Für immer allein?

Kinderbuch | Yuval Zommer: Der Weihnachtsbaum, den niemand wollte

Da kommen einem ja schon beim Titel die Tränen: »Der Weihnachtsbaum, den niemand wollte«, nein, das kann doch nicht sein. Wie kann man so herzlos sein? Vielleicht hat er doch, wie der Tannenbaum in Hans Christian Andersens Märchen schon sein Leben lang leidenschaftlich davon geträumt, einmal Weihnachtsbaum zu sein. Ja, ein wenig erinnert es tatsächlich an das alte, klassische Märchen, das aber endet bekanntlich traurig. Ob es hier auch so ist, fragt sich BARBARA WEGMANN.

Der Weihnachtsbaum, den niemand wollte - 750»Ich bin eine Fichte und das ist meine Geschichte«, erzählt der kleine Baum und es ist, als setzte er zu seiner Autobiographie an. Nicht gerade stolz schaut die kleine Fichte zurück:
»Mein Leben startete als Samen
Ich hatte einen Platz und Namen.
Bald zeigte sich: Ich würde kaum
Ein hübscher, gut gewachsner Baum!«

Na, immerhin doch einer, der reimen kann!
Zugegeben, ein bisschen mickrig sieht er schon aus, gängigen Schönheitsidealen für Tannenbäume entspricht er nicht unbedingt, ein bisschen schief gewachsen, unregelmäßig verzweigt, nicht gerade groß.
»Ich fühlte mich klein und bedeutungslos.«

Spätestens hier ist das Mitleid mit dem Kleinen, der gerne groß wäre, voll entbrannt. Inmitten stattlicher Waldbäume steht er dort, eine Jahreszeit nach der anderen vergeht, und schließlich ist’s Winter und die Menschen kommen, suchen sich einen Baum zum Weihnachtsfest aus.

»Ich sah die Bäume alle gehen,
nur ich
blieb auf der Lichtung stehen.«
Er weint, fleht, zittert. »Wozu war ich hier?«

Das ist schon eine arg berührende Geschichte, die der studierte Illustrator Yuval Zommer hier erzählt. Aber wie man Gefühle weckt, das wird er ja auch ganz genau wissen, schließlich hat er viele Jahre als Creative Director in der Werbung gearbeitet. Aber irgendwann war klar: Kinderbücher sind seine wahre Leidenschaft, und das Werkzeug aus der Werbung kann man hierfür ja auch bestens gebrauchen: Schöne plakative Bilder, die es dem Auge leicht machen, auf den zwei großen Seiten den etwas klein geratenen Baum zu entdecken, ihn nie aus dem Auge zu verlieren.

Plötzlich kommen übrigens viele Tiere zu ihm, Vögel, Rehe, ein Fuchs, Marder sogar ein Bär. Auch Farben sind Werkzeuge, nicht nur in der Werbung: Sie bleiben hier im Buch dezent, sanft geradezu, dennoch kann man die Jahreszeiten bestens voneinander unterscheiden. Die Geschichte selbst ist es, die ja schon genug Dramatik bringt, das müssen dann nicht auch noch die Farben.

Und natürlich ist da noch Werkzeug Nummer 3: das Gereimte. Man behält den Inhalt leichter, Gereimtes vergisst man nicht so leicht, damit verankert die Werbung ja auch Vieles in unseren Köpfen …
Aber wie es mit dem kleinen Baum endet, der so viel Aufmerksamkeit erhält, dass sogar ein Stern vom Himmel fällt, das müsst ihr natürlich selbst nachlesen.

So viel sei verraten: die Geschichte endet gut, und es ist vielleicht auch eine Geschichte, die davon erzählt, wie schön es ist, nicht nur für Bäume übrigens, Freunde zu haben, die einem sagen, zeigen und einen fühlen lassen, dass man viel wert ist und man nicht allein ist.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Yuval Zommer: Der Weihnachtsbaum, den niemand wollte
(The Tree that’s meant to be, 2019). Aus dem Englischen von Cornelia Boese
München: arsEdition 2020
32 Seiten, 15 Euro
Bilderbuch ab 3 Jahren
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