/

Leidenschaften

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Leidenschaften

Crockeye war außer sich, er hatte sie satt, die komplette Elite der ›Boston‹, die intellektuellen Vorredner, die alles besser wußten, nein, er hatte genug, er war restlos bedient, sogar die Zukunft, behaupteten sie, sei ihnen zugänglich, scheinheilige Sippschaft, wie wollten sie das wissen, niemand wußte das, und wie lächerlich war es denn, den Übergang zur Dampfschiffahrt als einen ersten Schritt ins Unheil verächtlich zu machen, so konnte es unmöglich weitergehen.

Wie stellt ihr euch das vor, fragte er, und daß der Mensch den Planeten ruiniere, behauptet ihr, wie könne das möglich sein, das Leben sei auf dem Planeten verwurzelt, und wenn eine Brigg Schiffbruch erleide, sei das doch kein Beweis des Gegenteils, ihr macht die Dinge unnötig kompliziert, ihr verdreht die Wirklichkeit, ihr beeinflußt die Menschen, damit sie die Welt falsch verstehen.

Wie stellt ihr euch das vor, wiederholte er, der Mensch richte den Planeten zugrunde und sich selbst, nein, sagte er, umgekehrt werde ein Schuh draus, sagte er, der Mensch ernte die Früchte des Planeten, seht die Goldgräber in der Stadt, sagte er, zwar seien sie kein umwerfend sympathisches Volk, gab er zu, doch sogar diese Menschen profitierten von den Früchten des Planeten.

Die westlichen Eroberer Amerikas, sagt ihr, sie hätten die Krankheiten erst eingeschleppt, schon die Spanier hätten die Pocken über den Ozean herüber gebracht, die Krankheiten, sagt ihr, seien unlöslich an die Ausbreitung der Industriegesellschaft geknüpft, deren neue Technologien und ihre globale Verbreitung führten stets unbekannte Seuchen im Schlepptau. Wer solle euch das glauben, fragte Crockeye, legte eine Pause ein und studierte sein Publikum. Er hatte sich den Ärger von der Seele geredet, war entspannt und lächelte dem Rotschopf zu.

Ob das jetzt die Zukunft sei, fragte Harmat.

Wir werden sie nicht erleben, sagte Bildoon, doch dem Menschen werde übel mitgespielt werden, er habe sich ja den neuen, vermeintlich innovativen Technologien und dem lautstark verheißenen Fortschritt nie in den Weg gestellt, sondern habe das Maschinenwesen gefördert, habe die Produktionsketten globalisiert, und nun stecke dieser so hochspezialisierte Karren tief im Morast.

Ein Gesamtkunstwerk, spottete Pirelli und lachte.

Gramner sagt, der Mensch des einundzwanzigsten Jahrhunderts werde ausgebrannt, geschwächt, anfällig sein, sagte der Zwilling, körperlich wie seelisch, sein schützendes Immunsystem werde schwach und brüchig.

Ein Abbild des Planeten, sagte McAlister.

Die Erde werde von Feuersbrünsten und Stürmen gebeutelt, die Pole würden schmelzen, die Meeresspiegel stiegen an, sagte Mahorner, nein, er denke sich das nicht aus, keineswegs, das harmonische Gleichgewicht, die Stille, aus denen einst das Leben erwuchs, sie seien dahin.

Wir werden das nicht erleben, sagte Bildoon.

Sanctus schwieg.

Die Industriegesellschaft habe den Planeten verwüstet, sagte Mahorner, die Luft, die der Mensch atme, sei von schädlichen Substanzen durchsetzt, die einst fruchtbaren Böden seien ausgezehrt, die Vorräte an Trinkwasser gingen zur Neige, die Ozeane seien vermüllt.

Wohin sich das Leben zurückziehe, fragte Harmat.

Es konzentriere sich zunehmend in den groben Energien des Planeten, sagte Pirelli, etwa in zerstörerischen Erdbeben, den vernichtenden Orkanen, der steigenden Hitze.

All das sei immens lebendig, sagte Bildoon.

Tobende Leidenschaften, sagte Rostock.

Der Mensch empfinde das als aggressiv, sagte Pirelli, als einen Angriff auf seine Lebensgrundlage.

Ein erneuertes Gleichgewicht ohne den Menschen, konstatierte Mahorner.

Crockeye schüttelte den Kopf. Wie konnte jemand, der auf Walfang zog und in dieser idyllischen Lagune der Baja California äußerst ertragreiche Gründe entdeckt hatte, seinen Kopf mit Sorgen um die Zukunft belasten? Sie würden mit ergiebiger Beute heimkehren.

Eldin legte die Stirn in Falten.

Rostock sah zu, wie der Ausguck am Strand einen Salto schlug. Oh, man stelle sich einmal vor, welchen Eindruck hier ein Kopfhörer hinterließe, rauschende Moderne in dieser abgeschiedenen, stillen Lagune – der Ausguck ließe seine Playlist abspielen, er wird vierzehn, das digitale Marketing hätte ihn längst als Target avisiert, das digitale Marketing streckte seine reißenden Krallen stets gezielt nach den Kindern aus, der Ausguck trüge sein Smartphone in der Tasche, das alles nennt der Mensch einen Fortschritt.

Thimbleman sprang von der Reling ins Wasser.

Bildoon erschrak.

Scammon saß wie gewöhnlich in seiner Kajüte und brütete über seinen Aufzeichnungen.

Touste summte ›A hard rain’s gonna fall‹.

Sanctus schwieg weiterhin beharrlich.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein altes Verbrechen

Nächster Artikel

Bevor das alles war im Leben

Weitere Artikel der Kategorie »Prosa«

Lücken

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Lücken

Die Situation sei verfahren, sagte Farb, zuallererst müsse man den trügerisch strahlenden Lack auflösen und einen Zugang zur Wirklichkeit schaffen.

Er warf einen Blick hinüber zum Gohliser Schlößchen.

Das Maschinenwesen habe sich die Deutungshoheit angeeignet, dessen erdrückende Version der Wirklichkeit komme für den Menschen einer Gehirnwäsche gleich, und es werde ein lange anhaltender, schmerzhafter Prozeß sein, sagte Farb, ein verzweifelter Kampf, diese falschen Bilder zu brechen und die echte Version freizulegen, die Version des Menschen.

Sut lehnte sich zurück und lächelte.

Ausweglos

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ausweglos

Walfang ist unsere tägliche Routine.

Wie meinst du das, Thimbleman?

Wir sind Teil einer Produktionskette, verstehst du, Ausguck, wir liefern die Energie, die erforderlich ist, um die Abläufe in der Stadt zu sichern – Licht in den Straßen, Schmierfett für Achsen, etc. Ohne uns sähe es schlecht aus.

So reden sie alle.

Du nicht?

In Aufruhr

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: In Aufruhr

Gehupft wie gesprungen, im Endeffekt bleibt es sich gleich, die feinen Leute werden sich einige Wochen länger über Wasser halten als alle übrigen, sie möchten um Himmels willen nicht sterben, ein andermal gern, doch bitte nicht jetzt, und, vor allem, sie können sich das leisten, verstehst du, darauf laufe es hinaus, das Leben hienieden sortiere sich am Mammon, und die feinen Leute seien Spielernaturen.

Halskette aus Haaren

Prosa | Franziska Gerstenberg: Solche Geschenke

Franziska Gerstenbergs Erzählungen skizzieren verstörende Suchbewegungen. Die Figuren irren ziellos durchs Leben – ohne Antrieb und ohne Ideale. Sie leben einzig von der Hoffnung auf eine positive Wende. Von PETER MOHR

Wette

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Wette

Wette, sagte Annika, sie habe mit Wette gesprochen, er sei daran interessiert, Doppelkopf zu spielen, was nicht als Absage zu verstehen sei, aber sie möge gern auch Hüttmann fragen.

Schön, sagte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne, die Farb auf der Pflaumenschnitte langsam und sorgfältig glattstrich.

Wette, sagte Farb, hatte Wette nicht Psoriasis, eine Zeitlang sogar im Gesicht, die Haut sei ein sensibles Organ.

So etwas grenze dich aus aus dem Alltag, sagte Tilman, du wirst nicht länger als zugehörig empfunden, doch allem Anschein nach sei das besser geworden.