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Worte oder Wörter?

Jugendbuch | Dirk Pope: Still!

Nichts mehr im rechten Winkel. Wenn sich Eltern trennen, leiden auch die Kinder. Und wie sie das verarbeiten, ist sehr unterschiedlich. Mariella zum Beispiel redet nicht mehr. Und das verursacht Probleme, für sie in der Schule, für ihre Mutter, für die Lehrer. Aber so richtig Verständnis hat dafür fast niemand. Außer Stan, der auch nicht redet. Von GEORG PATZER

Pope - StillSie redet nicht. Mit niemandem. Nicht weil sie stumm ist. Oder, weil sie Wörter nicht mag. Ganz im Gegenteil: Wörter mag sie sogar sehr, erforscht und analysiert sie: »Worte oder Wörter. Wie bildet man den Plural von Wort? Wörter haben keine Bedeutung, nicht unbedingt.« Worte manchmal auch nicht. Und überhaupt reden die meisten Menschen zu viel. 15.000 Wörter am Tag – da ist Mariellas Schweigen doch ein passendes Gegengewicht, oder?

Wie auch immer, sie redet nicht: »Weder mit meiner Mutter oder meinem Vater noch mit anderen Leuten. Klassenkameraden. Freundinnen oder Freunden, die ich nicht wirklich habe. Schon früher war ich recht einsilbig. Ja. Nein. Gut. Schlecht.« Dann hat sie aufgehört damit: »Mittlerweile ist mir selbst eine einzige Silbe zu viel. Das hat auch mit meinen Eltern zu tun. Oder mit dem, was davon übrig geblieben ist. Ein kleiner Rest, mit dem es nichts zu reden gibt. Und längst bin ich der Knoten in der Zunge, der erste und letzte Buchstabe jedes Schweigegelübdes, die Meisterin des Stillseins, stiller als die schwärzeste Nacht, als der tiefste Ozean.«

Vor einem Jahr ist ihre Mutter, nach der Trennung von ihrem Vater, mit ihr in diese Kleinstadt gezogen. Manchmal ruft ihr Vater an, und sie schweigt ihn am Telefon an. In der Schule hat sie es natürlich schwer: Manche ihrer Mitschüler verspotten und mobben sie – da bekommt sie schon mal mit voller Wucht einen Handball ins Gesicht geworfen. Manchen Lehrer ist ihr Schweigen egal, andere sehen es als Angriff auf ihre Autorität und wollen sie zum Reden zwingen. Einmal soll sie einen Deutschaufsatz vorlesen, obwohl die Lehrerin weiß, dass sie nicht redet. Und als sie dann vor der Klasse steht und liest, aber ohne einen Ton von sich zu geben, schleppt die Lehrerin sie zum Direktor. Der für sie auch kein Verständnis hat. Die Schulordnung soll sie abschreiben – und in der heißt es immer wieder, dass die Schüler vor allem still zu sein haben. Eine bittere Ironie, die wohl nur sie entdecken kann, mit ihrer Sensibilität für Wörter und für Worte.

Als ihre Mutter mit ihr zum Arzt geht, findet sie es schön, dass er ein Hausarzt ist. Sie weiß, dass es Hirnchirurgen, Kardiologen, Hals-Nasen-Ohrenärzte gibt. »Aber Ärzte, die sich primär um Häuser kümmern, sind mir die liebsten, denn wenn man mit Häusern spricht, bekommt man in der Regel auch keine Antwort.« Dr. Baumann versteht sie: »Er schaute mir in den Kopf, klopfte mich ab, und am Ende musste ich mich auf eine Waage stellen. Kopf drei Kilo. Arme und Beine 14. Rumpf 28. Zusammengesetzt wog ich rund 45 Kilo.« Dann fragt er ihre Mutter: »Isst sie denn normal?« Die Mutter missversteht den Satz als »Ist sie denn normal« und antwortet: »Das möchte ich von Ihnen wissen.« Und bei der Verabschiedung sagt er: »Wer nicht redet, ist ein guter Zuhörer. Und das ist ohnehin die bessere Sorte Mensch.« Was Mariella zu einer Überlegung über Menschensorten anregt.

Ihr Lieblingsplatz ist der Kula – der kurze Lange, ein nicht allzu hoher Aussichtsturm, dessen oberste Plattform abgesperrt ist. Dort oben sitzt Mariella oft und lässt die Beine ins Nichts baumeln. Hier stört sie niemand. Bis dann plötzlich Stan dasitzt. Der tatsächlich nicht reden kann und deshalb in der Gebärdensprache kommuniziert. Oder per Whatsapp auf dem Handy – was übrigens Mariella auch für ihre Mutter manchmal benutzt.

Dirk Pope hat einen spannenden Roman aus der Sicht eines Mädchens geschrieben, das ganz offensichtlich unter der Trennung ihrer Eltern leidet. Und vorher unter dem manchmal unterdrückten, manchmal offen ausgelebten Hass ihrer Eltern aufeinander. Sie mag keine graden Winkel mehr, denn die waren der Wohnung ihrer Eltern überwichtig: »Die Stühle wurden in exakt dem gleichen Abstand unter den Esstisch geschoben. Im Regal waren die Bücher nach Größe geordnet. Alle Bilderrahmen hatten die gleiche Farbe. Wenn wir zusammen aßen, lag das Besteck im rechten Winkel zur Tischkante, bevor es spätestens beim Nachtisch durch den Raum geflogen ist – allerdings nicht kreuz und quer, nicht einmal das. Teller zersplitterten genau in ihrer Mitte. Und ich erinnere mich an ein Messer, das horizontal im Türrahmen stecken blieb. Im 90-Grad-Winkel. Bei mir im Zimmer entscheidet jeder Gegenstand für sich, wo er liegen will.« Ihr Zimmer unter dem Dach ist krumm und schief, ihr Bücherregal ebenso, die Bücher immer in Gefahr abzustürzen. Ihr Fazit: »Ordnung ist das halbe Leben. Unordnung die andere Hälfte.« Sie hinterfragt alles, auch den Schmutz: Alle lieben es, in die Natur zu gehen, »überall gibt es Erde, Blütenstaub, Moos, Moder, Pilze, Exkremente und Tierkadaver«, aber wenn auch nur ein bisschen Schmutz ins Haus kommt, drehen sie durch. Als ein neuer Lehrer kommt, der fachfremd Englisch unterrichten soll, stellt sie fest, dass sie eigentlich ebenso fachfremd in seinem Unterricht sitzt. Und sie mag es nicht, berührt zu werden, der Fachausdruck gefällt ihr: Aphephosmophobie. Ein Wort mit drei ph.

Aber in all ihrer Verschrobenheit ist Mariella auch normal. Auf ihre Weise. Vielleicht ist sie ein bisschen sensibler als andere. Vielleicht leidet sie ein bisschen mehr als andere unter der Trennung ihrer Eltern. Aber sie ist keine schlechte Schülerin (außer in Mathe und Physik). Wenn man sie in Ruhe ließe, wäre alles nicht so schwierig. Aber das scheint nicht zu gehen, ihr Schweigen provoziert.

Als sie Stan kennenlernt, verändert sich alles ein bisschen. Von ihm fühlt sie sich verstanden, weil er selbst nicht redet. Mit ihm unterhält sie sich regelmäßig über Whatsapp, mit ihm geht sie in das portugiesische Restaurant von Joao, auch ein Stummer, dem Stan die deutschen Gebärden beibringt, die im Portugiesischen manchmal anders sind. Bei Stan fühlt sie sich aufgehoben. Und dennoch oder deswegen endet die Geschichte in einer Katastrophe, als ihre Mitschüler ihr das Handy klauen und die Nachrichten lesen.

Dirk Popes Roman nimmt eine interessante Entwicklung. Aus Mariellas Innensicht geschrieben, empfindet man sofort Sympathie und großes Verständnis für sie. Folgt ihren Argumenten, dass sowieso zu viel geredet wird (wer kennt das nicht?), und dass ihr Schweigen nur der persönliche Ausgleich dafür ist. Zumal sie auch wirklich sympathisch und sehr intelligent ist, ihr Hinterfragen auf ein Echo im Leser stößt. Die Katastrophen nehmen aber immer mehr zu: Am Anfang hat sie sich noch darüber beschwert, dass die Eltern sich zwar trennen, die Kinder aber kein Mitspracherecht haben. Als sie hört, dass ihr wohl etwas gewalttätiger Vater kommt und sie mitnehmen will, wirft sie alle ihre Sachen und Möbel aus dem Dachfenster – ein schon etwas bedrohliches und auch psychisch grenzwertiges Szenario, auch wenn sie es rationalisiert à la »Man hat ja sowieso zu viel Zeug«. Tatsächlich nimmt er sie einfach mit. Nur durch einen Trick kann sie sich von ihm absetzen und versteckt sich. Sodass der Leser nach und nach mitbekommt, wie Mariellas Leben wirklich ist.

Die Sympathie und Empathie bleiben bestehen, aber gleichzeitig wächst eine kritische Distanz zu ihr. Und man ahnt, dass eine letzte Katastrophe kommen muss, ahnt aber zum Glück nicht, wie schlimm sie sein wird. Und dass selbst daraus noch etwas Gutes erwächst. Nämlich ein Schritt zu einem selbstbestimmteren und verantwortungsbewussteren Dasein. Wie das geschieht, ist sensibel und sicher geschrieben und höchst spannend zu lesen.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Dirk Pope: Still!
München: Carl Hanser 2020
192 Seiten, 15 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren
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2 Comments

  1. Der Name der zweiten Hauptfigur stimmt nicht: Der Junge heißt nicht Jan, sondern Stan … Ein bisschen peinlich, weil das ja kein kleiner Schnitzer ist (die immer mal passieren).

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