Schwerstarbeit für Vogeleltern

Sachbuch | Heinz Schmidbauer: Ein Garten voller Vögel

Man muss nicht in die Regenwälder dieser Welt fahren, um attraktiven Vogelarten zu begegnen, nicht in die Tropen, um spektakuläre gefiederte Farbspiele zu bewundern, dieser Bildband bleibt ganz, ganz nah, in heimischen Gärten. Er sensibilisiert für eine gefährdete Tierwelt, die viel zu wenig wahrgenommen wird, die aber durchaus in unserer direkten Umgebung anzutreffen ist. Und das schafft dieses Buch mit einzigartigen Mitteln, wie sich BARBARA WEGMANN überzeugen konnte.

Gartenvoegel »Als ich noch ein kleiner Junge war, waren unsere Wiesen, Bäume und Gärten voller Vögel, Frühaufsteher brauchten keinen Wecker, überall wurde geträllert, gepiepst, gesungen. Heute hört sich Deutschland anders an.« So schreibt es Hannes Jaenicke im Vorwort des grandiosen Bildbandes. Selten habe ich ein derart liebevoll geschriebenes, fachkundlich hervorragendes und in seinen Fotografien exzellentes Buch gesehen. Der Spaß am Buch beginnt mit dem Blättern: da stockt nicht nur dem fotografischen Laien das Herz, brillant sind die Bilder, zum Verlieben schön, und: alles quasi aus eigenem Garten. »Spatz und Meise nach dem ersten Vollbad«, wie begossene, gefiederte Pudel sehen sie aus, ein Kleiber, der sich konzentriert mit einer Nuss abmüht, Feldsperling und Buntspecht, die sich um einen Meisenknödel streiten, Jungvögel, die Schnäbel nie weit genug aufsperren können beim Geschwister-Kampf um das Futter. Oder auch die kleinen Federbälle, die es aufs Titelbild schafften, die Schwanzmeisen, die aussehen wie kleine gefiederte Schneebälle mit schwarzer Rückenzeichnung, einem langen Schwänzchen und so zierlichen Füßchen.

Auf 224 Seiten führt das für seine Text- und Bild-Inhalte her fast preiswerte Buch durch ein ganzes Vogeljahr: beginnend mit der »Frühlingszeit«, der »Hochzeit«, der »Elternzeit«, es schildert die »Jugendzeit« der geschlüpften Vögel und endet mit der herbstlichen »Erntezeit« und schließt mit der »Winterzeit«.

Heinz Schmidbauer ist schon lange im Profi-Geschäft: mit 30 gehörte noch der Filmerei seine Leidenschaft, später wurde es dann die Fotografie. Dieses Buch zeigt, dass auch das eine absolut richtige Entscheidung war. Hier stimmt einfach alles: das fotografische Talent, die Auswahl der Bilder, der Text, die Gliederung, das Konzept des Buches. Ein überzeugendes Plädoyer für die Artenvielfalt in heimischen Gärten. Schmidbauer findet stets den richtigen Ton. »Nach der harten Winterzeit … bringen unsere Gartenvögel die aufregende Zeit der Partnersuche und Paarung hinter sich. Schnell ein Nest bauen, dann Eier ablegen, zwei Wochen bebrüten und zwei weitere Wochen Futter herbeischaffen, was das Zeug hält … Schwerstarbeit für Vogeleltern.« Schmidbauer erzählt und erläutert anschaulich.

Das Buch liefert nicht nur wertvolle Tipps für Futter und Wasserangebot, für Zufütterung, Hinweise für Nistkästen und Refugien für die gefiederten Gartenbesucher. Es erklärt nicht nur sehr verständlich, welche Vögel welches Futter bevorzugen, wie man das alles bewerkstelligen kann im eigenen Garten oder auf dem Balkon. Es porträtiert zudem die einzelnen Vogelarten, natürlich am bezauberndsten mithilfe der wunderbaren Fotos, die oft derart klar und nah sind, dass Vogelgefieder bis in die kleinste Federpore gestochen scharf erscheint. Fotografien, die begeistern.

Das Buch spart aber auch nicht an Kritik: Oft fehlt den Vögeln das Futter, Vögel sterben, können nicht überleben, weil »artenreiche Wiesen, Weiden und Brachflächen … verschwinden«, so heißt es, Vögel sterben, weil es an Insekten mangelt. Und es mangelt an Insekten, weil Flächen betoniert werden, die Monokultur in der Landwirtschaft mit Vielfalt nicht mehr vereinbar ist. Und: weil der Einsatz von Pestiziden massiv gestiegen ist. »Wenn ich früher längere Strecken mit dem Auto fuhr,« so erinnert sich Hannes Jaenicke, »musste ich bei jedem Tankstopp die Windschutzscheibe schrubben und säubern, sie war zugekleistert mit zermatschten Insekten. Das ist mittlerweile meist überflüssig, die Windschutzscheibe bleibt selbst bei längeren Fahrten sauber.«

Gartenvoegel
Ein Garten voller Vögel; Leseprobe (© Frederking und Thaler Verlag)

Ohne Insekten kein Leben, so einfach ist das, das gilt nicht nur für Gartenpflanzen, sondern generell für die Natur, denn dort überall finden Vögel ihre Nahrung und Insekten bestäuben »90 Prozent unserer Wild- und Kulturpflanzen«. Da greift eins ins andere. Schmidbauers Appell lautet deshalb, sich nicht mit den Folgen, die der Fortschritt mitbringe, abzufinden. Änderungen, so sagt er, dürften nicht auf Kosten der Umwelt und Artenvielfalt geschehen. »Viele Menschen vergessen nur sehr schnell, dass wir selbst auch ein Teil der Natur sind.« Jeder könne mit einem kleinen Stückchen Naturgarten zur Rettung der Gartenvögel beitragen. Wie gesagt: Ohne Insekten kein Leben.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Heinz Schmidbauer: Ein Garten voller Vögel
Paradiese schaffen- der Vielfalt ein Zuhause bieten
Vorwort von Hannes Jaenicke
München: Frederking & Thaler Verlag 2021
224 Seiten, Preis: 29,99 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Am Klimanwandel scheitern

Nächster Artikel

Irrläufer

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Eine Riesenmenge Faktenlage

Gesellschaft | George Packer: Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika Diese Darstellung schildert Odysseen, und oft sind diese Irrfahrten abenteuerlicher noch als das Vorbild, fremdgesteuert jedes Leben, dass man sich fragt, wozu das gut sein soll. Unbarmherzig angetrieben von Geiz wie Sam Walton, Begründer und Eigentümer von Wal-Mart, der mit seinen überbordenden Expansionen – »Das ganze Land war eine Art Wal-Mart geworden« – eine verheerende ökonomische und kulturelle Monostruktur schuf und, ohne dass es in seiner Absicht gelegen hätte, den Zerfall gesellschaftlichen Zusammenhalts betrieb. Von WOLF SENFF

Barocke Augenfreuden

Kulturbuch | Kathrin Hofmeister: Küchengärten. Die Lust am schönen Nutzen Der Boom von Zeitschriften, die das schöne Landleben betrachten, legt nahe, dass es uns ein echtes Bedürfnis ist, in Zeiten wachsender Betonberge, Geist und Hände im satten Grün zu erden. Darüber hinaus reiht sich die Lust am Garten ein in den neuen Trend, Dinge selbst zu machen und zu gestalten. Denn es geht in der gängigen Gartenliteratur weniger um die Natur als um die Freude an der Gestaltung derselben. Kathrin Hofmeister hat gemeinsam mit den kongenialen Fotografen Ulrike Romeis und Josef Bieker einen liebevoll gestalteten Bildband über ›Küchengärten‹ verfasst. VIOLA

Garantie für grüne Daumen

Kulturbuch | Karin Greiner: Glück aus dem Garten Gärtnern ist wieder IN. Das beweist nicht zuletzt ein verwunderter Blick auf die Gattin des US-Präsidenten, die sich gerne bei der Gartenarbeit im Weißen Haus ablichten lässt. Auf dieser Trendwelle schwimmt Karin Greiners ›Glück aus dem Garten‹. Es ist dem konservativen Medium des Bayerischen Rundfunks zu verdanken, dass die Diplombiologin und Pflanzenexpertin bei ›Bayern 1‹ nicht nur Trends folgen muss, sondern auch tiefe Einblicke in die Arbeitsweise der Natur geben kann. VIOLA STOCKER ließ sich aufklären.

Der perfekte Reisemoment

Sachbuch | Wann am besten wohin?

Die beiden Bände »Wann am besten wohin- Deutschland« und »Wann am besten wohin- Europa«, sie erschienen 2021 mit viel positiver Resonanz, dieses Reiseziel-Potpourri nun reiht sich attraktiv ein in die Reihe der Bücher für all jene, die zwar wissen, wann sie verreisen wollen, aber nicht wohin. BARBARA WEGMANN hat darin geblättert.

Kampf der Kulturen?

Gesellschaft | Gerhard Schweizer: Islam verstehen – Geschichte, Kultur und Politik Warum fühlen nichtmuslimische Europäer sich bedroht, wenn ihnen bärtige Männer mit Turbanen in der S-Bahn begegnen? Weshalb denken Muslime, Christen wären intolerant gegenüber ihrem Glauben? Kreuzzüge, Kopftücher, »Heiliger Krieg«: Der islamisch-abendländische Konflikt ist der eines ganzen Jahrtausends voller historischer Fundamente, die die Basis für heutige interkulturelle Differenzen, Barrieren und Feindbilder legen. Stehen wir wirklich vor einem »Kampf der Kulturen« oder öffnen wir uns einem Dialog auf Augenhöhe? Von MONA KAMPE