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Ikonen der New Yorker Kunst- und Literaturszene

Menschen | Susan Sontag / Andy Warhol

Vier aktuelle Bücher beschreiben Leben und Werke von Susan Sontag und Andy Warhol. DIETER KALTWASSER hat sie gelesen.

Sie war ein Star unter den amerikanischen Intellektuellen, Glamour und Geist verschmolzen bei ihr zu einer unverwechselbaren Gestalt. Im letzten Jahr sind bei uns drei Bücher erschienen, die Leben und Werk Susan Sontags beleuchten: Benjamin Mosers monumentale Biografie, die Erinnerungen »Sempre Susan« der Schriftstellerin Sigrid Nunez und erstmals auf Deutsch publizierte Erzählungen von Susan Sontag unter dem Titel »Wie wir jetzt leben«. Für diejenigen, die heute über Kunst und Literatur nachdenken, bleibt die Literaturwissenschaftlerin und Kulturkritikerin unvergessen, für die Wissenschaft und Essayistik keine Gegensätze bildeten.

Ein Star der amerikanischen Literatur

Sontag Für seine monumentale Biographie konnte Moser unveröffentlichte Aufzeichnungen verwerten und ihre Lebensgefährtin Annie Leibowitz sowie Freunde wie Laurie Anderson und Paul Auster befragen, und David Rieff, Sontags einzigen Sohn, der ihre Tagebücher veröffentlichte und ein Buch über ihr Sterben geschrieben hat; eine Abrechnung mit seiner schwierigen Mutter.

Geboren wurde die Schriftstellerin, Essayistin, Publizistin und Regisseurin als Susan Rosenblatt am 16. Januar 1933 in New York City. Ihre Eltern waren der Kaufmann Jack Rosenblatt und die Lehrerin Mildred Jacobsen, beide jüdischer Herkunft. Ihr Vater starb an der Tuberkulose, als Susan fünf Jahre alt war. 1945 heiratete die Mutter Nathan Sontag, einen Captain der U.S. Army. Obwohl ihr Stiefvater sie nicht adoptierte, nahmen Susan und ihre Schwester Judith den Namen ihres Stiefvaters an.

Mosers herausragende Lebens- und Werkbeschreibung »Sontag – Die Biographie«, aus dem Englischen von Hainer Kober übersetzt, ist soziales Panorama der damaligen USA und psychologisch tiefschürfende Biografie Susan Sontags zugleich. Sie zeichnet Sontags Weg der Selbsterfindung nach, die Metamorphose vom schlaksigen Mädchen aus dem amerikanischen Westen zur erhabenen Symbolfigur der New Yorker Literatur- und Intellektuellenszene. Als Teenager an der North Hollywood High School in Los Angeles liest sie Thomas Manns »Zauberberg« und lädt sich beim berühmten Exilautor zur Teestunde ein.

In Harvard schrieb sie ihre Doktorarbeit in Philosophie und lernte dort Jacob Taubes kennen, der gemeinsam mit dem Religionsphilosophen Paul Tillich zu ihren Mentoren und Förderern zählte. Herbert Marcuse bezeichnete sie als einen Freund und sie traf Hannah Arendt, »als ich Mitte zwanzig war und nach New York zog«.

Sempre SusanDas Themenspektrum, das sie in ihrem beeindruckenden literarischen und essayistischen Werk bearbeitet, reicht von postabstrakter Malerei über Pornografie und Existenzialismus bis hin zu Aids, Krebs, und Kriegsfotografie. Auch ihre nun auf Deutsch vorliegenden Erzählungen »Wie wir jetzt leben«, übersetzt von Kathrin Razum und mit einem superben Nachwort von Verena Lueken versehen, sind Erkundungen ihres Wesens, brillante literarische Auseinandersetzung mit Scham und Krankheit, Liebe und Moral. In ihnen findet sich auch der autobiographische Bericht »Wallfahrt« über ihren Besuch bei Thomas Mann in den Palisades hoch über dem Atlantik bei Los Angeles, erschienen erstmals 1987, vierzig Jahre nach den geschilderten Ereignissen, im »New Yorker«.

In ihm schreibt Sontag: »Ich habe nie jemandem von dem Besuch erzählt. Ich habe ihn über all die Jahre geheim gehalten, als müsste ich mich seiner schämen. Als wären zwei andere Leute daran beteiligt gewesen, zwei Phantome, zwei provisorische Wesen, die woandershin unterwegs waren: ein peinlich berührtes, leidenschaftliches, literaturberauschtes Kind und ein exilierter Gott, der in einem Haus in Pacific Palisades lebte.«

Trotz des »National Book Awards« für ihren späten historischen Roman »In America« aus dem Jahr 2000 wurde ihr literarisches Werk, so Verena Lueken, »weitgehend mit einem Schulterzucken und manchmal sogar mit unverhohlener Missgunst und einiger Herablassung bedacht – und selten ernsthaft gelesen«. Auch Sigrid Nunez berichtet von solchen Reaktionen gegenüber Sontag, in ihrem lesenswerten Erinnerungsbuch, in dem Sigrid Nunez über die prägende Begegnung ihres Lebens schreibt und ein privates, fein nuanciertes Porträt von Susan Sontag entsteht.

Susan SontagIhre Schriften zur Fotografie protestieren gegen die Oberflächlichkeit der Bilder, sie selber hatte ein markantes Aussehen, wie die Porträtaufnahmen von Warhol bezeugen. Obwohl sie die Art und Weise beklagte, wie die Warenwelt den äußeren Schein mit Preisen auszeichnet, definierte »dieses ›Susan Sontag‹-Ding«, wie sie es nannte, ihre persönliche Marke. Gegen Bezahlung verlieh sie auch anderen Waren ihre Anziehungskraft: »Im Jahr 2000«, notiert Moser lapidar, »ließ sie sich von ihrer Lebensgefährtin Annie Leibovitz für eine Wodka-Reklame fotografieren.«

»Camp« nannte Sontag die 60er-Jahre in New York, die Zeit von Andy Warhol und der Pop-Art, der Lust und des Überschwangs, der sexuellen Uneindeutigkeit und der Befreiung. Ihr Essay »Über Fotografie« huldigte und kritisierte das neue Medium. Als der letzte große Literaturstar Amerikas war sie bei den Fotografen heiß begehrt. »Sie war Athene, nicht Aphrodite: eine Kriegerin, eine ›dunkle Prinzessin‹«, schreibt Benjamin Moser in seinem Porträt.

Susan Sontag überlebte drei Jahrzehnte mehrfach Krebserkrankungen, bevor sie 2004 im Alter von 71 Jahren an Leukämie starb. Ihr Sohn beschloss, sie in Paris zu bestatten, auf dem Friedhof Montparnasse. Dort wurde sie im Januar 2005 beerdigt und würde, so ihr Biograph, »ewig in Gesellschaft von Sartre, Cioran, Barthes, Beckett bleiben – der idealen Familie, von der sie in Tucson« in ihrer Jugend geträumt hatte.

»Ein Leben als Kunst«

Sir Elton John zeigte sich begeistert, nachdem er die neue 1200seitige Biographie »Warhol – Ein Leben als Kunst« gelesen hatte: »Diese fantastische Biographie enthüllt den Mann – und das Genie – unter der silbernen Perücke.« Der Biograph Blake Gopnik zählt zu den führenden Kunstkritikern Nordamerikas und schreibt regelmäßig für die New York Times.

Auf der Grundlage langjähriger Recherchen und bislang unbekannter Dokumente und zahlreicher Interviews mit »Warhols Freunden, Feinden und Liebhabern« beschreibt er den Weg des Künstlers von seinen Anfängen als Sohn verarmter osteuropäischer Einwanderer im Pittsburgh der Dreißigerjahre, wo er 1928 geboren wurde, über seine anfänglichen Erfolge als Werbezeichner bis hin zu seinen bahnbrechenden Werken der Pop-Art in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren und seinem zu frühen Tod am 22. Februar 1987, nachdem er 1968 von der zum »Factory«-Kreis gehörenden, geistig verwirrten Valerie Solanas niedergeschossen und schwer verletzt wurde.

Warhol Andy Warhol ist der bekannteste Künstler des Pop-Art. In seinen 1962 gegründeten, »Factory« genannten Ateliers, verschiedenen in New York gelegenen Fabrikhallen, arbeitete er an unterschiedlichsten Projekten; sie waren Warhols Experimentierstätten. Ihm wurde alles zur Kunst: Das alltägliche Leben der Konsumgesellschaft. Warhol verwendete vieles aus der Populärkultur, was er als »glamourös« empfand oder interpretierte – und wenn es, wie in seiner berühmten allerersten Serie, eine Suppendose von »Campbell’s« war. Diese und die Bildserien von Hollywoodstars wie Marilyn Monroe sind stilprägend geworden. Er umgab sich in seiner »Factory« mit einer Gemeinde aus Müßiggängern, Musen, Celebrities und Intellektuellen.

In der monumentalen Biographie taucht der Leser tief ein in das Leben einer schillernden, rätselhaften Kunstfigur, in der sein Biograph beschreibt, wie Warhol, den Truman Capote als eine »Sphinx ohne Geheimnis« beschrieb, die Trennung zwischen Kunst und Leben aufzuheben versuchte und die Kunstwelt revolutionierte.

Im Falle von Andy Warhol ging dies gut einher mit dem Camp-Stil, über den Susan Sontag schrieb: »Camp in Personen oder Sachen wahrnehmen heißt die Existenz als das Spielen einer Rolle einnehmen. Damit hat die Metapher des Lebens als Theater in der Erlebniswelt ihre größte Erweiterung erfahren.«

| DIETER KALTWASSER

Titelangaben
Benjamin Moser: Sontag. Die Biografie
Aus dem Englischen von Hainer Kober
München: Penguin Verlag 2020
960 Seiten, 40,00 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander
| Leseprobe

Blake Gopnik: Warhol
Ein Leben als Kunst
Aus dem Amerikanischen von Marlene Fleißig, Hans Freundl, Ursula Held, Hans Peter Remmler, Dr. Andreas Thomsen und Violeta Topalova
München: C. Bertelsmann Verlag 2020
1200 Seiten, 45,00
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Susan Sontag: Wie wir jetzt leben
Erzählungen
Aus dem Englischen von Kathrin Razum
Mit einem Nachwort von Verena Lueken
München: Carl Hanser Verlag 2020
128 Seiten, 20 Euro
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Sigrid Nunez: Sempre Susan
Erinnerungen an Susan Sontag Aus dem Amerikanischen von Annette Grube
Berlin: Aufbau Verlag 2020
141 Seiten, 18 Euro
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