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Marshall-Inseln

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Marshall-Inseln

Homo sapiens. Wer ließ sich das einfallen.

Ein Wissenschaftler, Susanne.

Klar. Du kriegst das heulende Elend.

Sie sind außerstande, sich wohnlich einzurichten, sind unfähig, sich zu integrieren, und nicht nur das, sondern sie zerstören, wo immer sie sich aufhalten, sei es in der Anatomie zu Zeiten der Anfänge der Medizin, sei es mit der Spaltung des Atoms in der zeitgenössischen Physik. Die Lunte brennt, der große Knall ist absehbar. Susanne, du lachst?

Alles ist Oberfläche, Tilman, und alles täuscht. Die Wissenschaft ist nur Teil davon, und der Urknall, anstatt daß er den Anfang der Zeiten begründet, er steht uns bevor.

An einem Tag im Spätherbst: Susanne hat sich eine leichte Erkältung zugezogen und sich einem wärmenden Schal umgelegt, selbstgestrickt, irische Schafwolle, matt türkisfarben, sie trinkt einen Kamillentee, zwei Löffelchen Honig, die beiden geben ein idyllisches Bild ab an diesem trüben Nachmittag.

Stimme, unterbrechend: Bei hellem Wetter glitzert die Lagune in lebhaftem, blauen Glanze, dessen Strahlenbette die fernen grünen Eilande zu entsprießen scheinen. Kristallene, die Lagune durchzitternde Lichtbündel gestatten dem verwunderten Auge einen Blick auf den Korallengarten drunten.

Der destruktive Trend des Industriezeitalters ist massiv, verstehst du, und schmeichelt sich ein, macht auf gut Wetter, sagt Tilman, raspelt Süßholz, zeigt aber schließlich, sobald der Mensch Zutrauen gefaßt hat, sein wahres Gesicht und schlägt kaltblütig zu.

Der Mensch merkt nichts?

Er merkt das nicht, nein, ihm fehlt das Sensorium, er liebt den Zucker und die Süßigkeit, er lehnt sich behaglich zurück, er läßt sich betören, und ehe er sich versieht, ist er überrumpelt, ihm fehlt die Distanz, du erkennst aber den Charakter der Dinge allein aus der Distanz, und wie soll er Distanz einnehmen, wenn ihn die Schleckereien verführen.

Du verteidigst ihn?

Ich verteidige ihn nicht, Susanne, nein, ich nehme nur seine Schwächen wahr.

Stimme, unterbrechend: In diesen äußern Küsten der Lagune liegt etwas ungemein Großartiges, eine große Einfachheit in dem barrenartigen Strand, der Einfassung mit grünem Buschwerk und hohen Kokospalmen, der festen Ebene von abgestorbenem Korallengestein und der Linie wütender, sich brechender Wellen, welche nach beiden Seiten hin fortrollen.

An seiner Eitelkeit kann man ihn fassen?

Das Maschinenwesen versetzt ihn in einen anhaltenden Rausch des Erfolgs, er feiert, was er Fortschritt nennt, als technologische Revolution, er überschätzt sich maßlos, er wiegt sich in dem Wahn, daß das kein Ende nähme, und schließt die Augen vor dem Schaden, den das Maschinenwesen anrichtet.

Verheerend.

Während der vierziger und fünfziger Jahre wurden über zwei Atollen der Marshall-Inseln Atombomben gezündet, die einheimische Bevölkerung war deportiert worden. Jetzt, ein dreiviertel Jahrhundert später, droht die Betondecke, unter der der radioaktive Abraum lagert, zu erodieren, und der steigende Meeresspiegel wird den Rest besorgen.

Plutonium-239 ist ein unvorstellbar tödliches Element, Tilman. Das ist die Lunte, sie brennt, und niemand ist da, sie auszutreten.

Seine Halbwertzeit liegt bei über vierundzwanzigtausend Jahren, es entsteht im Betrieb von Kernkraftwerken, wir erinnern uns an die diversen Demonstrationen gegen den Transport radioaktiver Brennstäbe, und bis heute weiß niemand, wo die kontaminierten Stoffe endgültig zu lagern wären. Die Natur selbst läßt Plutonium-239 nur in winzigsten Spuren zu, und zwar fest eingebunden in alte Gesteinsschichten.

Die Katastrophe hat längst eingesetzt, und nur der Mensch, wie üblich, er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Überall arbeitet aber ein verzweifelter Impuls, die dahinrasende Zeit auszubremsen, die destruktiven Abläufe aufzuhalten – der touristisch Reisende sammelt Impressionen einer sich verabschiedenden Welt, und wie wären Fotografie, Film, Fernsehen anders zu verstehen als ein ohnmächtiger sentimentaler Versuch, eine flüchtige Gegenwart zu bewahren, zu speichern?

Denk‘ ruhig weiter zurück, Susanne, denn schon die Geschichtsschreibung ist der Impuls, sich nicht damit abzufinden, daß die Dinge vergehen, sie kämpft dagegen an, und noch weiter zurück: Die Archäologie, wenn du so willst, sucht die frühen Kulturen zu rekonstruieren, der Mensch, verstehst du, hat unermeßliche Verlustängste.

Zurecht, Tilman, zurecht. Die ultimative Katastrophe wirft ihren Schatten voraus.

Mehr noch – er drängt darauf, daß auch das winzigste Areal von einem Geschmack, einem Duft oder einem Echo seiner Präsenz getränkt sei, er wehrt sich verzweifelt gegen den Eindruck, das Menschengeschlecht sei vergänglich, sei ein für allemal tilgbar, verloren, stell dir das einmal vor, es ginge auch ohne ihn, reibungslos ohne ihn, und von Erinnern keine Rede, null, tabula rasa, die Spezies ausgelöscht vom Planeten, erleichtert.

Er will das nicht wahrhaben, der Lärm seiner Musik betäubt ihn, sie lenkt ihn ab, sie ist allgegenwärtig wie das unablässige Geschwätz in all seinen Medien – dem Menschen ist nicht zu entkommen, er taucht überall auf, er hält sich für unentbehrlich, er redet seit neuestem vom Anthropozän.

Wenn es so ist, Tilman, kann er einem leid tun. Er bildet sich ein, die Abläufe zu kontrollieren, er habe die Dinge im Griff, er lobpreist seine Wissenschaft, und gleichzeitig hat er eine panische Angst davor, das, was er Kontrolle nennt, könne ihm entgleiten. Seine Sprache ist trügerisch, und ihm ist nicht zu helfen.

| WOLF SENFF
| Abb. USAAF, Operation Crossroads – Able 001, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

[Unterbrechertexte aus: August Erdland, Die Marshall-Insulaner, München 1914, S. 9, und: Charles Darwin, Reise eines Naturforschers um die Welt, Stuttgart 1875, S. 530]

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