Ein alter Lehrer und die Protokolle der 10b

Jugendbuch | Tamara Bach: Sankt Irgendwas

Eine Klassenfahrt zum Abschluss des Schuljahrs, in den Süden. Was kann da schon schiefgehen? Leider alles. Denn Herr Utz ist alt und konservativ, seine Pädagogik besteht vor allem aus Verboten, Vorschriften und Strafen. Das geht eine Weile gut, dann immer weniger. Bis es zum großen Knall kommt. Von GEORG PATZER

St irgendwas»Hast du was gehört von der b?« »Wieso gehört? Was ist denn passiert, ist was passiert?« »Auf der Klassenfahrt.« »Ich hab gehört, dass die jetzt alle verwarnt sind.« Lauter Gerüchte, keiner weiß wirklich, was auf der Klassenfahrt passiert ist. Drogen, Sex, ein Brandanschlag? »Was ist denn eigentlich passiert?« »Ich hab gehört, die haben was in die Luft gejagt. Am Flughafen.« »Wie jetzt? Alle haben was in die Luft gesprengt? Wie soll das denn gehen, wer hat das denn erzählt?« Der ganze Pausenhof ist in Aufruhr. Eine ganze Klasse ist verwarnt worden. Aber keiner weiß was, die ganze Klasse schweigt. Und wo waren sie überhaupt? In Italien, Kroatien, Frankreich? Irgendwo am Meer, so viel ist klar. »Ich weiß, dass die in irgend so ein Kaff gefahren sind. Irgendwas Heiliges. Sankt Irgendwas oder Santa Weißnichwer.« »Weißte, am Schluss kommt raus, dass eigentlich nur irgendwer eine Zigarette in einen Mülleimer geworfen hat und der ein bisschen vor sich hin geraucht hat.« »Stille Post.« »Eben.«

So fängt der neue Roman von Tamara Bach an, und das ist das Ende der Geschichte. Was wirklich passiert ist, wird in Protokollen erzählt, die die 10b schreiben muss, jeden Tag ist jemand anders dran. Viel Quatsch ist dabei: »23.25: Denke mit Ole über die Weltherrschaft und unsere Beteiligung daran nach.« Oder: »00.17: Jamie schlägt vor, Sofia am Ende der Weltordnung, wie wir sie kennen, zu beteiligen. Es läuft Musik. Niemand hat mit dem schlechten Geschmack von Sarah gerechnet.« Denn Handys etc. sind verboten, aber Sarah hat einen MP3-Player mitgebracht, mit 1 GB Musik: »Es stellt sich heraus, dass basisdemokratisch über den Gebrauch der Musikanlage abgestimmt werden kann.«

Und so fährt die 10b mit den beiden Lehrern, Herr Utz und Frau Kaiser (»Die mit den Haaren.« »Die mit den sehr roten Haaren.«) auf eine einwöchige Klassenfahrt. Während Frau Kaiser nett und verständnisvoll ist, ist Herr Utz autoritär, folgt uralten pädagogischen Konzepten und ist schon im Unterricht langweilig. Er duldet keinen Widerspruch und hat auch offensichtlich keine Lust mehr – er steht kurz vor der Rente. Natürlich hat er einige Schüler auf dem Kieker, aber er behandelt alle 16-Jährigen wie Kinder.

Herr Utz dreht durch

Und so wird die 10b in einem Bus durch die Dörfer und Museen gehetzt, in einem sehr dichten Zeitplan: Waffenmuseum, Basilika, Tropfsteinhöhle, Stadtmauer, Rathaus, Festung, Burg, Botanischer Garten, historischer Dorfkern. Naturkundemuseum. Zu jedem Punkt müssen immer zwei Schüler ein Referat halten, auch wenn man alles schon von den hauptamtlichen Führern gehört hat. So gedrängt ist der Zeitplan, dass es Hektik gibt, wenn der Bus in einen Stau kommt. Die Folge davon ist, dass es keine Pausen gibt und auch mal das Mittagessen ganz ausfällt oder in einer Viertelstunde heruntergeschlungen werden muss. Einmal lässt Utz sogar den Bus ohne Pavel und Paul losfahren, die noch auf der Toilette sind, sodass sie hinterherrennen müssen.

Und als die Jugendlichen nach einer anstrengenden Wanderung nicht sofort zum angekündigten Vortrag des Herbergsvaters kommen, zieht Utz die Schraube noch mal an und sagt, dass »die gesamte Klasse Küchendienst hat nach dem Abendessen. Auch wenn nur einer fehlt. Und dann haben Pavel und Josch und Sofia gefehlt.« Am nächsten Morgen hat Herr Utz dann »die Lobby zusammengeschrien, ist vor den dreien hin und her marschiert und hat immer wieder von Benimm und Verantwortung und Etikette und Regeln gesprochen.« Und wollte die Klasse gegen die drei aufhetzen, »dass wir die drei fertigmachen, aber das ist nicht passiert. Richtig herausgefordert hat er das. Stand da und sagte zum Rest der Klasse immer wieder: ›Und, wie gefällt euch das, dass ihr wegen eurer Kollegen Strafarbeit kriegt?‹ Aber der Protokollant erfasst es ganz richtig: ›Wir bekommen die Strafarbeit nicht wegen unserer Kollegen, sondern weil Sie es wollen. Auf Teufel komm raus.‹«

Und so geht es immer weiter auf dieser vermurksten Klassenfahrt. Herr Utz hetzt die Klasse in der größten Hitze auf einen Berg und verläuft sich, will es aber nicht zugeben. Bei der Tropfsteinhöhle macht er einen sexistischen Witz darüber, dass man sich gut merken kann, dass Stalaktiten von oben nach unten wachsen, »weil Titten hängen«. Immer wieder verdonnert er die Klasse zu Strafarbeiten, schreit sie an, droht ihnen mit schlechten Noten und versucht, sie gegeneinander auszuspielen. Immer wieder versucht Frau Kaiser das zu mildern, spricht manchmal privat mit Herrn Utz, oder die Köchin in der Herberge merkt, was gespielt wird, und tut so, als wenn die Jugendlichen in der Küche stören würden. Alles, was passiert, nimmt Utz persönlich. Als dann plötzlich ein Handy klingelt, obwohl die verboten sind, dreht Utz völlig durch. Die Klasse weiß, wem es gehört, und dass es wichtig ist, dass er bei einem Notfall angerufen werden kann, aber sie schweigt. Trotz der Strafen.

Genau austarierte Sprache

Von zwei Dingen lebt das Buch: von der Spannung, die sich sehr langsam aufbaut, und der Sprache, die kein Jugendslang ist, sondern die von reflektierten 16-Jährigen, mit allen Abschweifungen und Witzchen, die man in dem Alter in ein Protokoll einflicht. Vor allem, wenn sie sich langweilen oder wenn sie dann später genau wissen, dass sie es sowieso nicht abgeben werden – am Schluss tun sie so, als sei das Protokoll verschwunden. Viel Situationskomik ist dabei. So überlegen sie einmal im Bus, wie man Utz entstressen könnte: »Ob Kamillentee und Massagen reichen würden, Baldrian. Oder ob man zu Illegalem oder Verschreibungspflichtigem greifen sollte. Von vorne und von hinten schalten sie sich ein. Für Kamillentee ist es angeblich zu spät.« oder wenn die Protokolle von anderen kommentiert werden, sodass sie quasi mehrstimmig werden. Oder wenn sie die Pädagogensprache von Frau Kaiser auf die Schippe nehmen: »Die Kaiserin sagt, dass wir ja zwei Stunden für dieses Museum haben und wir uns deshalb alles SEHR GENAU anschauen sollen. Mal Zeit mit den Exponaten verbringen. In den Dialog mit ihnen treten. (…) Wir haben jetzt zehn Minuten lang alles angeschaut und sind sehr viel in den Dialog getreten.«

Es ist eine kunstvoll einfache, aber sehr genau austarierte Sprache, die zwischen den Zeilen weitererzählt, was nicht gesagt werden kann oder muss: »Jetzt sind wir eine Klasse. In zwei Wochen sind wir das nicht mehr.« Das ist nicht nur eine banale Feststellung, sondern beschreibt recht genau diese Zeit des Umbruchs mit all ihren Gefühlen, den Abschieden, der Verbundenheit – aber eben nicht oberflächlich. Oder wenn es bei einem heftigen Streit mit Herrn Utz heißt: »Und hinter ihm war jemand aufgeregt, aber jemandem wurden auch Hände auf die Schulter gelegt. Nein, melde dich nicht.«

Viel passiert auf dieser Klassenfahrt, die die letzte dieser Klasse sein wird, manches erfahren die Schüler erst jetzt von ihren Klassenkameraden. Dass Piet so gut singen kann, dass er sogar ein Stipendium an der Musikschule hat. Sarahs Musikgeschmack. oder dass Paul sich mit Pflanzen so gut auskennt, dass ihm alle begeistert zuhören. Einiges davon kommt heraus, weil »die Kaiserin« ein Kennenlernspiel initiiert, wo jeder etwas erzählen soll, was niemand von ihm weiß.

Und natürlich endet der Konflikt mit einem großen Knall. Mit einer schönen Szene, auf die der Schutzumschlag anspielt. Mit, neben Frau Kaiser, einem neuen, unerwarteten Verbündeten. Und dann natürlich mit der offiziellen Verwarnung von der Schule an eine ganze Klasse. Die auch hinterher nichts und niemanden verrät. »Jedenfalls meinten die Eltern irgendwann, dass sie nicht klagen, wenn die Schule auch nicht klagt. Und der Direx war wohl froh, und alle anderen auch. Dann fing der Utz wieder an mit Konsequenzen und Strafen, aber da ist die Kaiserin richtig ausgetickt. Ist laut geworden und hat gesagt, dass jetzt gut sei mit Sanktionen und Strafen. Die war echt wütend.«

| GEORG PATZER

Titelangaben
Tamara Bach: Sankt Irgendwas
Hamburg: Carlsen 2020
128 Seiten, 13 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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