Wut, Witz und Widerstand

Jugendbuch | Bibi Fatima Musavi: Girls Like Me

Ein kleines Stück Stoff unterscheidet die sechzehnjährige Asya von anderen Mädchen in Oslo. Sie trägt Hijab, jene Kopfbedeckung, die von vielen muslimischen Frauen als Zeichen der Bescheidenheit und des Glaubens getragen wird. Das macht ihr Leben nicht leichter. Von ANDREA WANNER

Ein Mädchen mit buntem SchleierKein Mensch kann ihren Namen richtig aussprechen – ASIE, mit Betonung auf dem A und am Ende ein weiches E. Ständig wird sie gefragt, woher sie kommt – »Aus Oslo. Ich bin hier geboren« – oder wird für ihr gutes Norwegisch gelobt. Sie will all das hinter sich lassen, am liebsten Jura studieren und auf gar keinen Fall wie ihre Eltern in einer Souterrainwohnung enden, oder wie ihre sechs Jahre ältere Schwester zu schnell heiraten und an einer Supermarktkasse versauern.

Asya ist clever, schlagfertig und überzeugte Feministin – was in einer Familie wie ihrer auf besondere Widerstände stößt. Besonders deutlich wird dieser Konflikt im Verhältnis zu ihrer älteren Schwester Rania. Hier prallen nicht nur zwei Lebensentwürfe aufeinander, sondern auch unterschiedliche Strategien im Umgang mit patriarchalen Strukturen. Asyas radikale Ablehnung ihres Schwagers ist dabei weniger ein Ausdruck jugendlicher Rebellion als vielmehr eine bewusste Absage an tradierte Rollenbilder, die sie als Sackgasse für junge Frauen begreift. Und tatsächlich liegt sie mit ihrer Einschätzung ihres Schwagers sehr viel richtiger als der Rest der Familie.

Die Erzählweise spiegelt diese Zerrissenheit wider: Asya führt in kurzen Kapiteln durch ihren Alltag, berichtet von Gesprächen mit ihrer einzigen Freundin Zahra oder ihrer Schwester. Bemerkenswert ist dabei die formale Gestaltung der Identitätssuche: Mal spricht sie von sich selbst als »ich«, mal lässt sie die »verträumte Asya« mit der »vernünftigen Asya« streiten. Diese Distanzierung verdeutlicht die ständige innere Verhandlung und Anpassungsleistung, die von ihr verlangt wird.

Das alles geschieht mit einem wachen, klugen Blick auf die Welt, auf Diskriminierung und Unterdrückung. Die Stärke des Romans liegt darin, Benachteiligung nicht als singuläres Ereignis, sondern als atmosphärisches Grundrauschen darzustellen. Asya erkennt, dass das alles nicht nur ihr Problem ist, sondern dass es ein »Wir« gibt, »Wir, die Mädchen, über die niemand schreibt (es sei denn, es geht um Zwangsehe, klar«. Die ständige Notwendigkeit, die eigene Herkunft zu rechtfertigen, erzeugt eine schleichende Erschöpfung, die Asya mit ungeheurem Witz und Selbstironie beschreibt.

Zwischen zwei Kulturen selbstbewusst den eigenen Weg zu finden, ist keine einfache Aufgabe. Die 1998 in Oslo geborene Autorin Bibi Fatima Musavi findet in ihrem Debütroman genau den richtigen Ton, um zu zeigen, wie eine junge Frau für die eigenen Werte einstehen kann. In Asya brodeln Wut und Widerstand – eine notwendige Wehrhaftigkeit, die in diesem klugen Porträt einer Generation eine starke Stimme erhält. Und nein, das ist nicht nur typisch für Norwegen, das könnte alles genauso hier, in Deutschland, geschehen. Ein grandioses, wichtiges Buch.

https://www.carlsen.de/hardcover/girls-me/978-3-551-58692-6

Titelangaben
Bibi Fatima Musavi: Girls Like Me
(Jenter som meg, 2024). Aus dem Norwegischen von Meike Blatzheim
Hamburg: Carlsen 2026
208 Seiten, 15 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren

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