Kinderbuch | Lucie Kolb: Suppenwetter oder eine Geschichte vom Stehlen, Schenken und Wegwerfen
Alles ist doof in der neuen Stadt, findet Annie. Die neue Schule, die neuen Klassenkameraden, das Alleinsein in der neuen Wohnung. Und dann entdeckt sie etwas Besonderes: ein Suppenfahrrad. Von ANDREA WANNER
Wenn einem der Magen knurrt und man friert – was gibt es da Schöneres als einen Teller heiß dampfender Gemüsesuppe. So geht es auch Annie, die die von Kurt angebotene Erbsensuppe einfach unwiderstehlich findet. Nass und kalt ist es, Annie hart den Hausschlüssel daheim vergessen und sich über alles und jeden geärgert. Aber plötzlich ist das alles nicht mehr so schlimm. Den da ist Kurt mit seinem ungewöhnlichen Gefährt, an dem kleine Gefäße hängen und über heißen Kohlen die Suppe dampft. Und er verspricht wiederzukommen – wenn Suppenwetter ist.
Eigentlich ist das eine ziemlich traurige Geschichte, in der es um Mobbing und alleinerziehende Mütter, um beinahe obdachlose Menschen, um Kaputtmacher und Pedanten geht. Mittendrin Annie, die mit Kurt quasi den ersten Verbündeten in der neuen Umgebung findet und mit Nikita den zweiten.
Nikita geht in Annies Klasse, interessiert sich für Wetterphänomene – glaubt allerdings nicht an die Existenz von Suppenfahrrädern. Aber die kann Annie beweisen, oder?
Lucie Kolb erzählt die Geschichte warmherzog und voller Sympathie für ihre Figuren, gerade für die Verlierer im Leben, die aber – so wie Kurt – durchaus kreativ damit umgehen. Seine leckere Suppe, mal mit Kartoffeln, mal mit Blumenkohl oder Karotten, verteilt er großzügig. Wer kann, gibt ihm ein paar Münzen dafür. Wer nicht kann, eben nicht. Dass die meisten Zutaten aus der Mülltonne des Supermarkts kommen, scheint keinen zu stören. Oder doch? Denn das ist ja schließlich Diebstahl und muss unterbunden werden. Kolb legt den Finger auf Wunden, wagt einen Blick in die Abgründe unserer Wohlstandgesellschaft, der für ein Kinderbuch verblüffend ist. Und sie schafft es, das Ganze als Abenteuer zu verpacken, ohne dass sie dabei kitschig wird. Das Leben ist nicht einfach. Und Lösungen, die einfach scheinen, sind es auch nicht immer.
Das Cover mit dem orangefarbenen Suppentopf und dem bunten Gemüse fängt die Stimmung des Buches wunderbar ein, noch ehe man mit dem Lesen begonnen hat. Es geht bunt und vielfältig zu, Menschen sind hilfsbereit, aber sie können auch gemein sein, freundlich und dann aber auch wieder ruppig und gereizt.
Aber eine leckere Suppe bei kaltem, regnerischem Wetter ist einfach etwas Feines. Ein Seelentröster. Und wenn der eine oder die andere sich dann doch darauf einlässt, wird die Welt irgendwann vielleicht doch ein bisschen besser.
Titelangaben
Lucie Kolb: Suppenwetter oder eine Geschichte vom Stehlen, Schenken und Wegwerfen
Grevenbroich: Südpol 2019
160 Seiten, 13,90 Euro
Kinderbuch ab 9 Jahren
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