Homo sapiens

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Homo sapiens

Weshalb es ihnen anders ergehen solle als den übrigen Lebewesen, sagte Gramner, sei nicht einzusehen.

Die Männer saßen um ein Lagerfeuer am Strand, die Nacht brach an, alles war gut, der Ausguck schlug ein Rad, Thimbleman kam zurück aus dem Wasser.

Sie werden ein Opfer der Flammen?

Der Flammen, Rostock, und der Stürme und der Fluten, der Planet bereitet ihnen ein Inferno, dem niemand entrinnt, Down Under liefert das heiße Vorspiel, das ist wahr, Down Under wird unbewohnbar, und wie immer werden hoch gelobte Wissenschaftler die Ereignisse in wohlabgewogenen Worten leidenschaftslos erklären können, und dort, wo die diversen Medien noch intakt sind, werden sie die Abläufe kommunizieren, es werden Dokumentationen gesendet, erschütternde Reportagen aus Regionen des Notstands, es wird massiv getwittert, man wird Hilfsleistungen ankündigen und wird zu Spenden aufrufen, Milliardäre werden ihr Scherflein beitragen, das komplette Programm halt.

Aber sie sind ohnmächtig?

Der Homo sapiens ist am Ende mit seinem Latein.

Fast zwei Jahrhunderte bleibt noch Zeit.

Verspielt, vertan, vergeudet. Du erlebst selbst, wie dieser Tage das Dampfschiff die stolzen Klipper verdrängt, die Segler werden ausgemustert, und Tag für Tag klingen süße Verheißungen von Seiten der Goldgräber. Du drohst unter der Propaganda für eine neue Zeit zu ersticken, in der das Leben leichter sein werde – ein Lügengespinst, und die Menschen strömen dennoch von überall her.

Aber zwei Jahrhunderte, wandte Rostock erneut ein.

Im Fluge sind sie dahin, der Mensch liefert sich aus, er ist nicht Herr seiner selbst.

Das Maschinenwesen usurpiert die Macht?

Es ergreift die Macht, Rostock, es ruft: »Fortschritt!«, es ruft: »Wachstum!« und tobt sich nach Belieben aus – der Planet ein Abenteuerspielplatz, der Mensch steht willfährig zu Diensten.

Wie aber paßt dazu, daß der Mensch das Anthropozän ausruft? London war skeptisch.

Nicht allein, daß er die Abläufe nicht verstehe, London, null, sondern er halte sich sogar für die Krone der Schöpfung, sagte Mahorner, stand auf und legte einige Scheite Holz in die Glut. Das Gegenteil sei der Fall, sagte er, er sei ihr Totengräber.

Pirelli wurde es zu heiß, er rückte weg vom Feuer.

Der Ausguck stand auf und ging einige Schritte, Thimbleman schloß sich an.

Eldin legte die Stirn in Falten, es war Nacht, und so viel Gewese regte ihn auf. Er blickte hinüber zur ›Boston‹, ob Scammon nicht käme.

Der Mensch wäre komplett irregeführt, fragte London.

Ach, irregeführt, sagte Pirelli, was heißt das schon, irregeführt. Wer läßt sich denn zwei Jahrhunderte lang sehenden Auges tiefer in einen Abgrund führen und merkt nichts davon. Nach allem, was mir zu Ohren kam, genossen die Menschen diese Jahrzehnte des Untergangs, der Rubel rollte, wer Geld besaß, hatte auch ein Dach über dem Kopf, es gab Armut, es gab Reichtum, und alles, so wurde verkündet, gehe voran und sei, wie es immer gewesen sei, so sei es gut und könne so bleiben.

Besser, sagte Mahorner: Besser!

Sie lachten. Mehr!, spotteten sie: Schneller! Höher! Weiter!

Rostock schenkte Whiskey nach. Der Zustand des Planeten, sagte er, sei den Menschen aber so was von egal. Rostock war schon nicht mehr ganz auf der Höhe und reichte die halb leere Flasche Bourbon vorsichtig an London weiter.

Korrekt, sagte Gramner, der Planet war ihnen egal.

Verantwortung, sagte Crockeye und nickte zustimmend, sei eben ein Konzept von vorgestern.

Pirelli war überrascht und fragte, ob das ein Sinneswandel sei.

Keineswegs, antwortete Mahorner und lachte verächtlich: Für Crockeye gelte der Satz, daß für alle gesorgt sei, wenn jeder an sich denke. Das sei, fügte er hinzu, der Leitspruch der Moderne.

Verantwortungslos, sagte Bildoon.

Was dabei herauskommt, sagte Pirelli, siehst du an den Zuständen in der Stadt.

Verwahrlost, ergänzte der Ausguck.

Crockeye blieb still. Er vermißte den Rotschopf, McGovern, den Zwilling, wo waren sie abgeblieben, die Memmen ließen ihn sitzen, und da stand ihm der Sinn heute wenig nach Streit.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Für jeden das passende Ziel

Nächster Artikel

Tierisches

Weitere Artikel der Kategorie »TITEL-Textfeld«

Sut erzählt von Eldin

Textfeld | Wolf Senff: Sut erzählt von Eldin Wir leben in bewegten Zeiten, sagte Sut, da werde es schwierig, die Erinnerung daran zu bewahren, geschweige denn, das Geschehen getreu zu überliefern. Manche unter uns bestünden darauf, daß die Fotografie eine große Hilfe sei, eine sensationelle neue Technologie, sagen sie, die eifrig perfektioniert werde. Sie konserviere, so werde versichert, sagte Sut, die Gegenwart in Bildern, doch das sei falsch, bewahre!, die Fotografie sei eine gefräßige Technologie. Der Mensch verstehe die Welt nicht und müsse argwöhnisch bleiben, absolut.

Marshall-Inseln

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Marshall-Inseln Homo sapiens. Wer ließ sich das einfallen. Ein Wissenschaftler, Susanne. Klar. Du kriegst das heulende Elend. Sie sind außerstande, sich wohnlich einzurichten, sind unfähig, sich zu integrieren, und nicht nur das, sondern sie zerstören, wo immer sie sich aufhalten, sei es in der Anatomie zu Zeiten der Anfänge der Medizin, sei es mit der Spaltung des Atoms in der zeitgenössischen Physik. Die Lunte brennt, der große Knall ist absehbar. Susanne, du lachst?

Taiping

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Taiping

Ein Aufstand, und deshalb, sagst du, flüchteten sie zuhauf über den Ozean, wie kommst du darauf, Thimbleman?

Sie erzählen es in der Barbary Row, die Welt ist aus den Fugen.

In deinem Alter solltest du dich nicht in zwielichtigen Spelunken herumtreiben. Aber es stimmt, in südlichen Provinzen Chinas tobt ein Aufstand, eine mächtige religiöse Bewegung gewinnt an Macht, 1851 wird das Königreich Taiping ausgerufen, das ist jetzt eine Handvoll Jahre her, und der Anführer ernennt sich zum Himmlischen König, fünfzehn Jahre lang, Wuhan wird erobert und Nanjing wird eingenommen, der Aufstand wird zwanzig bis dreißig Millionen Menschenleben fordern, die Welt ist aus den Fugen.

Zuflucht

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Zuflucht

Gramner lehnte sich zurück und stützte sich mit den Ellenbogen auf den Rand der mittschiffs ausgespannten Persenning. Die Ojo de Liebre, sagte er, ist unsere Zuflucht vor den Unbilden des Alltags.

Was redet er, fragte sich Rostock, unser Alltag ist hart, wir kennen keine Zuflucht.

Gramners Satz galt, davon war Mahorner überzeugt, allein für diese Tage der Fangpause, das war in der Tat ungewöhnlich, er sollte besser nicht so viel Aufhebens davon machen, sondern sich freuen, wie entspannt die beiden Jungen diese Tage nutzten: sie lagen am Strand, schwammen in der Lagune oder schlugen Salti.

Dieser Aufenthalt ist unser Alltag, flüsterte Bildoon, wir sitzen dem Teufelsfisch im Nacken. Dort, sagte er und deutete auf eine abtauchende Fluke.

Ferne

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ferne

Der Ausguck schälte sich aus der Dunkelheit.
Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer, die Flamme schlug hoch.
Seit wann reden wir über Krankheiten, fragte Crockeye irritiert, wir haben Verletzungen davongetragen, aber niemand sei krank.
Ein Walfänger, bekräftigte Pirelli, kenne keine Krankheit.
Es sei denn, der Koch tische eintönige Kost auf, mäkelte der Zwilling und warf einen Blick auf Gramner, die Stimmung war nicht besonders friedfertig, es ging auf Mitternacht zu.
Wir reden über ferne Zeiten, protestierte Gramner.
Zukünftige Zeiten, sagte der Ausguck.
Über Krankheiten der Moderne, sagte Thimbleman.