Geile Gefälligkeiten gefällig?

Comic | Colleen Coover: Small Favors

Collen Coovers ›Small Favors‹ ist ein Porno-Comic mit und über lesbischen Sex. Er ist witzig und geht ordentlich ran. In deutscher Sprache erschien er zuerst beim konkursbuch verlag. Nun liegt er neu bei Cross Cult vor. CHRISTIAN NEUBERT hat ihn sich vorgenommen. Und schreibt nun darüber. Wobei er ohne die Vokabeln feuchtfröhlich und bumsfidel auskommt.

Small FavorsPornocomics gibt es, seit es Comics gibt. Eine letzte Hochphase erlebte der pornographische Comic während der Ära der VHS-Cassetten, und einige seiner damaligen Macher wie Guido Crepax oder Milo Manara genießen nach wie vor Star-Ruhm. Heute dagegen sind Sex-Comics der Kategorie hardcore eher eine Ausnahmeerscheinung. Wer sie kreiert, ist ein Exot in einer Randgruppe.

Umso mehr gilt das wohl, wenn diese Person mit dem Eisner Award gekürt wurde, sich unter anderem im braven Superhelden-Genre verdingt – und weiblichen Geschlechts ist. Die Rede ist von Colleen Coover. Das erste große Comic-Projekt der US-Amerikanerin war die Reihe ›Small Favors‹ – ein Porno-Ding. Zwei Sammelbände erschienen 2002 und 2003 im Fantagraphics-Imprint Eros Comics. Die im Untertitel als »Girly Sex Comics« bezeichneten Sexgeschichten behaupteten sich dort neben »Bondage Fairies« und »House Wives at Play.«

Coovers Ansatz ist jedoch ein anderer als der, den die letztgenannten Titel verfolgen. Ihr geht es um einen Blick auf lesbischen Sex, der nicht von einer männlich-heterosexuellen Perspektive geprägt ist. Vielmehr will sie auch und gerade Frauen ansprechen – wohlwissend, dass auch jene Bock auf versauten Pornokram haben.

Ist es nun Themaverfehlung, wenn sich ein alter weißer Hetero-Mann wie der Autor dieser Zeilen den Sammelband vornimmt, der neu übersetzt bei Cross Cult erschien? Ich sag´s ohne Schamesröte: Nö. ›Small Favors‹ ist ein geiler Comic. Und lustig obendrein.

Zur Sache!

»Small Favors« zeigt alles, was heutzutage zum Standard-Repertoire breitentauglicher Pornos gehört: Sämtliche Körperöffnungen werden ausgiebig penetriert, Bondage ist eher gewünscht als abwegig, und hier und da werden Ärsche versohlt.

Was er allerdings nicht zeigt: Schwänze. Schlicht und einfach, weil Männer in ›Small Favors‹ keine Rolle spielen. In der über 200 Seiten starken Gesamtausgabe begegnet Mann keinem Geschlechtsgenossen. Trotz regelmäßigen Fellatios. Dem Umschnalldildo sei´s gedankt.

Wie jeder ambitionierte Porno hat ›Small Favors‹ natürlich auch eine Story. In ihrem Zentrum steht die 21-jährige Annie. Weil sie die Finger nicht von sich lassen kann, ereilt sie ein trauriges Schicksal: Sie erreicht ihr Masturbationslevel, weswegen ein magischer Vertrag die junge winzige Nibil als Inkarnation ihres Gewissens an sie bindet. Glücklicherweise entpuppt sich Nibil schnell als Nymphomanin – und Gleich und Gleich gesellt sich gern. Das freut auch den Leser. Denn fortan wird gebumst – festgehalten mit klaren schwarzen Outlines, die die Anatomie ihrer anmutigen, gutgelaunten Heldinnen lustvoll erkunden.

Mehr Sex!

Dass sich die Storys von Geschlechtsakt zu Geschlechtsakt hangeln, vom Dreier bis zum Rudelbums, stört dabei vermutlich keinen. Das Porno-Genre ist wohl das einzige, dem Redundanz nicht schadet, sondern im Gegenteil sogar nützt. Pornos stehen und fallen mit der ewigen Wiederkehr des Gleichen, was nicht nur von belesenen Pornographen lustvoll bejaht wird.

›Small Favours‹ wurde übrigens schon 2003 bzw. 2004 in deutscher Sprache beim konkursbuch verlag herausgebracht, übersetzt von Uli Meyer. Eine vollständige Neuauflage erschien zuletzt 2017. Im November 2020 brachte schließlich der Comic-Verlag Cross Cult eine Gesamtausgabe heraus – etwas größer, opulenter, als Hardcover-Band. Die neue Übersetzung von Lena Hofhansl kommt eine Spur schneller zur Sache. Bonusmaterial gibt es in beiden Editionen. Nun hat man die Wahl: Bekennt man sich zum flatterigen Quickie der broschierten Softcover-Ausgabe oder lebt man seinen Hardcover-Fetisch aus?

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Colleen Coover: Small Favors
Aus dem Amerikanischen von Lena Hofhansl / Uli Meyer
Ludwigsburg: Cross Cult, 2020
Tübingen: konkursbuch verlag2017
248 Seiten/250 Seiten, 35 Euro/15,50 Euro.

Reinschauen
| Leseprobe auf der Verlagswebseite
| Webseite der Künstlerin

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