: Der deutsche Maler und Grafiker Ernst Ludwig Kirchner, Gründungsmitglied der Künstlergruppe ›Brücke‹, litt zeit seines Lebens unter der vermeintlich unzureichenden Anerkennung seines Schaffens. Viele seiner Werke, einige davon bislang nie ausgestellt, sind nun in seinem Geburtshaus in Aschaffenburg zu sehen. JÖRG FUCHS über ›Kirchner im KirchnerHAUS‹ PDF erstellen

Klarer Tim, klarer Struppi

Comic | Ausstellung | Die Abenteuer der Ligne claire – Der Fall Herr G. & Co. Der belgische Zeichner Hergé perfektionierte in den 1930er-Jahren einen wegweisenden Stil: die »Ligne claire«. Sie kennzeichnet eine deutliche schwarze Umrandung, ihr Siegeszug führte sie rund um den Globus. Nun widmet das Cartoonmuseum Basel ihr eine eigene Ausstellung: Die Abenteuer der Ligne claire – Der Fall Herr G. & Co. Von VOJKO HOCHSTÄTTER PDF erstellen

Irgendwie geht’s immer weiter

Comic | Portrait: ›MAD‹-Zeichner Tomas Bunk Beim Comicfestival München ist Tomas Bunk vor wenigen Tagen mit einem Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden. Der Name dürfte nicht mehr jedem etwas sagen. Bunk ist jedoch ein Künstler, der nach holprigem Start in Deutschland eine beachtliche Karriere hingelegt hat (in USA gilt er heute als einer der letzten großen ›MAD‹-Zeichner). Wie das kam, ist derzeit in einer Ausstellung zu erfahren, die ANDREAS ALT sich angesehen hat. PDF erstellen

Schrecklich – Schön

Ausstellung | ›Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo‹

›Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo‹. Unter diesem provokanten Titel zeigt derzeit eine große Ausstellung im Städel Museum, wie kontrovers Künstler vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auf die sich verändernden Rollenbilder reagierten. Von PETRA KAMMANN

Easter Sunday in Harlem

Ausstellung | »Working Together: The Photographers of the Kamoinge Workshop«

Die wunderbare Ausstellung ›Working Together: The Photographers of the Kamoinge Workshop‹ im New Yorker Whitney Museum zeigte eine Perspektive afro-amerikanischer Fotografen der 1960er und 1970er Jahre. Die Bilder – voll Soul, Poesie und politischer Relevanz – beweisen: Black Photography Matters! Von SABINE MATTHES