/

Intrigen im Dreikaiserjahr

Roman | Axel Simon: Eisenblut

Historische Kriminalromane zählen in letzter Zeit zu den auffälligsten Erscheinungen auf dem deutschsprachigen Thrillermarkt. Volker Kutscher, Susanne Goga, Kerstin Ehmer, Alex Beer, Angelika Felenda und neuerdings auch Dirk Kurbjuweit – sie alle haben sich die Goldenen Zwanziger als Hintergrund für ihre Romane ausgesucht. Nun geht Axel Simon noch ein paar Jahrzehnte weiter zurück. Eisenblut spielt im Dreikaiserjahr 1888 in Berlin. Und obwohl es bis zum nächsten großen europäischen Konflikt noch ein gutes Vierteljahrhundert hin ist, stößt der aus einer ostpreußischen Grundbesitzerfamilie stammende Gabriel Landow, der eine kleine Detektivagentur in Berlin betreibt, bei seinen Recherchen in drei Mordfällen auf eine Verschwörung jener Kräfte, für die Krieg selbst dann noch ein höchst profitables Geschäft darstellt, wenn man sich gerade mitten im Frieden befindet. Von DIETMAR JACOBSEN

Gabriel Landow schlägt sich, nachdem er von seinem Vater verstoßen wurde und vom ostpreußischen Gut der Familie nach Berlin geflüchtet ist, mehr schlecht als recht als Privatdetektiv durch. Man schreibt das Jahr 1888, Dreikaiserjahr genannt, weil innerhalb von kürzester Zeit drei Potentaten den preußischen Thron besteigen. Nach Kaiser Wilhelm I. übernimmt am 9. März dessen Sohn Friedrich Wilhelm für gerade einmal 99 Tage die Macht im deutschen Reich. Als er, seit gut einem Jahr an Kehlkopfkrebs leidend, am 15. Juni schließlich seiner Krankheit erliegt, folgt ihm wiederum sein ältester Sohn als Kaiser Wilhelm II. auf den Thron. Der ist gerade einmal 29 Jahre alt – ein Grünschnabel, von dem sich Reichskanzler Bismarck erhofft, dass er seinem Machtstreben nicht allzu viel Widerstand entgegensetzen wird.

Wenn Axel Simons Romanerstling Eisenblut beginnt, zeigt das Kalenderblatt den zweiten Mai 1888. 44 Tage sind es noch bis zum Tod des schwerkranken Friedrich Wilhelm und deren Vergehen strukturiert das in zwei Teile und 39 Kapitel untergliederte Buch. Am Romanende wird sich der Leser mit den beiden Helden – zu Landow stößt noch der Ex-Zirkusartist Orsini, der nach einem Unfall in der Arena einen Arm verloren hat und sich aktuell von Taschendiebstählen ernährt – am 19. Juni des Dreikaiserjahrs, also vier Tage nach dem Tod Friedrich Wilhelms und der Thronbesteigung durch dessen Sohn, wiederfinden.

Ein verarmter Landadliger und ein einarmiger Taschendieb

Eine Menge lässt der Roman in diesen knapp anderthalb Monaten geschehen. In Berlin hofft ein Frauenmörder darauf, dass seine grausamen Taten endlich die erhoffte öffentliche Aufmerksamkeit finden. Im ostpreußischen Steinhagen wirtschaftet Gabriels Zwillingsbruder Perikles das vom Vater übernommene Gut herunter und entzweit sich auf immer mit der Mutter. Und Gabriel selbst wird von einem geheimnisvollen Konsortium im Berliner Innenministerium angeheuert, die Hintergründe dreier Morde an Reichsbeamten, die an streng geheimen Militärprojekten gearbeitet hatten, abzuklären. So richtig scheinen die Herren Ministeriellen freilich nicht an einem Ermittlungserfolg interessiert.

Im Übrigen herrscht zur Zeit gerade Frieden. Allein hinter den Kulissen bereitet man säbelrasselnd bereits die Kriege der Zukunft vor. Und das sollen moderne Kriege werden, Materialschlachten mit ausgeklügelten Mordwerkzeugen. U-Boote und waffenstarrende Flugapparate entstehen bereits auf den Reißbrettern deutscher Ingenieurbüros. Die Kanonen der Krupp-Werke werden immer größer und sind mittlerweile in der Lage, den Tod kilometerweit hinter die feindlichen Linien zu tragen. Das von dem amerikanisch-britischen Erfinder Hiram Maxim 1885 entwickelte Maschinengewehr verschießt bis zu 600 Kugeln in der Minute, Carl Benz sorgt dafür, dass mehr Pferdestärken als bisher die Technik dorthin befördern, wo sie ihre verheerende Wirkung entfalten soll. Und am Exempel von drei lebenden Wanderratten beobachtet man anlässlich eines Investorentreffens bereits die tödliche Wirkung winzigster Mengen einer neuen Substanz namens Senfgas. Das alles zusammen verspricht riesige Profite für diejenigen, die schon heute bereit sind, auf die Kriege von morgen zu wetten – und von denen gibt es mehr als genug.

Tote lesen keine Märchen

Eisenblut ist da am besten, wo es seinen Blick auf die Zeit richtet. Als Kriminalroman will es hingegen nicht so richtig funktionieren, weil sich für den Leser zu viele Fragen ergeben, die der Roman nicht zufriedenstellend beantworten kann. Warum etwa sollte sich jemand die Mühe machen, drei toten Ministeriellen Grimms Märchenbuch in die Hände zu drücken – mit je einer extra für den Ermittler Landow markierten Textstelle? Was haben Gabriel Landows Bruder Perikles und eine geheimnisvolle Schönheit, die ebenso verführerisch wie gefährlich ist, mit den militärischen Geheimplänen zu tun, hinter denen unterschiedliche Mächte her zu sein scheinen? Und warum heuert man Landow überhaupt erst an, wenn man letzten Endes gar keine Ermittlungsergebnisse von ihm erwartet?

Weil so viel passiert in Axel Simons Debütroman, verliert man als Leser gelegentlich nicht nur die Übersicht, sondern auch die Geduld. Nebenfiguren wie die Mutter der Landow-Zwillinge oder der Frauenmörder aus Schlitz (!) nehmen zu viel Raum ein, auch wenn sie durchaus interessant angelegt sind und die Geschichte um Hans, den Killer, der sich nach medialer Anerkennung sehnt, am Ende noch eine überraschende Wendung bereithält. Über seine kompositorischen Schwächen und logischen Leerstellen vermag dann auch eine Sprache nicht hinwegzutrösten, die sich von der etlicher anderer Debüts wohltuend unterscheidet. Auf sie sollte Axel Simon freilich zuallererst bauen, wenn er – was wohl der Plan ist – die nächsten Abenteuer von Gabriel Landow in Angriff nimmt.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Axel Simon: Eisenblut
Hamburg: Kindler 2020
413 Seiten. 20.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Zum Staunen braucht man etwas Zeit

Nächster Artikel

Wie leben die Tiere auf dem Bauernhof?

Neu in »Krimi«

Stadt ohne Engel

Comic | Ellroy / Hyman / Matz / Fincher: Black Dahlia James Ellroys ›The Black Dahlia‹ beruht auf einer wahren Begebenheit. Das Buch ist ein Klassiker des Crime Noir. Verfilmt wurde es von Brian DePalma, an der Comic-Adaption war Star-Regisseur David Fincher beteiligt. Eine deutschsprachige Ausgabe kam letztes Jahr bei Schreiber & Leser heraus. Von CHRISTIAN NEUBERT PDF erstellen

Neu und frisch aus Magdeburg jetzt; aus Erfurt in Kürze

Film | Im TV: Polizeiruf 110 – Der verlorene Sohn (MDR), 13. Oktober Der Polizeiruf Der verlorene Sohn entführt uns in die rechtsradikale Szene Magdeburgs. Gut, das ist nicht eben originell, aber es ist Realität. Die Absicht, einmal wieder Politik zu thematisieren, ist lobenswert, auch wenn die CDU bereits vor Ausstrahlung via BILD zu bedenken gab, das Bild Magdeburgs, das dieser Polizeiruf zeichne, könne sich negativ auf den Tourismus auswirken. Ojeh, Probleme haben die Leute! Von WOLF SENFF PDF erstellen

Bluttaten im Burgtheater

Krimi | Koytek & Stein: Wien kann sehr kalt sein ›Wien kann sehr kalt sein‹ ist der vierte Fall für den ehemaligen Polizisten Conrad Orsini, den die beiden Autoren Lizl Stein und Georg Koytek – sie von Hause aus Musikerin und Komponistin, er 16 Jahre als Tontechniker am Wiener Burgtheater beschäftigt – erfunden haben. Diesmal geht es für den risikofreudigen Mann »undercover« auf Österreichs Vorzeigebühne. Orsinis Ex-Kollegin Paula Kisch von der Wiener Kripo hält ihm bei diesem gefährlichen Job wie immer den Rücken frei. Und schon bald ist klar: In dem berühmten Musentempel gibt es kaum jemand, der nicht von

Reiko Himekawas zweiter Fall

Roman | Tetsuya Honda: Stahlblaue Nacht Mit Blutroter Tod hat der S. Fischer Verlag vor Jahresfrist damit begonnen, die in Japan äußerst erfolgreiche Thrillerreihe um Tokios jüngste Polizistin Reiko Himekawa auch deutschen Lesern zugänglich zu machen. Die ersten Reaktionen der Kritik lasen sich verheißungsvoll. Nun liegt mit Stahlblaue Nacht – Der deutsche Titel des nicht aus dem Japanischen, sondern aus dem Englischen übersetzten Romans ist schlichtweg scheußlich! – Band 2 der Serie vor. Er steht seinem Vorgänger weder an Spannung noch an der raffinierten Konstruktion des Erzählten nach. Von DIETMAR JACOBSEN PDF erstellen

Aus dem Ruder gelaufen

Film | Im TV: ›TATORT‹ – Der Maulwurf (MDR), 21. Dezember Friedhöfe erfreuen sich außergewöhnlicher Beliebtheit, sie liegen voll im Trend, ehrlich. Wer auf sich hält, fühlt sich heimisch auf dem Père Lachaise, dem St. Louis Cemetery No. 1 und dem Zentralfriedhof an der Simmeringer Hauptstraße, längst gibt es wie die Liste der fünfzig, wahlweise hundert größten Fußballstadien eine ähnliche Liste von Friedhöfen, die man einen nach dem anderen bereist, auf der To-do-Liste abhakt und gern auch mit Selfies ausstattet, Jim Morrison für die Jüngeren oder Hans Albers für die Älteren, das Jenseits organisiert sich bestens und liefert für jeden.