Pommes und Mais

Kinderbuch | Rogé: Rogers Pommesbude

Nicht alle Hunde sind gleich. Manche mögen Briefträger beißen und Autos hinterherbellen, andere, wie Roger, denken lieber über das Leben nach. Und finden dann plötzlich eine Aufgabe und werden berühmt. Aber selbst das reicht nicht immer. Von GEORG PATZER

Rogers PommesbudeEr ist wirklich ziemlich lang. Vorne schaut die spitze Schnauze neugierig in die Welt, dann kommen drei große schwarze Punkte auf seinem langen Körper, und dann sein Schwänzchen. Wie ein langes Würstchen sieht er aus, ein Würstchen auf kleinen Stummelbeinchen. Dumm ist er nicht: »Roger war ein nachdenklicher Dackel. Seine Gedankengänge waren noch länger als sein langgezogener Hotdog-Körper.« Und das denkt er: »Wenn ich einen Hausmenschen hätte, würde ich ihm dann beibringen, Händchen zu geben? Wenn die Menschen Hunde wären, würden sie dann Hochhundehütten bauen?« Und so streift er durch die Stadt, überlegt sich, dass er als Mensch Astronaut werden könnte oder Stepptänzer oder Countrysänger oder Friseur. Aber er ist nun mal ein Hund: »Wuff! Das Leben ist so ungerecht…«

Als er aber einmal auf einer Parkbank sitzt, sieht er ein paar Kartoffeln aus dem Einkaufswagen einer alten Dame purzeln und über die Straße kullern. Und da hat er eine Idee. Baut einen alten Zirkuswagen um, schält Berge von Kartoffeln. Und eröffnet: Rogers Pommesbude. Und alle sind begeistert: der Pfarrer, der Polizist, die Schülerlotsin, der coole Typ auf dem Fahrrad, der Herr mit Hut und Krawatte, die schicke Dame mit den hochhackigen Schuhen und der riesigen Sonnenbrille: »Einfach himmlisch, dieser Geschmack.«

»Dank Hund-zu-Mund-Propaganda war Rogers Pommesbude bald Stadtgespräch.« Die Zeitungen berichteten, das Fernsehen kam zu ihm, und so machte er eine Tour um die Welt, damit auch die Menschen in Argentinien, China, Kenia und Kuba seine Pommes essen konnten. In Neu-Delhi gab es Curry dazu, in Kenia Schokoladensoße. Aber wieder zu Hause und zum Kartoffelkönig gekrönt, wird er melancholisch. Ruhm und Erfolg ist eben doch nicht alles.

Paté chinois

Eine witzige kleine Geschichte hat sich der kanadische Bilderbuchautor Rogé da ausgedacht. Natürlich geht sie gut aus: Roger findet die Maiskolbenkönigin Charlotte, eine Pudeldame, sie verlieben sich und zusammen verkaufen sie eine kanadische Pastetenspezialität aus Hackfleisch, Mais und Kartoffelpüree: Paté chinois. Die kennt in Kanada jedes Kind, und mit China hat sie nur auf Umwegen etwas zu tun: Als die Kanadier die große Eisenbahn quer durchs Land bauten, ließ der britische Chef die chinesischen Köche sein geliebtes »Shepherds Pie« machen, eben aus Hackfleisch, Mais und Kartoffelpüree, und da es billig war, blieb das Rezept im Land. So war es. Vielleicht.

Ein bisschen flach und oberflächlich ist die Geschichte von Roger allerdings, und auch die Wortwitze sind auf Dauer nicht so arg pfiffig: Statt »Menschenskind« sagt er »Hundekind«, er spuckt nicht in die Hände, sondern in die Pfoten, den Wagen bringt er nicht auf Vordermann, sondern auf Vorderhund, es gibt die Hund-zu-Mund-Propaganda… Anderes ist vorhersehbar: Kartoffelspaghetti in Italien? Tiefkühlpommes für die Pinguine? Da kann man einmal kichern, aber dann ist es auch schon gut. Es fehlen einfach der Zauber und die Phantasie, die besondere Bilderbücher ausmachen. Das heißt aber nicht, dass das Buch schlecht ist, denn schon die Grundidee ist witzig: ein philosophischer Hund, der die Menschenwelt genau beobachtet und sich über sie seine eigenen Gedanken macht. Aber es driftet dann doch zu schnell in eine klischeehafte Erfolgsgeschichte.

Rogers Pommesbude LEseprobe
Rogers Pommesbude
Leseprobe (Kunstanstifter Verlag)

Die Illustrationen mit ihrer flächigen Malerei, bei denen man fast jeden Strich noch sieht, sind dagegen voller Phantasie und witziger Details. Da wird der längliche Hund mit den hohen Häusern der Stadt gegenübergestellt, die Waagerechte mit dem Senkrechten. Da sieht man die stets freundlichen Menschen mit Kubikwürfel, Telefon oder Aktentasche hin und her hasten, ein Eisverkäufer rast auf seinem Fahrrad vorbei, der Friseur rasiert den Polizisten, jedes einzelne Haar ist auf dem weißen Kittel zu sehen, und ein zeitungslesender Mann hat sogar ein längliches Roger-T-shirt an. Und am Schluss sitzen Charlotte und Roger zusammen in ihrem kleinen Wagen, der jetzt »Rogers und Charlottes Pastetenreich« heißt. »Das Leben war wundervoll! Wuff!«

| GEORG PATZER

Titelangaben
Rogé: Rogers Pommesbude
(Le Roi de la Patate, 2011), übersetzt von Anne Thomas
Mannheim: Kunstanstifter Verlag 2020
36 Seiten, 22 Euro
Kinderbuch ab 4 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Endlich

Nächster Artikel

Aggression nach außen

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Entzweiungsfluch

Kinderbuch | Kate DiCamillo: Louisianas Weg nach Hause

Sie heißt Lousiana Elefante und ist die Heldin in Kate di Camillos neuestem Kinderroman. Und ihre Geschichte ist absolut unglaublich und wunderbar, findet ANDREA WANNER.

Hauptsache gemeinsam

Kinderbuch | Michael Engler: Polaah und das Rhabarber-Komp(l)ott

Auch heute noch, längst erwachsen, passiert es mir, dass ich etwas in den Auslagen der Einkaufsmärkte finde, was ich noch nie gegessen habe und dessen Namen ich nicht kenne. Ich habe mir vorgenommen, immer zu fragen und das Unbekannte dann mutig auszuprobieren. Das kann, wie das Bilderbuch ja auch zeigt, eine Menge Spaß machen, weiß BARBARA WEGMANN

Neuanfänge

Kinderbuch | Tamara Bach: Jakob und Jelena

An einer Stelle im Buch formuliert Jelena, dass man nach der Grundschule meint, Schule zu kennen und dann in der weiterführenden Schule feststellen muss, dass das nicht stimmt. Plötzlich ist alles anders, nicht nur für Jakob und Jelena. Alles geht weiter, nur eben anders. Von ANDREA WANNER

Nostalgie, unsentimental

Kinderbuch | Allen Say: Der Kamishibai-Mann »Früher …« So beginnt mancher Satz und meist hat er einen melancholischen Ton. Zudem gerät der Blick zurück leicht ins Verklärte. Nicht so bei Allen Say. Er blickt unsentimental auf Vergangenes und enthüllt dadurch die Schönheit, die alterslos ist. Von MAGALI HEISSLER

Die Uhr zurückdrehen…

Kinderbuch | Dana Reinhardt: Zoes Vierundzwanzig-Stunden-Zauber Manchmal wäre es genial, man könnte die Zeit einfach zurückdrehen und das, was schief gelaufen ist, beim zweiten Versuch besser machen. Schade, dass das unmöglich ist. Unmöglich? Für Zoe tun sich ungeahnte Chancen auf. Von ANDREA WANNER