Aufstand der Namenlosen

Kinderbuch | Jean Leroy: Wie heißt ihr denn?

Ein Blick auf die Hand genügt: wir kennen natürlich alle fünf Finger beim Namen. Und wer auf seinen Fuß schaut, stellt schnell fest, dass einem da wenig dazu einfällt. Ein Bilderbuch kümmert sich um diese Ungerechtigkeit. Von ANDREA WANNER

Wie heisst ihr dennEs ist schon immer so. Nur der große und der kleine Zeh haben Namen, großer und kleiner Zeh eben. Nicht besonders originell. Nicht mal der mittlere Zeh heißt Mittelzeh. Wir behelfen uns mit Umschreibungen, wie beispielsweise in einem Kinderreim:

Das ist der große Zeh, der braucht viel Platz, juchhe.
Das ist der zweite, der steht ihm zur Seite.
Das ist der dritte, der steht in der Mitte
Wer ist denn dieser hier? Das ist die Nummer vier
und der Kleine steht auch nicht alleine.

Kein Wunder, dass die Zehen sauer sind. Die beweglichen Glieder am Ende des Fußes wollen nicht länger ohne Namen durchs Leben marschieren. Und so überlegen sie sich was.

Der große Zeh schlägt eine alphabetische Benennung vor, bei ihm mit a beginnend. Der zweite ist fürs Durchnummerieren. Der dritte favorisiert das Tonsystem mit den Notennamen do, re, mi, fa, so. Der vierte denkt an Farben, der fünfte an verschiedene Obstsorten. So, und jetzt sollte sie sich eigentlich einigen, wie sie in Zukunft heißen wollen.

Das französische Duo Jean Leroy und Matthieu Maudet nehmen die fünf Protagonisten ernst. Jeder Doppelseite des stabilen Pappbilderbuchs zeigt den vorderen Teil des Fußes mit den fünf Kerlchen. Zwei Augen und ein Mund nach Strichmännchenmanier hauchen ihnen Leben ein und versetzen sie in die Lage, endlich ihre Interessen zu vertreten. Dass da jeder eine eigene Meinung hat, wundert nicht. Ihre Mienen spiegeln deutlich wider, was sie von dem jeweiligen Vorschlag halten. Aber alle kommen zu Wort, dürfen unterbreiten, was sie sich überlegt haben.

Der ansonsten weiße Untergrund ist passend darauf abgestimmt: liniert für die Buchstaben, tafelschwarz für die Kreidezahlen, Notenlinien für den musikalischen Vorschlag, blauer Himmel mit Sonne und Wölkchen für die Farbidee (und die Zehen tragen passend jeweils eine Sonnenbrille!) und eine grüne Wiese für die fünf Zehenfrüchtchen.

Das ist alles wunderbar übersichtlich präsentiert und am besten zieht man dazu die Socken aus und die eigenen Zehen machen gleich mit. Und ganz wunderbar ist die Lösung, die die fünf Freunde am Ende finden.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Jean Leroy: Wie heißt ihr denn?
Das Zehenspielbuch
(Les orteils n’ont pas de nom, 2010)
Illustriert von Matthieu Maudet
Frankfurt am Main: Moritz Verlag 2020
24 Seiten, 9,95 Euro
Pappbilderbuch ab 2 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Im Lauf der Zeit

Nächster Artikel

Nemos Korallenriff ist in Gefahr

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Ein ausgewachsenes Wunder

Kinderbuch | Caryl Lewis: Ein Sommer voller Wunder

Marty hat keinen besonders guten Start ins Leben. Der Vater hat die Familie verlassen, als Marty noch ganz klein war, die Mutter leidet am Messie-Syndrom und ihr Drang, Gegenstände aufzuhäufen und aufzubewahren machen das kleine Haus nahezu unbewohnbar. Der Junge versucht, in dem Chaos klarzukommen – und vergisst eigene Wünsche und Träume. Von ANDREA WANNER

Grenzenlose Freiheit

Kinderbuch | Harry Woodgate: Opas Camper

Opa erzählt seiner Enkeltochter aus der Vergangenheit. Eine wichtige Rolle spielt darin ein rosafarbener Camper, mit dem er die Welt erkundete. Von ANDREA WANNER

Ein Ritter und sein Hundepferd und ihre gefährlichen Abenteuer

Kinderbuch | Catharina Valckx: Edler Ritter Federico Wenn einer plötzlich zum Ritter wird, kann er was erleben: Kämpfe mit Monstern, Befreiung von Unschuldigen, ein Ritterleben ist nie langweilig. Dumm nur, wenn das Schlachtross ihm immer dazwischenredet. Aber dann kommt es doch noch zu einer Auseinandersetzung, die auch GEORG PATZER aufregend fand.

Ab ins Bett!

Kinderbuch | C. Saudo, K. d. Giacomo: Ins große Bett? Okay, ins Bett muss man abends. Auch kleine Elefanten. Bleibt die Frage: »In welches Bett?« ANDREA WANNER verfolgte gespannt einem abendlichen Gespräch und seinen nächtlichen Folgen.

Ein Küken auf Selbstfindung

Kinderbuch | Sebastian Meschenmoser: Chick

Ein Kinderbuch, das sogar einen wahren Hintergrund hat: Sechs kleine, frisch geschlüpfte Küken leben in einem Karton. Und eines dieser niedlichen Küken macht schon früh ganz energisch auf sich aufmerksam. Aber wie wird die Zukunft aussehen für die kleinen Federbälle? Sebastian Meschenmoser ist mit ›Chick‹ ein Bilderbuch mit sehr überraschendem Ausgang gelungen, meint BARBARA WEGMANN.