/

Am Klimanwandel scheitern

Sachbuch | Jonathan Safran Foer: Wir sind das Klima!

»Unsere inneren Alarmanlagen sind nicht für abstrakte Gefahren gebaut.« Dieser Satz fasst die immer deutlicher sichtbare Tatenlosigkeit gut zusammenfassen, die uns als Gesellschaft angesichts des Klimawandels befallen hat. Der Klimawandel bleibt als grundlegende Gefahr derart abstrakt, dass man ihn unsichtbar nennen muss. Zumindest verhalten wir uns so, schreibt der Schriftsteller Jonathan Safran Foer in seinem jüngsten Buch ›Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können‹. Darin versucht Foer den Klimawandel aus verschiedenen Angriffspunkten zu packen und greift dann doch nur Luft. Er ist sich dieses Versagens schmerzlich bewusst. Von BASTIAN BUCHTALECK

Die schmerzliche Lücke zwischen Wort und Tat

Foer - KlimaAufgeteilt ist das Buch in fünf große Abschnitte, wobei Foer im ersten Abschnitt auf immerhin 89 Seiten und in gefühlt 25 Kapiteln verschiedenste Erzählungen aufspannt, die davon berichten, dass die Menschheit schon früher große Opfer erbracht hat, wenn es notwendig war (z.B. im Zweiten Weltkrieg). Dass Menschen schon immer durch gute Geschichten beeindruckt wurden (z.B. durch die schwarze Bürgerrechtsbewegung) oder wie schlimm es ist, Dinge zu wissen (der Klimawandel ist real), aber nicht danach zu handeln. Foer beschreibt seine Verzweiflung darüber, dass sich der Klimawandel sprachlich, emotional und gedanklich nicht richtig fassen lässt. Verzweiflung über die Lücke vom Wort zur Tat, die er nicht überbrücken kann. Foer möchte mit ›Wir sind das Klima!‹ den Klimawandel greifen, ihm eine literarische Form geben, wie er das mit dem Thema der Massentierhaltung in seinem Buch ›Tiere essen‹ gemacht hat – und scheitert bei vollem Bewusstsein.

Hätte eine Bande böser Psychologen sich den Klimawandel als perfekte Katastrophe ausgedacht, um unsere Spezies auszulöschen, sie hätte, um das Maß vollzumachen, vielleicht gleich auch den Nachrichtensender MSNBC, Social Media und Hybridfahrzeuge dazu erfunden. Dank ihnen können wir uns für engagiert halten, ohne uns zu engagieren – so wie wir uns dank Selfies für präsent halten, ohne präsent zu sein. Jonathan Safran Foer

Die daraus entstehende innere Zerrissenheit macht Foer in dem wirren vierten Abschnitt »Gespräch mit der Seele« deutlich, in dem er einen inneren Dialog zwischen sich und seiner bissigen, kampfeslustigen Seele niederschreibt. Das ist manchmal humorvoll und selbstironisch, meist aber wirr und redundant.

Die Wahrheit der Zahlen

Entmutigend ist der Anhang mit dem sperrigen Titel »14,5 Prozent/51 Prozent«. Beide Angaben beziehen sich auf dieselbe Feststellung: welchen Anteil hat die Massentierhaltung am Treibhausgasausstoß. Foer macht deutlich, welche Annahmen zu diesen deutlich unterschiedlichen Zahlen führen, was berücksichtigt wird, was ausgelassen wird und welche politische bzw. ökonomische Haltung dahinter steht. Getreu dem Motto: Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

Es ist ein wohlkalkuliertes Entsetzen, was dabei aufkommt, wenn deutlich wird, dass das Kleinreden des eigenen Anteils am Klimawandel bloß eine Frage der Zahlen ist. Wohlkalkuliert auch darum, weil der Leser sich so einerseits ärgern kann über die Dreistigkeit der politischen Agenda mancher Unternehmen (und Ärger ist ein guter Motor für Veränderung) und gleichzeitig spürt man als Leser an dieser Stelle die eigene Verantwortung. Denn auch wir rechtfertigen unser Verhalten immer wieder mit fadenscheinigen Begründungen.

Zuletzt sind es solche Zahlenspiele, die den Kampf gegen den Klimawandel erschweren. Es gibt keine uneingeschränkt vertrauenswürdigen Akteure, sondern gefühlt nur Kräfte auf beiden Seiten des Spektrums und beide bilden ihre Wahrheit ihrer politischen Agenda entsprechend.

14-seitiges Herz des Buchs

Der zweite Abschnitt ist mit 14 Seiten der kürzeste der fünf Abschnitte und zugleich das Herzstück des Buches. Überhaupt das Herzstück der Auflehnung gegen die Ursachen des Klimawandels. In Stichpunkten macht Foer den Klimawandel, seine Ursachen und die potentiellen Folgen maximal sichtbar. Diese Stichpunkte tun dem Schriftsteller weh, weil es ihm nicht gelingt, diese krasse Realität in einen Fließtext zu fassen. Die Realität ist zu krass für eine solche Transformation. Die Stichpunkte tun auch weh, weil die meisten Menschen um die Ursachen wissen und welchen Beitrag sie dazu leisten. Aber kaum jemand handelt danach, selbst dann nicht, wenn man, wie die allermeisten Menschen, Kinder hat, die in Zukunft direkt vom Klimawandel betroffen sein werden!

Fazit

Im Vergleich zu Foers anderem Sachbuch ›Tiere essen‹ ist ›Wir sind das Klima!‹ ein seltsam unausgewogenes Buch. Es ist zwar stilistisch hervorragend geschrieben und ebenso hervorragend erzählt. Aber die Erzählungen sind eher vage als konkret, mehr wie Metaphern und nicht wie etwas, was uns Menschen betrifft. Der Klimawandel bleibt unsichtbar, weil er zu abstrakt und zu komplex ist.

Foer stellt ernüchtert fest, dass das „Heldentum“ bei dem Kampf gegen den Klimawandel weniger darin besteht, sich massiv einzuschränken, wie es notwendig wäre, und mehr darin, sich angesichts des quasi unsichtbaren Feinds überhaupt einzuschränken.

| BASTIAN BUCHTALECK

Titelangaben
Jonathan Safran Foer: Wir sind das Klima!
Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2019
336 Seiten, 22 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Zusammen schmeckt’s noch besser

Nächster Artikel

Schwerstarbeit für Vogeleltern

Neu in »Gesellschaft«

Destabilisierung

Gesellschaft | Ulrich Teusch: Der Krieg vor dem Krieg Uns wird nach Kräften Honig ums Maul geschmiert, so intensiv, dass wir argwöhnen müssen, sie hätten uns am liebsten mit Honig im Kopf, das vorherrschende Empfinden ist die eigene Ohnmacht. Wirklichkeit ist anders, als sie uns in flimmernd bunten Bildern entgegentritt. Für das zahlende Publikum wird eine flächendeckende Begriffsverwirrung in Szene gesetzt. Von WOLF SENFF PDF erstellen

Ein Mausoleum des Grauens

Sachbuch | Yang Jisheng: Grabstein Was geschieht, wenn Menschlichkeit plötzlich keine Rolle mehr spielt? Was trennt den Menschen vom Tier? Was können wir einander antun und warum? Was kann die Gesellschaft dem Individuum antun? Wann verliert ein Staatssystem seine Daseinsberechtigung? Und wie kann es sein, dass sechsunddreißig Millionen Menschen verhungern in einer Zeit ohne Krieg, ohne Naturkatastrophen und bei gefüllten Nahrungsmittelspeichern? VIOLA STOCKER ließ sich von Yang Jishengs Grabstein. Die große chinesische Hungerkatastrophe 1958 – 1962 diese und weitere Fragen erklären. PDF erstellen

Blut für Öl

Gesellschaft | Tyma Kraitt (Hg.): Irak. Ein Staat zerfällt Der Irak kommt seit über dreißig Jahren nicht aus den Schlagzeilen heraus. Und weil es eben die Schlagzeilen westlicher Medien sind, wird da fast ausschließlich über Blut und Tränen, Krieg, Terror und Massaker berichtet, kaum je über historisch-politische Fluchtlinien, Hintergründe oder wirtschaftliche und soziale Strukturen. Der von Tyma Kraitt (Österreichisch-Arabische Gesellschaft) herausgegebene Band Irak. Ein Staat zerfällt will dem abhelfen. Von PETER BLASTENBREI PDF erstellen

Zur Digitalisierung der Börsen

Gesellschaft | Martin Ehrenhauser: Die Geldroboter Da sitzen sie, denkt man, die Strippenzieher, und sie bewegen und gestalten die Geschicke von Nationen. Sie handeln mit Rohstoffen, mit Aktien, mit Anleihen, mit Derivaten; sie wissen, weshalb sie sich im Hintergrund halten und für die Öffentlichkeit unbekannte Figuren bleiben möchten. Von WOLF SENFF PDF erstellen

Weitere Aufklärung notwendig

Sachbuch | Nina Brochmann, Ellen Stokken-Dahl: Viva la Vagina! Alles über das weibliche Geschlecht Als man mir übertragen hat eine Besprechung des Buchs ›Viva la Vagina! Alles über das weibliche Geschlecht‹ zu schreiben, habe ich zuerst überlegt, welche Themen wahrscheinlich angesprochen werden würden. Sie braucht Beachtung und sie braucht Zeit, waren meine ersten Gedanken. Sie mag es sanft angefasst zu werden und, je nach Situation, auch mal intensiver. Sie hat eigene Bedürfnisse und muss lernen, diese zum Ausdruck zu bringen. Bei der Lektüre wurde ich in all meinen Annahmen bestätigt. Allerdings beschränkt auf das Kapitel »Sex«, welches nur ein Siebtel